Film-Tipp

„Captain Fantastic“: Ein Leben fernab der Zivilisation

 Szene aus „Captain Fantastic: Einmal Wildnis und zurück“

Szene aus „Captain Fantastic: Einmal Wildnis und zurück“

Foto: Universum

Was kann ein Film leisten? Nicht ein Blockbuster ist gemeint, sondern einer der eher kleinen Filme. Solche Filme entführen den Zuschauer im besten Falle in eine andere Welt oder zeigen das eigene Leben so, dass man seine Alltäglichkeit mit neuen, verwunderten Augen betrachtet. Und wenn man das Kino verlässt, ist man beglückt, gerührt und im besten Sinne ­wacher. Das sind dann wunderbare Momente. Man tritt nach einem Kinoabend hinaus, ist verstört, aber glücklich.

„Captain Fantastic“ gelingt so ein wunderbarer Moment. Man ist danach erfüllter als zuvor, fast dankbar, den Einblick in eine ganze andere und doch seltsam vertraute Familienwelt erhalten zu haben.

Vater Ben (Viggo Mortensen) lebt mit seinen sechs Kindern weit abseits von der Zivilisation tief in den Wäldern des amerikanischen Nordens. Ben ist ein Typ des Linken, wie es ihn in Deutschland nicht wirklich gibt: Er ist bewaffnet, versucht weitgehend autark mit seiner Familie zu überleben und sucht dabei so wenig Kontakt wie möglich mit der Außenwelt. Auch seine sechs Kinder bildet er in diesem Sinne aus. Der Älteste, Bo (George MacKay), der seinen Highschool-Abschluss schon gemacht hat, erlebt in der ersten Szene eine Art rituelle Initiation zum Manne, indem er mit einem Messer und bloßen Händen einen Hirsch erlegt. „Jetzt bist du ein Mann“, sagt sein Vater hinterher zu ihm. Welcher linke deutsche Vater würde so zu seinem Sohn reden?

Aber auch die anderen fünf Kinder, die 15-jährigen Zwillingsmädchen Vespyr und Kielyr, der wütende zwölfjährige Rellian und die beiden kleineren Geschwister müssen täglich durch eine Art Wildlife-Bootcamp. Abends wird dann die Gitarre am Lagerfeuer herausgeholt – aber erst, nachdem alle Kinder eine Weile anspruchsvolle Bücher gelesen und den Inhalt wiedergegeben haben.

Alles wirkt eingespielt, die Tage sind durch Papas Überlebensschule eingetaktet, doch schnell fällt auf, etwas fehlt: eine Mutter. Die, stellt sich heraus, wird wegen einer bipolaren Störung und Depression in einer Klinik behandelt. Und kaum hat man das erfahren, ist sie wenige Filmminuten später auch schon tot. Selbstmord. Nun beginnt der eigentliche, der zweite Teil des Films: Die Familie bricht zur Beerdigung auf. Bens Schwiegereltern haben ihren Schwiegersohn – und damit schweren Herzens auch die Enkel – von der Beerdigung ausgeladen. Ein christliches Begräbnis ist lächerlich, findet Ben, war seine Frau doch am Schluss bekennende Buddhistin, samt testamentarischer Verfügung, dass sie nach dem Tod verbrannt und im Klo runtergespült werden möchte. Ben macht sich trotzdem mit den Kindern auf, ein Drittel des Films erlebt man ein Road-Movie.

Am Ende prallen die Welten bei der Beerdigung aufeinander – und oft weiß man kaum, ob man lachen oder weinen sollte. Gedreht hat den Film Matt Ross, ein Mann, den man sonst aus Nebenrollen verschiedener US-Serien wie „Six Feet Under“ oder „Bones“ kennt. Dort spielt er immer den „creepy Guy“, den Typen, der unheimlich ist. Ross ist selbst mit seiner alleinerziehenden Mutter in einer Hippie-Kommune aufgewachsen, manches davon ist sicher in den Film geflossen. Es ist nach „28 Hotel Rooms“ seine zweite Regiearbeit, und sie ist gelungen. Selten fand ein Film so versöhnliche Töne, ohne kitschig zu werden.

„Captain Fantastic: Einmal Wildnis und zurück“ USA 2016, 118 Min., ab 12 J., R: Matt Ross, D: Viggo Mortensen, Frank Langella, George MacKay, täglich im Abaton, Koralle, Passage, Zeise; www.captain-fantastic-film.de