Ausstellungs-Tipp

Hamburger zeigen Straßenfotografie aus ihrer Stadt

Gehen wir mit offenen Augen durch die Stadt? Nehmen wir all die schönen, skurrilen, schäbigen Seiten und Situationen wirklich wahr, die Hamburg tagtäglich zu bieten hat?

Für Daniel Nide und Nino Vela, die sich Soul Of Hamburg nennen, sowie für Fabian Melchers, der mit dem Kreativduo befreundet ist, ist der Alltag in der Hansestadt ein ständiges – vor allem optisches – Abenteuer. Eine stete Suche nach Motiven, nach Momenten, nach Licht und Schatten. Die Drei sind Straßenfotografen. Ein Genre, das unter dem englischen Begriff Streetphotography seit Jahrzehnten eine lebendige internationale Szene versammelt. Studios sind für diese urbanen Individualisten viel zu sterile Räumen. Sie holen sich das Leben selbst vor die Linse, durchstreifen dafür Straßen und Hinterhöfe, Bahnsteige und Plätze. Mitten im Chaos schaffen sie einen Augenblick der Klarheit, indem sie auf den Auslöser drücken und so ein Stück Wirklichkeit aus dem Strom der Zeit heraus lösen.

Während Melchers kontrastreiche Schwarz-Weiß-Bilder produziert und gerne analog fotografiert, setzt Soul Of Hamburg auf Digitaltechnik und zudem stark auf Farbe. Gemein ist ihnen, dass sie immer mindestens eine Kamera bei sich tragen. Ob auf dem Weg zum Sport oder zum Supermarkt. Und dass sie Facetten von Hamburg zeigen möchten, die „jenseits der Landungsbrücken“ liegen, wie Melchers betont. „Wir wollen die Seele der Stadt fotografieren. Das sind vor allem die Menschen, die hier leben und arbeiten. Und keine Marketingideen“, sagt Nide und blickt nach draußen. Der Ausstellungsraum Projektor, wo bis zum Wochenende die Arbeiten der Straßenfotografen zu sehen sein werden, bietet eine gute Aussicht auf die Graffiti und Plakate des alten Schlachthofgeländes im Karoviertel.

Alle drei haben vor einigen Jahren einfach losgelegt. Fotografie ist ein äußerst demokratisches Medium. Erst recht im Handyzeitalter. Jeder kann mitmachen und seine eigene Geschichte der Stadt erzählen. Das Duo Soul Of Hamburg veröffentlicht mittlerweile jeden Tag eine Impression auf seiner Webseite. Ihre visuellen Fundstücke publik zu machen, dafür gab ein Foto den Ausschlag. „Bei einer Treppe am Hafen gab es diesen Spruch. ‚Unsere Welt sieht anders aus’. Darunter hockt ein Typ auf einer Stufe. Das Gesicht hat er in den Händen vergraben. Das ist bezeichnend für unsere Zeit“, sagt Nide.

Wie verschieden die Charaktere und Herangehensweisen jener sind, die sich der Straßenfotografie widmen, zeigt die inspirierende wie liebevoll erzählte Dokumentation „Everybody Street“ (2013), die die US-Filmemacherin Cheryl Dunn in New York gedreht hat. In anderthalb Stunden stellt sie zahlreiche Protagonisten vor, die Bild für Bild zum kollektiven Gedächtnis ihrer Stadt beitragen. Die Mode, Gesten, Gebäude festhalten und so ihre eigene Kultur verstehen lernen. Sie sind Sozialforscher mit der Kamera.

Das Wechselspiel zwischen Voyeurismus, Dokumentation und Kunst reflektieren auch die Hamburger Straßenfotografen. „Um einen natürlichen Gesichtsausdruck zu bekommen, ist es besser, die Person erst mal nicht zu fragen und lieber später das eigene Anliegen zu erklären“, sagt Nide. „Sonst bräuchte man zu viel Zeit, bis die Maske wieder fällt“, erzählt Melchers. „Straßenfotografie ist im Vergleich zum Kunstmarkt klasse unverkrampft“, erklärt Holger Kraus. Der 46-Jährige betreibt den Ausstellungsraum Projektor in der Sternstraße. Zudem veranstaltet er die Kinoreihe „Flexibles Flimmern“, in der Filme an Orten in Hamburg gezeigt werden, die zur Handlung passen. So läuft „Moby Dick“ etwa im internationalen Seemannsclub.

„Ich möchte die Leute aus ihrer Komfortzone heraus holen“, sagt Kraus. Gewohnheiten brechen, Perspektiven verschieben, neue Blicke ermöglichen. Eine Philosophie, ähnlich die der Straßenfotografie. Weshalb Kraus dem Thema im Projektor direkt ein fünftägiges Festival einräumt. Von Mittwoch bis Freitag zeigt er jeweils um 20 Uhr den Film „Everybody Street“. Heute feiert die Ausstellung mit den Bildern von Soul Of Hamburg sowie Melchers Vernissage, die täglich ab 17 Uhr, am Sonnabend sogar bereits ab 15 Uhr geöffnet sein wird. Kraus, Melchers und Soul Of Hamburg möchten aber nicht nur den Status quo der Straßenfotografie zeigen, sondern dazu animieren, selbst mit der Kamera aktiv zu werden. Unter dem Motto „Erkunde Hamburgs Straßen!“ rufen sie zum Fotowettbewerb auf. Eine Jury aus Fotografen und Artdirektoren wählt einen Gewinner, der dann ausgestellt wird. Einsendeschluss ist der 24. Mai. Also: Augen auf!

Everybody Streetphotography Di 20.5. bis Sa 24.5., ab 17 Uhr (Abschlussparty 20 Uhr), Projektor, Sternstraße 4, Eintritt zur Ausstellung frei, Eintritt zum Film 8 Euro