NACHRUF Matthias Beltz, Kabarettist, Autor und Grimme- Preisträger, ist in der Nacht zu Gründonnerstag gestorben. Der Intendant der Hamburger Kammerspiele erinnert an einen Freund.

Teuflisch schlau und herzensklug: Der König des Kabaretts

Ulrich Waller

Hamburg

Der König ist tot. Matthias Beltz war der Aristokrat des Kabaretts: eine einmalige Verbindung zwischen englischem Humor und hessischem Schlappmaul. Vielleicht konnte er sich deshalb die Monarchie mit einem guten König als Herrschaftsform heute wieder vorstellen. Er gehörte zu einer Generation, die angetreten war, die bestehenden Verhältnisse zu verändern und die das Kabarett als eine Möglichkeit dazu begriff. Fast zeitgleich mit dem "Deutschen Herbst" entstand die Spaßguerilla in Köln mit Heinrich Pachl, Richard Rogler und dem "Wahren Anton" und in Berlin mit den "Drei Tornados". In Frankfurt gründete Matthias Beltz zusammen mit Dieter Thomas das sich auf einen hessischen Volkskomiker berufende "Karl Napps Chaos-Theater".

Diese Generation hat das, durch die Machtübernahme der SPD 1969 fast verstummte, deutsche Kabarett wieder wachgerüttelt, und prägt es bis heute. Beltz, in Gießen geboren, entstammte einem Umfeld von Frankfurter Weltverbesserern, die es bei ihrem Marsch durch die Institutionen immerhin bis ins Außenministerium zum FAZ-Meisterkoch oder Varieté-Direktor im Frankfurter "Tigerpalast" gebracht hat.

Aus dem "Chaos-Theater", das als erstes die Alternativszene auf der Bühne selbstironisch thematisierte, wurde später das "Vorläufige Frankfurter Fronttheater". In diese Zeit fällt unsere erste intensivere Begegnung. Beltz war es, der den unter Spontis unerhörten Gedanken hatte, dass man mit einem Regisseur noch besser sein könnte, und setzte durch, dass ich mitgenommen wurde zu Proben nach Gomera. Und am Ende einer durchtrunkenen Nacht unter einem Olivenbaum mit Blick aufs Meer entstand im Morgengrauen der berüchtigte "Hausmeister". Er war die erste einer ganzen Serie von kleinbürgerlichen Figuren, in denen Beltz brillierte. Er konnte die Schicht, aus der er stammte, in ihrer ganzen Lebensschläue, die sich immer wieder irgendwie durchmogelt, genauestens beschreiben. Und das war auch der Genuss bei seinen Soloprogrammen, dass er bei allen intellektuellen Ausflügen und Höhenflügen sich immer wieder als Unterbrechung den Spaß erlaubte, dem Volk aufs Maul zu schauen und spielerisch dabei zu zeigen, dass es sich nicht selten um ein Schandmaul handelt.

Eine einmalige Verbindung zwischen englischem Humor und hessischem Schlappmaul.

Seine Texte waren herrlich komplizierte, fast musikalische Konstruktionen, die aus vielen kleinen einzelnen Versatzstücken bestanden. Je nach Stimmung baute er sie wie ein Musiker bei einer Improvisation jeden Abend wieder neu zusammen. Und so hatte das Publikum den Eindruck, da denkt einer laut, und hatte das Vergnügen, dabei zuzuschauen. Beltz konnte sein Publikum schwindelig denken. Das lag auch an seiner Geschwindigkeit, der man manchmal fast nicht mehr folgen konnte. Heute denke ich, jemand, der so schnell ist, ist vielleicht auch früher fertig.

Und so erscheint es mir kein Zufall, dass Matthias Beltz den Schauspieler Ulrich Wildgruber so verehrte, dass er ihn nicht nur als Erster parodierte, sondern ihm auch ein Stück schrieb. In einer unvergesslichen Nachtsitzung saßen die beiden Könige dann auf der Bühne der Kammerspiele und lasen zusammen den Text. Eine Aufführung kam leider nicht zu Stande, Wildgruber hatte zu großen Respekt vor der Beltzschen Kunst. Das hat der gegenseitigen Wertschätzung aber keinen Abbruch getan. Auch das war eine besondere Eigenschaft von Matthias Beltz, dass man aus jeder Begegnung mit ihm beschenkt wieder ging. Nicht nur, weil er einem immer ein Buch mitbrachte, jedes Gespräch ersetzte einen ganzen literarischen Salon. Er sprang mühelos von Engels zu Carl Schmitt, zu Hölderlin oder Naipaul.

Und so habe ich das Gefühl, ich habe meinen älteren Bruder verloren. Matthias, dessen Kopf so groß und so schön war, dass man dachte, zwischen diesen beiden eigenartigen Ohren liegt die ganze Welt. Dabei wusste er immer um die begrenzte Wirkung seiner Kunst und hat sich vielleicht deshalb oft in gemein bunten Jacketts auf die Bühne gestellt, als müsste er an alte Narrenjacken erinnern.

Nach unserer letzten Begegnung am vorigen Sonntag, bei der wie immer gut gegessen und getrunken wurde, standen wir vor seinem Haus in Frankfurt-Sachsenhausen, und er hat ein bisschen gejammert, dass er so weit oben wohnt. "Warum habe ich nur keinen Lift?" Jetzt ist er in den Himmel gefahren. Es muss da oben schon ein großer Mangel an Humor herrschen, dass Gott - oder wer auch immer - Matthias Beltz jetzt schon geholt hat. Wenn er gewusst hätte, wie bibelfest Beltz ist, und wie anders, quasi zwischen den Zeilen, der die Bibel erzählen kann, hätte Gott sich das vielleicht noch einmal überlegt.

Mir bleibt ein Buch, das er mir geschenkt hat, bevor er ins Haus ging. Es ist ein Krimi von Jim Thompson mit dem Titel "Gefährliche Stadt" und da steht ganz am Ende: "Er ging durch die Hotelhalle und lachte leise vor sich hin. Lachte sich aus. Nur, wer sich selbst nicht ernst nimmt, erträgt das Unerträgliche."