Schumachers Woche

Das Faultier ist der wahre Pandemie-Profi

Autor und Journalist Hajo Schumacher

Autor und Journalist Hajo Schumacher

Foto: Annette Hauschild/OSTKREUZ

20 Stunden täglich ruht es auf dem Baum und tut nichts. Verwandtenbesuche werden nicht geplant. Was sagt uns das?

Hamburg. Es ist nicht leicht, den Waschbär zu diskriminieren. Verfressen, frech, diebisch, arrogant: Was immer an Vorurteilen über den bebrillten Nesträuber kursiert, alle treffen zu. Nur eines ist der Waschbär wirklich selten: faul.

Womit wir bei einem Skandal wären. In einem Reklamefilmchen der Bundesregierung, das in der Zukunft spielt, erinnert sich ein älterer Herr an die Corona-Jahre. „Faul wie die Waschbären“ seien die Menschen damals gewesen, im Auftrag der Volksgesundheit. Leider fake. „Faul wie die Faultiere“ hätte es heißen müssen. Klingt weniger gut, wäre aber richtig gewesen. Denn das Faultier ist der wahre Pandemie-Profi.

Ein Faultier-Marathon würde gute vier Tage dauern

Es ruht, dem Teenager ähnlich, über 20 Stunden des Tages, verabscheut Verwandtenbesuche nicht nur zu Weihnachten und erledigt die Paarung bewegungsarm und dösend. Die Kinder werden nach wenigen Wochen irgendwo im Baum vergessen, was allen Beteiligten egal ist. Im Sonnenuntergang hangelt das Tier kopfüber die Äste entlang, im Sprint mit 400 Metern pro Stunde. Ein Faultier-Marathon würde gute vier Tage dauern, falls durchgehangelt würde.

Aber nicht mit dem Faultier. Ist ja faul. Praktischerweise sieht das grundentschleunigte Tier schlecht und hört kaum, weshalb ihm völlig entgeht, was es verpasst. Es begnügt sich mit Laub. Einmal die Woche steigt das Tier zum Defäkieren vom Baum. Stress, ja, aber nicht weiter gefährlich, denn Raubtiere meiden das Faultier wegen seiner skunkartigen Verteidigungsstrategie.

Es riecht. Im Fell haben sich Motten, Milben, Zecken und über 80 Sorten Pilze angesiedelt, bevorzugt an den rosigen Körperstellen. Wie praktisch: Einmal geleckt, und schon ist die laubbedingte Mangelnahrung um Proteine, Vitamine und Spurenelemente ergänzt.

Vegetarier, immobil, friedfertig, weder Auto noch Kreuzfahrt – das Faultier lebt klimagerecht und ist weise dazu: Pandemien einfach vorbeiziehen lassen, so wie aufgeregte Demonstrierende oder Netflix-Serien.

Plan für die Woche: einfach träge vom Sofa hängen.