Kino-Tipp

Drama „Sully“: Das Wunder vom Hudson

| Lesedauer: 5 Minuten
Peter Zander
Tom Hanks (l.) als Chesley „Sully“ Sullenberger und Aaron Eckhart als Jeff Skiles in einer undatierten Szene aus dem Film „Sully“

Tom Hanks (l.) als Chesley „Sully“ Sullenberger und Aaron Eckhart als Jeff Skiles in einer undatierten Szene aus dem Film „Sully“

Foto: dpa

Am Anfang trägt der Film vielleicht etwas zu dick auf. Da steuert ein Passagierflugzeug mitten auf New York zu, trudelt zwischen den Hochhäusern und zerschellt schließlich an einem Gebäude. Dann schreckt ein Mann aus dem Schlaf: War alles nur ein Traum. Das ist ein Schockeffekt, der viel zu oft im Film verwendet wird und sich, im Kontext zum 11. September 2001, eigentlich verbietet. Die Szene erzählt eben auch, wie tief der Schock von den Anschlägen auf das World Trade Center noch immer sitzt.

Und es erzählt auch etwas über die posttraumatische Belastungsstörung des Piloten, der am 15. Januar 2009 einen Airbus A320 kurz nach Start wegen des Ausfalls beider Triebwerke auf dem Hudson notlanden musste. Wobei alle 155 Menschen an Bord gerettet wurden, was als „Wunder vom Hudson River“ um die Welt ging. Um diesen Chesley Burnett Sullenberger III, den alle nur Sully nennen, geht es in Clint Eastwoods neuem Film „Sully“.

Eastwood, der als Schauspieler nicht mehr arbeiten will, als Regisseur aber auch mit jetzt 86 Jahren einen Film nach den anderen dreht, scheint auf seine alten Tage noch zum echten Katastrophenfilmemacher zu werden. In „Hereafter – Das Leben danach“ hat er den Tsunami von 2004 nachgestellt. Doch schon damals war das nur Auslöser für eine ganz andere Geschichte. Und auch „Sully“, sein 35. Regiewerk, ist kein typischer Katastrophenfilm. Er stellt das Genre vielmehr auf den Kopf. Nichts da von dem üblichen, schwerfälligen und vorhersehbaren Aufbau von der Einführung zahlloser Figuren bis zur Katastrophe.

Nein, zu Beginn des Films ist das Wunder längst geschehen. Der Pilot, der als Letzter von Bord ging und noch zweimal durch die Maschine lief, um sicherzugehen, dass wirklich keiner zurückgelassen wurde, wird von allen Seiten als Held gefeiert, obwohl er eher schüchtern ist.

Gleichzeitig aber, und diesen Aspekt hat man bei aller medialen Ausschlachtung des Falls kaum mitbekommen, muss sich der Pilot mit seinem Kopilot Jeff Skiles vor einem Untersuchungsausschuss verantworten, der nachweisen will, dass die riskante Notwasserung gar nicht nötig war. Welch absurde Doppelperspektive: Wenn Sully in den Straßen joggt, flimmern überall bewegte Bilder von seiner Heldentat über die Wände, wenn er sich abends in eine Bar stiehlt, danken ihm wildfremde Leute für seine Leistung. Der Ausschuss aber stellt genau das in Zweifel. Konstruktion und Dekonstruktion eines Helden im selben Atemzug.

Die eigentliche Katastrophe sieht man anfangs nur in Fernsehbildern. Auch Sullys bekannten Auftritt mit seiner Crew bei David Letterman sieht man nur über einen Fernsehmonitor. Kennen wir ja schon, all diese Bilder. Clint Eastwood aber interessiert die andere, persönliche Perspektive. Von einem Mann, der mit sich selbst hadert. Der mit der plötzlichen Popularität nicht umgehen kann. Und der eine Krise mit seiner Frau ausbügeln muss. Ganz alltägliche Dinge des Lebens also. Von dieser Diskrepanz lebt der Film. Und natürlich von Tom Hanks. Der hat ohnehin den Status als All-American-Guy von James Stewart geerbt. Hier erscheint er mit schlohweißem Haar und Schnauzer, ganz wie der echte Sullenberger, und wirkt um Jahre gealtert. Aber genau darum geht es ja auch. Wenn Hanks’ Sully sich im Spiegel betrachtet, fällt kein einziges Wort und doch sieht man, wie er sich fragt, ob er nicht schon zu alt geworden ist für seinen Beruf.

Erst später wird das Desaster doch noch gezeigt. Erst aus Sicht der anderen. Von bestürzten Passanten in New York. Dann auch von den Rettungshelfern der Wasserpolizei. Aber erst ganz zuletzt, wenn man schon nicht mehr damit rechnet, auch aus der Perspektive der Piloten.

Es ist nicht ohne Ironie, dass Eastwood erst in seinem vorherigen Film „American Sniper“ einen Scharfschützen der US-Army zum Helden glorifizierte – was aufgebrachte Reaktionen hervorrief und ihm Hardliner-Vorwürfe wie zu Zeiten seiner „Dirty Harry“-Filme einbrachte. Mit Sullenberger hat Eastwood nun einen Helden gefunden, den wohl jeder als einen solchen bezeichnen wird – vielleicht gerade auch, weil der sein Erlebnisbuch bescheiden „Highest Duty“ betitelte. Der Abspann zeigt dann, wie der wahre Sully noch einmal die Menschen trifft, die er gerettet hat. Da schluckt man gleich doppelt. Vor Ergriffenheit. Und weil hier der Inbegriff eines „guten“, redlichen Amerikaners steht, an den man gerade in Zeiten eines Donald Trump den Glauben nicht verlieren mag.

Sully “ USA 2016, 96 Minuten, ab 12 Jahren, Regie: Clint Eastwood, Darsteller: Tom Hanks, Aaron Eckhart, Laura Linney, täglich im Cinemaxx Dammtor, Passage, Savoy (OF), Studio, UCI Mundsburg/Othmarschen