SCHWARZES THEATER Das berühmte Prager Ensemble gastiert bei den Fliegenden Bauten

Die Bühne als Illusionsmaschine

Frauke Hartmann Prag

Die Automatiktür ist ein Zeichen für westlichen Standard im Hotel Elite, einem dezent modernisierten Prager Altbau. Doch sie hat ihre Tücken. Wenn man den Bewegungsmelder nicht genau erwischt und jemand bereits auf der anderen Seite steht, dann kann es sein, dass sie einem direkt vor der Nase zuschlägt, obwohl sie sich eigentlich öffnen sollte. Das Weiterkommen bedarf also ziemlicher Präzisionsarbeit an einer Stelle, an der man überhaupt nicht damit rechnet. Und der technische Fortschritt entlarvt sich als eingebaute Stolperfalle. Als Denkfehler.

Jiriho Srnec lacht schamlos, als wir an diesem Sonntagmorgen die Hotelgäste bei ihren Versuchen beobachten, hinein- oder hinauszukommen. Seine freundlichen braunen Augen blitzen unter schlohweißen buschigen Brauen. "Sehen Sie, genau so ist es im Leben. Manchen Leuten steht eine Tür offen, sie gehen ohne Bewusstsein hindurch. Anderen bleibt sie verschlossen, und sie wissen nicht, was sie machen müssen. Sollen sie Geld darunter durchschieben? Wacht da einer unsichtbar auf der anderen Seite, der sie nach dem Zufallsprinzip herüberwinkt? Einer, der ihnen eine Aufgabe stellt? Das Dumme ist nur, dass man die Aufgabe nicht kennt."

Natürlich hat Jiri Srnec aus der Sache mit den Türen längst ein Stück gemacht. Denn das Sezieren und Transformieren der kleinen Skurrilitäten des täglichen Lebens liegt ihm im Blut. Schon seit über 40 Jahren betreibt er damit das Schwarze Theater in Prag, den berühmtesten Kulturexport der ehemaligen Tschechoslowakei. Daraus entstehen Sketche wie der mit dem Koffer, einem gespielten Gleichnis über Habgier und Besitzdenken: zwei Männer im Clownskostüm auf einer nachtschwarzen Bühne. Der eine hat einen Koffer. Der andere, zu Anfang noch in paradiesischer Selbstzufriedenheit, wird neidisch und besorgt sich einen größeren, der erste wiederum trumpft, hässlich geifernd, mit einem noch größeren Koffer auf, und immer so weiter. Bis die Koffer, wie von Zauberhand zum Tanzen gebracht, schließlich größer werden als die Menschen, nach ihnen schnappen und sie verschlingen.

Solche Nummern wurden nach der sowjetischen Besetzung der Tschechoslowakei 1968 im Prager Frühling selbstredend als Kapitalismuskritik verstanden. Und vermutlich liegt es unter anderem an der alttestamentarischen Universalität seiner Inszenierungen, dass Srnecs Schwarzes Theater im Kommunismus wohl gelitten war - und ihn überlebt hat. Als er sein Theater 1961 mit einer zehnköpfigen Studentengruppe gründete, war freilich weder von der Invasion durch den Warschauer Pakt noch von einem ernsthaften Theaterunternehmen die Rede. Im Gegenteil, damals herrschte eine künstlerische Aufbruchstimmung, in der alles möglich erschien.

"Wir hatten die seltene Ideal-situation, dass der ideologische Druck zurückging, der kommerzielle aber auch nicht existierte", sagt Srnecs Landsmann Milos Forman, einer aus der damals unglaublich produktiven tschechoslowakischen Kulturszene, der schon bald als Filmregisseur nicht mehr arbeiten durfte und in die Vereinigten Staaten ging.

Srnec selber war gerade 30 und steckte immer noch im Studium der Malerei, Musik und Theaterregie. "Er studierte einfach gerne", sagt Srnecs Manager Pavel Hortek. Und Srnec, Vater von sieben Kindern und in dritter Ehe verheiratet, bestätigt stolz, dass er niemals irgendwo fest angestellt war.

Aus reinem Spieltrieb erfand er die beiden ersten Nummern. In der Szene beim Zahnarzt halluziniert dessen Patient unter Einwirkung einer Spritze, dass sich die Instrumente und das Tuch über ihm selbstständig machen und ihn traktieren. In der anderen wird ein liebeskranker Selbstmörder durch Hustenanfälle davon abgehalten, sich eine Kugel in den Kopf zu jagen. Doch irgendwann übernimmt das Gewehr den Schießbefehl und verfolgt den inzwischen gar nicht mehr lebensmüden Liebenden. Die Mittel waren denkbar einfach. Vor einem schwarzen Hintergrund bewegten schwarz gekleidete und somit unsichtbare Schauspieler lustig vergrößerte Gegenstände. Die sichtbaren Schauspieler agierten als Pantomimen. Und Srnec hatte die Musik dazu komponiert.

