Kino-Tipp

Daniel Brühl als Ekelpaket in „Ich und Kaminski“

Verbünden sich: Daniel Brühl (l) als Sebastian Zöllner und Jesper Christensen als Maler Manuel Kaminski

Verbünden sich: Daniel Brühl (l) als Sebastian Zöllner und Jesper Christensen als Maler Manuel Kaminski

Foto: Gordon Timpen / dpa

Im Bikini-Haus Berlin im ersten Stock, gleich über Kaiser’s, ist sie zu sehen: die „Kaminski Retrospektive“. Große, pastöse Ölgemälde wie „Der Tod am fahlen Meer“ nebst Vorstudien. Die nie gezeigte „Blind Serie“ des erblindeten Malers, die den Verlust des Augenlichts thematisiert. Daneben hängen Fotografien, die den Maler neben anderen Größen wie Strawinsky, Matisse und Warhol zeigen. Ein Porträt von Man Ray. Eine Postkarte von Picasso. Und eine Vita, die das Leben des Künstlers (1909–1995) rekapituliert. Und die meisten, die sich hier verirren, dürften das alles für bare Münze nehmen.

Ist es aber nicht. Ist alles ein Streich von Wolfgang Becker, der seinen neuen Film „Ich und Kaminski“ über die Kinoleinwand hinaus weiterführt. In der Verfilmung des Daniel-Kehlmann-Romans geht es um einen fiktiven Künstler namens Manuel Kaminski, und in den ersten Filmminuten erzählt Becker dessen Lebensstationen mit lauter gefälschten Bildern, in denen er einen Schauspieler zwischen historische Größen schummelt. Bis sich das alles als Wunschtraum erweist. Wunschtraum eines schmierigen, eitlen Journalisten, der mit der ersten Biografie über den halb vergessenen Maler endlich zu Ruhm kommen will.

Dieser Unsympath Sebastian Zöllner, der im Titel so unhöflich das „Ich“ vor den „Kaminski“ stellt, wird gespielt von Daniel Brühl. Und das ist die erste Sensation. Denn eigentlich spielt Brühl nicht mehr in deutschen Filmen mit. Weil er im hiesigen Kino seit dem Hit „Good Bye, Lenin!“, also seit einem Jahrdutzend, auf den Bubi von nebenan reduziert wird. Jetzt aber kehrt er zurück mit einer echten Arschlochrolle.

Brühl gibt ein wahres Ekelpaket, ewig verschwitzt und mit fettigen Haaren. Er hält sich aber für den Größten und lässt keinen Fettnapf aus, um das zu beweisen. Der Schmierenjournalist macht sich nicht nur auf linke Art an diesen Maler heran, er tut wirklich alles, um an exklusives Material zu kommen. Auch wenn man dafür den Künstler entführen muss. Der ihn das spielen lässt, ist aber Wolfgang Becker, und das ist die zweite Sensation. Eben jener Regisseur, der Brühl die Chose mit „Lenin!“ überhaupt erst eingebrockt hat. Auch für Becker war „Lenin!“ Fluch und Segen zugleich. Doch während Brühl auch im Ausland zum Star wurde, hat Becker seit „Lenin!“ keinen Langfilm mehr gedreht.

Und natürlich haben nun alle ganz große Erwartungen. Denn Becker hat ja gleich zwei Werke gedreht, die man als fast epochal bezeichnen könnte: Erst „Das Leben ist eine Baustelle“, ein Film, der die Republik im Umbruch zeigte. Und dann „Lenin!“, die Komödie zur Wiedervereinigung und Ostalgie.

Statt noch einmal eine große Kinometapher aufs eigene Land anzulegen, hat er sich auf das Terrain einer Literaturverfilmung begeben. Becker ruht sich nicht aus in Kehlmanns Welt. Sondern er kreiert sie sich neu, mit vielen kleinen, höchst eigenen, immer wieder überraschenden Einfällen. Wie die Fake-Doku zu Beginn. Er hat „Kaminski“ mit heimischen und internationalen Stars besetzt, den grantigen Maler mit dem Dänen Jesper Christensen und die alte, verlorene Liebe, mit der ihn der Journalist konfrontiert, mit Geraldine Chaplin.

Vor allem aber hat Becker einen Film über Bilder gemacht. Über die, die man von sich selbst hat, und die, wie man tatsächlich wirkt. Das trifft auf den Brühl’schen Antagonisten Zöllner zu. Aber auch der Maler hat noch ein paar Bilder im Keller. Und auf der langen Reise werden aus dem Täter und seinem Opfer plötzlich zwei Gleichgesinnte.

Einmal philosophiert der Maler darüber, dass wir alle falsche Bilder von uns haben. Damit ist Becker auch bei seinem eigenen Metier angelangt. „Ich und Kaminski“ ist auch ein Diskurs übers Bilder- und Filmemachen. Und wie der greise Maler, der seit Jahrzehnten nicht mehr gemalt hat, scheint sich auch der Regisseur mit der Zwangspause kritisch zu beäugen. Er kann es noch, und wie. Das beweist sein neuer Film – trotz einigen Längen in der Mitte – meisterhaft.

Ich und Kaminski D/B, 123 Min., ab 6 J., Regie: Wolfgang Becker, Darsteller: Daniel Brühl, Jesper Christensen, Amira Casar, täglich im Abaton, Koralle, Passage, Studio, Zeise