". . . Mitte Straße und Vollgas!"

Acht Jahre hat Rainer Karchniwy die SPD-Politikerin REGINE HILDEBRANDT durch Brandenburg chauffiert. Dabei machte er private Fotos und sammelte Anekdoten von der Frau, der das Herz auf der Zunge lag.

Sabine Tesche

Rainer Karchniwy vermisst seine Chefin schmerzlich. Dieses "Huuuuhuuu!" von ihr, auf das er immer mit "Jaaaahaaa!" antwortete, wenn sie aus dem Landtag kam. Dieses Menschliche an ihr, das ganz Herzliche und Erdverbundene. "Mir fehlt einfach die ganze Frau, besonders auch jetzt, wo sie gar nicht mehr existiert", seufzt der 51-Jährige. Acht Jahre, von 1991-1999, passten sie zusammen "wie zwei linke Latschen". Er, der Chauffeur Rainer Karchniwy, sie, die beliebte Politikerin Regine Hildebrandt. 630 000 Kilometer Fahrgemeinschaft, auf denen er zum Zeitvertreib Fotos von der Ministerin schoss.

Die hat er nun in einem Büchlein gemeinsam mit der Journalistin Kathrin Finke veröffentlicht. "Erzählt mir doch nich, dasset nich jeht!- Erinnerungen an Regine Hildebrandt" - eine überschwängliche Hommage an die verstorbene Gesundheits- und Sozialministerin Brandenburgs.

Viele Politiker und Freunde haben kurze Texte über die "Mutter Courage des Ostens" verfasst, doch am schönsten sind die ganz unpolitischen Anekdoten ihres Fahrers. Liebevoll erzählt, mit einem Schuss Ironie und Berliner Dialekt. Sie bringen dem Leser die private, lebenslustige, engagierte Frau näher - wer bis dahin kein Regine-Hildebrandt-Fan war, ist es spätestens nach dieser Lektüre.

Denn Rainer Karchniwy war mehr als nur der Chauffeur. Er war Manager, Freund, Butler, Drängler, Mahner und sogar Berater in Mode-Fragen. "Ich war ihre Uhr. Manchmal hab ich sie auch aus Veranstaltungen rausgeholt, wenn se mal wieder endlos überzogen hat", erinnert er sich.

Der Brandenburger holte Kleidung aus der Reinigung, versorgte die dreifache Mutter mit Strumpfhosen, Nähzeug und natürlich ihren obligatorischen Äpfeln, die sie immer auf der Rückbank aß. "Fürs normale Essen hatte se ja keine Zeit." Schuhputzzeug lag selbstverständlich auch immer im Auto parat: "Staubige Schuhe hat sie vorm nächsten Termin auf der Fahrt poliert. Manchmal so hingebungsvoll, dass ich an der Ampel gesagt habe: Frau Hildebrandt, nehmen se mal die Schuhe weiter runter, die Leute gucken ja schon!"

Oft mussten der Friseur oder Zahnarzt seiner eigenen Frau für eilige Termine zwischendurch herhalten. Zeit vertrödeln war der engagierten Politikerin ein Graus. Bis zu sieben Veranstaltungen pro Tag waren die Norm, von der Grundsteinlegung für Krankenhäuser und Altenheime bis hin zu Arbeiterprotesten vor Fabriken, die von der Abwicklung bedroht waren.

Schicksale nahm sich die "Stimme des Ostens" sehr zu Herzen: "Wenn ick alte Leute erlebe oder Langzeitarbeitslose oder jemand, der zum Alkoholiker geworden ist durch diese Scheiß-Arbeitslosigkeit - also da könnt ick ja sofort loswetzen", regte sie sich auf. Manchmal war die Stimmung im Wagen während dieser Umbauphase der Ex-DDR "ziemlich gedrückt".

