SCHOCK Der Pilot des abgestürzten Hubschraubers hatte 1,5 Promille, sein Bordtechniker 1,2. Experten rätseln: Wie konnte es geschehen, dass sie trotzdem flogen?

Beide Rettungsflieger betrunken

Christian Denso

Ulrike Brendlin

Hamburg/Berlin

Der tragische Absturz eines SAR-Rettungshubschraubers in Hamburg-Hummelsbüttel ist offenbar auf Flugfehler der betrunkenen Cockpit-Besatzung zurückzuführen. Pilot Dieter S. hatte beim Absturz 1,5 Promille, Bordtechniker Dirk von S. 1,2 Promille im Blut. Diese Obduktionsbefunde teilte die Bundeswehr gestern kurz nach der Trauerfeier im Hamburger Michel mit. Die absolute Flugunfähigkeitsgrenze liegt bei 1,1 Promille.

Die beiden Soldaten nahmen den Alkohol während ihres einwöchigen Bereitschaftsdienstes in Hamburg bis etwa sieben bis acht Stunden vor dem Unglück zu sich. Das hat laut Staatsanwaltschaft die Untersuchung ihres Mageninhaltes ergeben. "In beiden Fällen handelt es sich um Restalkohol", sagte Sprecher Rüdiger Bagger. Der Flug, bei dem der SAR 71 am vergangenen Donnerstag abstürzte, war der erste Einsatz an diesem Tag.

Nach den Vorschriften der Bundeswehr dürfen Besatzungen zwölf Stunden vor einem Flug keinen Alkohol mehr trinken. Für fliegendes Personal besteht eine Null-Promille-Grenze an Bord. Die Staatsanwaltschaft hat jetzt Vorermittlungen aufgenommen: "Offen ist, wann und unter welchen Umständen die Soldaten getrunken haben", sagte Bagger. Möglich sei, dass Kontrollpflichten Dritter verletzt worden seien. Bei den jährlichen Routineuntersuchungen bei ihrem Verband, dem Lufttransportgeschwader 63 (LTG 63) bei Rendsburg, waren weder beim Piloten noch beim Mechaniker Alkoholprobleme festgestellt worden. "Beide waren bisher nie negativ auffällig", sagte der Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Gerhard Back. Oberstabsarzt Hansjörg Glaser, im Flugmedizinischen Institut der Luftwaffe verantwortlich für die Untersuchungen, sagte aber: "Bei diesem medizinischen TÜV kann man nicht einwandfrei feststellen, ob ein Proband Alkoholiker ist."

Pilot Dieter S., seit 1979 Soldat, flog seit 17 Jahren die SAR-Hubschrauber vom Typ Bell UH-1D. Mit 3500 Flugstunden galt der 41-Jährige als äußerst routiniert. Er war mehrere Jahre auch in der Flugausbildung tätig. Bordtechniker Dirk von S. (32), der keine Pilotenlizenz hatte, flog erst seit etwa zwei Jahren auf dem SAR-Hubschrauber. Es war sein zweiter Bereitschaftsdienst in Hamburg.

Offiziell wollte sich die Bundeswehr gestern nicht dazu äußern, ob der Alkohol ursächlich für den Absturz war. Luftwaffen-Inspekteur Back sprach von einer "Fehlerquelle", die aber nicht entscheidend sein müsse. Er wiederholte, dass widrige Wetterumstände oder ein technischer Defekt auszuschließen seien. Aus dem LTG 63 hieß es dazu: "Wenn Sie die drei normalen Unfallursachen nehmen, Wetter, Technik oder menschliches Versagen, und die ersten beiden ausschließen, dann ist das nahezu selbsterklärend." Der Alkoholkonsum wäre auch ein Erklärung für die waghalsigen Flugmanöver, die Augenzeugen kurz vor dem Absturz gesehen haben wollen.

General Back wollte vorerst keine Konsequenzen für die fliegenden Besatzungen ziehen: "Das sind Einzelfälle, die nicht auf den Allgemeinzustand der Bundeswehr schließen lassen." Die Hinterbliebenen seien ungeachtet der Absturzursache abgesichert. Kommentar und "Im

Gespräch" S. 2, Berichte S. 13