Das war, wenn man so will, der Versuch, die Mechanik des Stummfilms in das Theater zu übernehmen. Und der Versuch, aus der Tradition des Prager Puppenspiels heraus eine international verständliche Bildersprache zu entwickeln, die der Worte nicht mehr bedurfte. Aber vor allem tschechischer Humor. Unverkennbar ist der Einfluss von Künstlern wie Marcel Marceau und Max Ernst mit seiner Vorliebe für Objekte auf Jiri Srnec. Doch dass schon vor ihm Theater-Erneuerer wie Maeterlinck und Stanislawski mit schwarzen Leinwänden experimentiert hatten, wurde ihm erst jetzt bewusst.

Umso mehr überraschte ihn der internationale Erfolg. Auf den Jubel in Moskau folgten das Festival in Edinburgh und die erste Tournee nach Australien. Seine scheinbar unpolitischen Programme erwiesen sich auch nach dem Einmarsch der Russen als kompatibel mit der Ideologie hinter dem Eisernen Vorhang. So sorgte das Schwarze Theater als Staatstheater für das Renommee von Ostblock-Kunst im Ausland. Bis heute bereiste es auf 250 Tourneen die ganze Welt und war auf 65 internationalen Festivals vertreten.

Was das Publikum aller Kontinente fasziniert, ist die Magie seiner Bilder: der Zauberlehrling-Effekt, der immer dann eintritt, wenn sich das Verhältnis von Mensch und Materie auf wunderliche Weise verkehrt und die Ebenen von Traum und Realität verschmelzen. Kaum einer weiß, wie viel Präzision bei der Bühnenbeleuchtung und wie viele artistische Handgriffe nötig sind, um einen Gegenstand so wirken zu lassen, als bewege er sich von selbst. Wer das Glück hat, das Schwarze Theater einmal bei Licht zu sehen, für den wird Theater in einem ursprünglichen Sinn als Illusionsmaschine sichtbar.

Am meisten besticht jedoch die hintergründige Poesie, die Srnec aus dem Eigenleben der Objekte entstehen lässt. Der Fisch, der in den Träumen eines Taxifahrers zur Seejungfrau in seinem Bett wird. Der Bogen und der Geigenständer, die einem erfindungswütigen Geiger auf der Nase her-umtanzen. Mit Szenen wie diesen will Srnec jetzt die Hamburger verzaubern.

Für ihre Karriere in der freien Welt zahlen die 40 Ensemble-Mitglieder des Schwarzen Theaters, von denen 16 regelmäßig im Ausland auftreten, allerdings ihren Preis. 1994, fünf Jahre nach der "samtenen Revolution", musste die bis dahin subventionierte Staatsbühne ihr prominentes Haus an der Karlsbrücke dem Eigentümer überlassen. "Da waren die vielen Bühnen in der Prager Altstadt bereits alle in privaten Händen", bedauert Manager Pavel Hortek. Und das nunmehr freie Schwarze Theater zog in den Vorort Zbraslav, um ein enges 200-Plätze-Theater in einem Stadtteilkulturzen-trum zu bespielen.

Doch das ficht seinen Chef nicht an. Viel schwieriger findet es Jiri Srnec, sich abzufinden mit den neuen Werten. "Als die Kommunisten noch das Sagen hatten, da wussten wir wenigstens, wer unser Feind ist."

Der drahtige 70-Jährige, der die Frage nach seinem Alter gleich mit dem Satz "Aber ich bin jünger" abschmettert, hat mittlerweile in Zbraslav seine erfolgreiche Produktion "Ahasver" über das Judentum in Prag etabliert. Da werden die Leute dann eben mit Bussen hingebracht. Nur im Sommer mietet sich das Schwarze Theater im Reduta-Theater ein, nahe dem Nationaltheater.

Die Moldau wälzt sich hier träge durch die Stadt, bevor sie an der Karlsbrücke über eine Staustufe wieder Fahrt aufnimmt. Golden leuchten die Sterne auf den Türmchen und Dächern von Prag.

Und man beginnt zu verstehen, warum Srnec seine Stadt so liebt, dass er ihr sogar ein Gedicht gewidmet hat.