Champions League Finale als kleine EM-Entschädigung

Die Premier League boomt

Große Diskrepanz zwischen englischen Klubs und der Nationalelf – Profit dank ausländischer Investoren.

Moskau. Englands Fußball ist ein Rätsel: Die Premier League dominiert die europäische Glamourliga, die Nationalmannschaft muss bei der EM draußen bleiben. 16 Tage vor Beginn der EURO ist das englische Champions-League-Finale in Moskau zwischen Manchester United und dem FC Chelsea (war bei Redaktionsschluss nicht beendet) wenigstens eine kleine Entschädigung für die verpasste EM-Teilnahme und die Bestätigung für die englische Vormachtstellung in Europas Klubfußball.

"Wir müssen als Nationalmannschaft sehr viel Prügel einstecken", gab Chelseas Mittelfeldmotor Frank Lampard zu, "umso besser fühlt sich der Erfolg in der Champions League an." Immerhin kann er sich wie Michael Ballack rühmen, in der besten Liga der Welt zu kicken. In der Fünf-Jahres-Wertung der Europäischen Fußball-Union (Uefa) hat England die achtjährige Dominanz der Spanier beendet und liegt erstmals seit 23 Jahren wieder an der Spitze.

Die Diskrepanz zwischen der Schwäche der Nationalmannschaft und der internationalen Stärke der Premier-League- Klubs bleibt allerdings frappierend. In den vergangenen drei Jahren waren die englischen Vereine immer durch einen Vertreter im Finale repräsentiert. Diesmal sind es sogar zwei. Dazu kamen drei Halbfinalisten und vier Viertelfinalisten aus England das gab es noch nie.

"Die Engländer kommen. Oder besser gesagt: die Franzosen, Spanier und Togoer, untermischt mit ein paar einheimischen Talenten, die die Fahne der Premier League fest in den europäischen Boden einpflanzen", kommentierte der "Daily Telegraph". Zumindest für das Finale traf diese Selbstironie nicht zu, denn ManU und Chelsea bilden mit Ausnahme von Liverpools Steven Gerrard praktisch die gesamte Nationalmannschaft.

Die Premier League boomt. Die Unternehmensberatung "Deloitte" erwartet, dass England im kommenden Jahr mindestens die Hälfte der 20 umsatzstärksten Vereine der Welt stellt. Die Insel- Liga profitiert vor allem durch ausländische Investoren, die inzwischen sieben der 20 Vereine mit kräftigen Finanzspritzen versorgen. Zudem bringen gigantische Fernsehrechte-Deals bis 2010 knapp 1,1 Milliarden Euro jährlich durch Erlöse aus in- und ausländischen Übertragungsrechten.

Die englischen Klubs kassieren damit fast das Dreifache im Vergleich zur Bundesliga. Und die Reichen werden reicher. Laut der Studie eines Uefa- Hauptsponsors (Mastercard) soll der Gewinn der Champions League für den siegreichen Verein fast 170 Millionen Euro wert sein. Der Marktwert der Spieler steigt, die Einnahmen aus dem Verkauf der TV-Rechte nehmen zu. Und Sponsoren müssen deutlich mehr hinlegen für das Privileg, mit einem Europacup-Sieger werben zu dürfen. Selbst die Stadt, aus der der Sieger kommt, darf mit 20 Millionen Euro durch mehr Tourismus-Interesse rechnen.

Der unaufhaltsame Aufstieg der Premier League begann in den 90er-Jahren, als aus dem Ausland charismatische Stars (u.a. Jürgen Klinsmann, Eric Cantona) und Erfolgstrainer wie Arsene Wenger importiert wurden. Das Produkt "Premiership", ohnehin schon sehr früh in Asien, Afrika, Australien und Nordamerika bestens vermarktet, wurde für zahlungskräftige Investoren interessant. Chelseas russischer Besitzer Roman Abramowitsch pumpte zum Beispiel in den fünf Jahren seit seiner Übernahme fast 800 Millionen Euro in sein "Hobby".

"Keine Sorge, irgendwann wird sich diese Siegermentalität auch auf die Nationalmannschaft übertragen", kommentierte "The Independent" unlängst auf seiner Internet-Seite mit dem typisch britischen Humor, "und wenn dies erst 2030 der Fall sein wird."