Nord- und Ostsee

Winter- und Eisbaden – ist das gesund oder gefährlich?

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Edgar S. Hasse
Hauptsache, der Kopf ist warm: Diese Urlauber sind beim Anbaden in Prerow hart im Nehmen.

Hauptsache, der Kopf ist warm: Diese Urlauber sind beim Anbaden in Prerow hart im Nehmen.

Foto: Stephan Schulz/ZB

An Nord- und Ostsee gehen zu dieser Jahreszeit Tausende ins Wasser. Gesundheitsexperten raten dazu und warnen auch.

Heiligendamm. Stefan Hummel, Chefarzt der Abteilung Pulmologie an den Median-Kliniken Heiligendamm, dirigiert rund 30 Patienten an die Wasserkante. Vorher mussten sie am Ostseestrand Leibesübungen zum Aufwärmen durchführen. Dann fordert er die Gruppe auf, sich in Reih und Glied aufzustellen, um wenig später diese Worte Richtung Meer zu rufen: „Wir grüßen die Ostsee, unser heiliges Meer, mit einem dreifachen Eis frei, Eis frei, Eis frei!“

Mit eisernem Willen laufen die Männer und Frauen in die nur sechs Grad warmen Fluten der Ostsee: Winterbaden – und das unter ärztlicher Anleitung des passionierten „Winterbademeisters“. Der Aufenthalt im eiskalten Nass dauert nicht lange. Nach zehn Sekunden rennen die meisten wieder an den Strand und schlüpfen in den Bademantel. Cool!

Rund 500 Winter- und Eisbader gibt es bundesweit

Was Pfarrer Sebastian Kneipp schon vor mehr als 150 Jahren als Königsdisziplin seiner Gesundheitslehre empfohlen hat, ist noch immer ein beliebtes Mittel zur Abhärtung für ein starkes Immunsystem. Auch Dichterfürst Johann von Goethe liebte das Eisbad in der Ilm bei Weimar. Rund 5000 Menschen, schätzen Experten, sind heute bundesweit als Winter- und Eisbader in Deutschland organisiert. Das Interesse, mitten im kalten Winter in Nord- und Ostsee, im Großensee (Kreis Stormarn) oder in der Lübecker Wakenitz baden zu gehen, ist also ungebrochen. Nur Warmduscher wollen lieber nicht bibbern und baden draußen erst im Hochsommer.

Doch Vorsicht! Neueinsteiger in der Winterzeit sollten vorher unbedingt einen Arzt konsultieren. Selbst die beiden Mittzwanziger Hanns Hake und Jonas Wagner aus Schleswig-Holstein gehen auf Nummer sicher und springen gemeinsam in die eiskalte Wakenitz. Ein vorheriger Gesundheits-Check-up beim Arzt sei wichtig, ansonsten könne Eisbaden gefährlich werden, raten die beiden Profis den Anfängern. Man müsse auf den Körper achten und die eigenen Grenzen wahrnehmen.

Medizinischer Check-up ist notwendig

Lungenfacharzt und Winterbader Stefan Hummel betont: „Ein medizinischer Check-up ist notwendig, und bei Herzerkrankungen ist äußerste Vorsicht geboten.“ In der Median-Klinik von Heiligendamm (Mecklenburg-Vorpommern) werden die Patienten ausführlich über Risiken und Nutzen aufgeklärt. Das EKG bringt oft eine der erwünschten Klärungen. Immer dienstags und donnerstags begleitet der 68 Jahre alte „Winterbademeister“ Hummel seine Schützlinge an den Ostseestrand. Dort hat das Seepferdchen, der Winter- und Eisbadeverein, seinen Sitz.

Wer einmal bis zum Oberkörper ins Meerwasser getaucht ist, will es danach meist immer wieder tun. „Jeder Kaltwasserreiz löst richtig dosiert eine positive Stressreaktion aus, die zu sinnvollen und gesunden Gegenregulationen führt“, weiß Hummel. „Infekte verlaufen deutlich milder, Bakterien und Viren werden wirksam bekämpft. Das Kreislaufsystem reagiert prompt und arbeitet effektiv, Durchblutung und Blutdruck sowie nervöse Störungen werden durch die Abkühlung normalisiert.“ Außerdem sei langfristig eine Abnahme von rheumatischen Schmerzen und Entzündungen zu erwarten.

Niemals allein ins Wasser gehen

Experten warnen allerdings davor, allein ins Wasser zu gehen. Erst vor wenigen Wochen war ein erfahrener Winterbader in Timmendorfer Strand im Alter von 65 Jahren ums Leben gekommen. Der Pastor war an einem Sonntagmorgen, kurz vor seinem Gottesdienst-Auftritt in der Kirche, leblos im Wasser gefunden worden. Weil der Kälteschock beim gemeinsamen Training wohl besser auszuhalten ist, sind Winter- und Eisbaden längst zum kollektiven Spektakel geworden. Traditionell erfreut sich auf Sylt das Weihnachts- und Neujahrsbaden großer Beliebtheit, während die Saison in Mecklenburg-Vorpommern in den nächsten Wochen richtig Fahrt aufnimmt. So steht Eisbaden in Trassenheide (Usedom) am 2. Februar auf dem Programm. Und am 2. März dreht sich in Warnemünde alles um den Eisfasching im Meer. Ebenfalls auf Usedom sind zwei weitere Winteraktionen geplant: das Eisbaden am 15. Februar an der Seebrücke in Ahlbeck und am 29. Februar am Strand von Koserow.

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Dass der Osten Deutschlands gern die Nase über dem eiskalten Wasser trägt, hat Tradition. Denn Winterbaden war in der DDR besonders beliebt. Noch heute gibt es rund um Rostock zahlreiche solcher Vereine. Das Herz-Kreislauf-System werde durch den Temperaturschock angeregt, heißt es in einer an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin im Jahr 1987 vorgelegten Dissertation mit dem Titel „Untersuchungen zur Physiologie des Winterschwimmens“. Eisbaden, eine Kreuzung aus „Abhärtungsritual, Kneippkur und realsozialistischem Freizeitsport“ hatte in der DDR Tradition, schreibt die Tageszeitung „taz“. Die Rostocker Winterbader vom Verein „Seehunde“ sind noch heute so aktiv, dass sechs von ihnen Anfang Februar an der Weltmeisterschaft im Eisschwimmen teilnehmen. Das Event startet am 3. Februar im slowenischen Blend.

Der Wettkampf im drei Grad kalten See vor dem imposanten Bergpanorama lockt 1000 Eisschwimmer aus 50 Ländern an. In 17 Schwimmdisziplinen wird schließlich der Weltmeister gekürt. Aber auch Eisschwimmen für jedermann auf kurzen Strecken ohne Wettkampfcharakter gehört zum Programm – Gänsehaut inklusive.