"Weltklasse"

Meilenstein für Cricket in Hamburg: Neuer Pitch in Osdorf

Ein Bowler wirft den Ball über den neuen, 20 Meter langen Pitch in Richtung Schlagmann, der das „Wicket“ verteidigt.

Ein Bowler wirft den Ball über den neuen, 20 Meter langen Pitch in Richtung Schlagmann, der das „Wicket“ verteidigt.

Foto: Andreas Laible / Andreas Laible / FUNKE Foto Services

Hamburger Cricket-Club eröffnet am Hemmingstedter Weg die erste deutsche Spielbahn nach internationalen Vorgaben.

Hamburg.  So ein Honorarkonsul, der ist ja geübt darin, die richtigen Worte zu finden. Als Nick Teller, der die diplomatischen Interessen des Vereinigten Königreiches und Nordirlands in Hamburg vertritt, am Sonntag den neuen Pitch quasi offiziell eröffnete, lobte er natürlich diesen komplizierten Sport, der Menschen aus dem ehemaligen britischen Empire weltweit fesselt und fasziniert – und in der restlichen Welt oft nur auf Unverständnis stößt: „Cricket ist ein fantastisches Spiel, bei dem es nicht nur darum geht, rumzusitzen und Pimm’s oder Gin Tonic zu trinken.“

Nein, darum geht es selbstverständlich nicht – nur. An diesem Sonntag ging es auf der Sportanlage am Hemmingstedter Weg in Osdorf tatsächlich um einen Meilenstein für Cricket in der Stadt. Dort gibt es nun einen richtigen, erstklassigen „Pitch“, jenen drei Meter breiten und 20 Meter langen Streifen auf dem Spielfeld an dessen Ende die sogenannten Wickets stehen, die die Werfer, die Bowler, mit dem Ball treffen sollen.

Vorher titschen die Bälle normalerweise auf dem Untergrund auf, und wie sie von dort wieder abspringen kann entscheidend sein. „Unser ist der einzige Pitch in Deutschland der internationalen Regularien entspricht, auf solch einem Untergrund könnte auch ein Testmatch zwischen Australien und England ausgetragen werden. Er ist Weltklasse“, erklärt Surya Narayanan (46) mit Stolz.

Einen fünfstelligen Betrag hat sich der Club das Spielfeld kosten lassen

Der ehemalige deutsche Nationalspieler ist Leiter der Cricketabteilung im THCC Rot-Gelb, der seinen Platz eben hier am Hemmingstedter Weg hat. Zur Einweihung der neuen Spielfläche sind auch nicht Australien oder England erschienen, sondern die Herren von Rot-Gelb haben sich in zwei Teams aufgeteilt und bestreiten untereinander ein Freundschaftsspiel. Andere Clubs aus Hamburg oder dem Umland, wie der deutsche Meister Kummerfelder SV, hatten keine Zeit. Die Punktspielsaison begann am vergangenen Wochenende, nur der THCC hatte noch spielfrei. „Drückt den Turf zurück auf den Pitch“, ruft Narayanan den Spielern zu, ein Stück des gewalzten Mineral-Sand-Gemischs hatte sich durch den Aufprall des Balles gelöst, „mit den Schlägern, nicht mit den Schuhen.“ Dem neuen Schätzchen darf schließlich nichts passieren.

Einen fünfstelligen Betrag hat sich der Club das Spielfeld kosten lassen. Spenden, Umlagen, Darlehen und ganz viel Eigenarbeit waren nötig und wurden aufgebracht. Dazu wurden noch zwei „Käfige“ für das Training der Schlagmänner angeschafft. Und da die Hockeyabteilung, die diesen Platz jahrzehntelang nutzte, nur noch auf dem Papier existiert, hat der Club-Vorsitzende Bodo Abel gerne der „Umwidmung“ zu einem Cricketground zugestimmt.

„Es ist faszinierend für mich, wie viele Sportler aus den unterschiedlichsten Nationen hier gemeinsam Sport treiben“, sagt Abel. 105 aktive Spieler gehören dem Verein inzwischen an, zwei Herrenteams gibt es, drei Jugendmannschaften und die Damen sind sogar aktueller deutscher Meister. „Wir sind ein Multikulti-Club, zwölf Nationen spielen hier mit“, sagt Narayanan, der vor 20 Jahren „der Liebe wegen“ aus Indien nach Hamburg zog.

95 Prozent der Spieler sind Immigranten aus Asien

Viele andere kamen weil sie mussten. Weil die Lebensbedingungen in ihrer Heimat unerträglich wurden. Cricket in Deutschland – und in Hamburg – hat seit 2015 einen großen Zulauf erfahren. Vor allem von jungen Spielern aus Afghanistan. Insgesamt sind im Deutschen Cricket Bund etwa 6000 Spieler organisiert, viele spielen ohne Vereinsbindung in Parks oder anderen öffent­lichen Anlagen.

„95 Prozent der Spieler sind Immigranten aus Asien“, sagte Brian Mantle , der Geschäftsführer des DCB dem britischen „Independent“: „Vor fünf Jahren gab es 60 Clubs, 2019 waren es etwa 370.“ Cricket gilt damit als die schnellstwachsende Sportart in Deutschland, für eine Aufnahme im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und die damit verbundenen Fördergelder aber reicht es noch nicht. Das ist erst ab 10.000 Aktiven möglich.

Eine solche Neugründung ist die Abteilung des Kummerfelder SV, die erst seit 2016 besteht, aber 2019 schon deutscher Meister wurde. Dort ist der ehemalige afghanische Nationalspieler Izatullah Dawlatzai der Star, das Team besteht fast ausschließlich aus Spielern aus Afghanistan, Pakistan oder Indien. Einige Spieler dort haben beim THCC begonnen, bekamen in Kummerfeld aber Jobs angeboten, „ich kann deshalb verstehen, dass sie dort spielen“, sagt Abel.

Neue Spielbahn hat ihre Feuerprobe bestanden

Thomas Marciniak kam 2013 aus Berlin nach Hamburg, ein ehemaliger Fußballer und Softballspieler, der etwas Neues beginnen wollte. „Ich mag das internationale Flair, und es ist eine sehr soziale Geschichte“, sagt er, „es gibt auch sehr viele soziale Kontakte untereinander. Zur Halbzeit des fünfstündigen Spiels ist „Lunchbreak“. Das gemeinsame Mittagessen. Eine Tradition beim Cricket, wo es ja auch eine Spielform gibt, die mehrere Tage dauert. Man kann aber auch so spielen, dass eine Partie schon nach drei Stunden entschieden ist.

Die neue Spielbahn am Hemmingstedter Weg hat ihre Feuerprobe schließlich bestanden. Alle sind begeistert. Aber vollkommen glücklich sind Hamburgs Cricketers trotzdem noch nicht. „Es gibt in der ganzen Stadt keinen Platz, der die eigentlich notwendige Größe hat“, sagt der Club-Mitgründer Matt Richardson. Den Verein gibt es seit 1995, 2008 schloss er sich Rot-Gelb an. Die Hoffnung auf einen größeren Ground aber hat sich noch nicht erfüllt. Aber wer weiß… Konsul Teller stößt derweil mit einem Glas Champagner auf den neuen Pitch an – wenn es schon kein Pimm’s oder Gin Tonic gibt.