Sobald mal zwei Stunden Zeit waren, nutzte Regine Hildebrandt sie, um kurz in ihrem Mehr-Generationen-Haus zwei Wände anzumalen. Mit diesem Haus, in dem die "Familienglucke" gemeinsam mit ihrem Mann, den Schwiegereltern, Kindern und Enkeln lebte, ging 1997 ein "Lebenstraum" in Erfüllung, auch wenn der Auslöser dafür ihre schwere Krebserkrankung war. Gerade deswegen: Nach Feierabend noch mal eben den Parkettfußboden schleifen, beim Drogisten nach Ladenschluss Farbe und Pinsel organisieren - Karchniwy hat für seine Lieblingsministerin alles möglich gemacht.

Wunderbar ist auch die Vorstellung von Regine Hildebrandt in einem lila glänzenden Jogginganzug aus Fallschirmseide. Den hatte ihr der Mode-Berater für den "Ersten Potsdamer Lauftreff" besorgt. Ihr Protest "Nee, so wat zieh ick doch nich an!" war nutzlos. Also joggte sie damit los. Am Ende kam sie mit ausgebeulten Taschen aus dem Wald gerannt: "Kiekt ma, wat ick für Pilze jefunden habe."

Schicke Klamotten waren der uneitlen Ostdeutschen egal. Die Haare kurz, die Kleider bequem, so war es ihr am liebsten. Bei "lockeren" Anlässen trat die Ministerin auch mal in Jeans und Birkenstock-Schuhen auf. Dennoch entwickelte sie den "Regine-Look": Mit ihrer gestreiften Stehkragenbluse wurde Regine Hildebrandt genauso unverwechselbar wie Schleswig-Holsteins Ministerin Heide Simonis mit ihren Hüten.

Einmal - in einer schwachen Minute - ließ der treue Chauffeur die SPD-Politikern selbst ans Steuer. "Und sie voller Begeisterung - Mitte Straße und Vollgas!" Er war froh, als er wieder fahren durfte.

Wenn Regine Hildebrandt hinten im Fonds des Dienst-Audis nicht arbeitete, navigierte sie den Fahrer mit der Landkarte oder ermunterte ihn zum Storchzählwettbewerb. In der Landschaft Kraniche beobachten, durchs Gelände stapfen und frühblühende Blumen ausspähen, dafür opferte die Naturbegeisterte trotz Zeitdrucks immer einige Minuten.

Manchmal kam Karchniwy auch in den Genuss einer Hörprobe: Die promovierte Biologin war ja für ihre Vogelstimmen-Imitationen berühmt (anzuhören unter www.reginehildebrandt.de). So wird von ihr erzählt, dass sie mitten in einer wichtigen Sitzung aufsprang, ans Fenster lief und lauthals rief: "Hört, hört, ein Grünspecht! Das ist ganz was Seltenes in unseren Breiten!" Ebenso war sich die Gartenfreundin nicht zu schade, vor ihrem Büro das Unkraut zu jäten.

Für den pünktlichen Karchniwy war die notorisch unpünktliche Quasselstrippe Hildebrandt natürlich auch anstrengend. "Das endlose Warten auf sie bei einer Veranstaltung auf dem Lande war schon oft nervig", sagt er beim Gespräch mit dem Journal. Denn selbst wenn seine Ministerin schon an der Ausgangstür stand, hieß das noch lange nicht, dass sie auch ging. "Manchmal hat se dann noch ne halbe Stunde mit dem Hausmeister gequatscht." Doch das war eben Regine Hildebrandt: Eine Frau, die sich für alles und jeden interessierte, egal wo er herkam.

Kathrin Finke/Rainer Karchniwy, "Erzählt mir doch nich, dasset nich jeht!", Mitteldeutscher Verlag, 152 Seiten; 15 Euro .

Manchmal kam Karchniwy auch in den Genuss einer Hörprobe: Die Biologin Hildebrandt war ja für ihre Vogelstimmen-Imitationen berühmt.