Konzert-Tipp

Reeperbahn-Festival: Musik, Menschen, Möglichkeiten

Besucher des Reeperbahn Festivals auf der Großen Freiheit

Besucher des Reeperbahn Festivals auf der Großen Freiheit

Foto: matias boem

Das Bändchen ist für den Pop-Fan in den kommenden vier Tagen und Nächten das wichtigste Stück zum Glück. Denn der schmale Streifen Stoff gewährt beim zehnten Reeperbahn Festival – wie in den Jahren zuvor – Zugang zu fast 50 Orten auf dem Kiez und Umgebung, an denen passionierte Musik-Hörer Hunderte Konzerte von Electro über Pop, Hip Hop und Folk bis zu Rock und Soul erleben können. Und Bühnen, vor denen sich Entdeckern und Experten treffen, bieten in diesen wilden, schönen, beseelten Stunden nicht nur etablierte Clubs wie Docks und Große Freiheit 36, sondern auch unkonventionelle Locations wie etwa die St. Pauli Kirche oder der Plattenladen Zardoz auf dem Schulterblatt.

Am Mittwoch öffnen um 14 Uhr die Kartencontainer auf dem Spielbudenplatz, an denen der Festival-Gänger sein vorab oder dann schnell noch vor Ort gekauftes Ticket bis Mitternacht gegen sein Einlassbändchen eintauschen kann (Do–Sa ab 10 Uhr). Vielen gilt dieser etwas andere Armschmuck auch noch Monate, gar Jahre später als Glücksbringer und Andenken.

Doch auch Poster, T-Shirts und Fotos dienen vielen Fans als emotional aufgeladene Erinnerungsstücke. Etwas, das bleibt. Von Tagen und Nächten voller Musik, voller Menschen, voller Möglichkeiten. Diesen Kult-Stücken widmet sich die Ausstellung „Zehn“ im Klubhaus St. Pauli (Spielbudenplatz 27-28). Kathrin Hunze und Naemi Eckert, die an der HAW Hamburg Design studieren, haben eine Installation aus Plakaten, Texten und Bildern der vergangenen Festival-Jahre geschaffen.

Einen guten Startpunkt, um ins Festival einzusteigen, liefert innerhalb des stetig wachsenden Kunst-Angebots auch das Kollektiv Baltic Raw. Passend zu der traumwandlerischen wie reizüberflutenden Utopie, die solche ein Festival stets auch ist, erschaffen die Hamburger „Künstliche Paradiese“. Bei den ehemaligen Esso-Häusern entstehen riesige Wandarbeiten, die Sehnsucht und Wandel zum Thema haben.

Was jedoch seit zehn Jahren gleich geblieben ist und zudem vom Publikum mittlerweile mehr als verinnerlicht wurde: Am besten beraten ist, wer das Reeperbahn Festival wie eine Art Expedition mit offenem Ende versteht. Wer gedruckte Flyer oder die extra entwickelte Smartphone-App als eine Art Kompass nutzt. Wer aber auch den Mut hat, sich treiben zu lassen.

All jenen, die jedoch ein Ziel, einen Fixpunkt, ja einen Headliner suchen, sei am heutigen Mittwoch das Pfälzer Trio Sizarr mit seinen raffinierten Pop-Songs im Mojo Club empfohlen (Mi 23.10 Uhr, Reeperbahn 1). Am Freitag wiederum dürften die Londoner von Rudimental mit ihren Hits zwischen Electro und Funk für rhythmisches Beben im Docks sorgen (Fr 23.20 Uhr, Spielbudenplatz 19). Und am Sonnabend präsentiert der britische Chartsstürmer James Morrison in der Großen Freiheit 36 neuen souligen Songwriter-Pop (Sa 22.40 Uhr).

Groß geschrieben wird beim Reeperbahn Festival stets die Internationalität, die sich in zahlreichen Länder-Showcases zeigt. Im Karatekeller des Molotow etwa lässt sich am heutigen Mittwoch die Popkultur Sloweniens erkunden (Mi 20.30, Nobistor 14).

Wer wiederum nigelnagelneue Hamburger Clubkultur in Augenschein nehmen möchte, der sollte im Klubhaus St. Pauli vorbei schauen, zum Beispiel bei der Band Robb, die mit ihrem betörenden Mix aus Soul, Indie und Hip Hop im frisch eröffneten Club Häkken aufspielt (Mi 22.40, Spielbudenplatz 21). Und wer sich bereits frühzeitig Erinnerungsstücke für die heimischen Wände sichern möchte, dem sei die „Flatstock Europe Poster Convention“ ans Herz gelegt (Mi–Sa ab 14.00, Spielbudenplatz 1, Eintritt frei). Die Erlebnisse muss jeder selbst machen. Im Moment. Doch die farbstarken Plakate halten das Festival-Gefühl für die kommenden Monate, ja Jahre.

Reeperbahn Festival Mi 23.9. bis Sa 26.9., diverse Clubs und Locations auf St. Pauli, Tagestickets: 24,- (23.9.) bis 44,- (26.9.). Festivaltickets: 69,- (2 Tage) bis 89,- (4 Tage); www.reeperbahnfestival.com

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.