Kanzler Schröder löst heftige Diskussion aus

Kinderschänder lebenslang wegsperren?

HA Berlin - Mit seinem Ruf nach "lebenslänglich" für Kinderschänder hat Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD eine heftige öffentliche Kontroverse ausgelöst. Die Opposition warf dem Kanzler Populismus vor. Auch in der rot-grünen Koalition stieß der Regierungschef auf ein gespaltenes Echo. Mit seiner Forderung nach einem härteren Umgang mit Sexualstraftätern stieß Schröder aber vor allem bei Kriminologen und Psychiatern auf entschiedenen Widerspruch.

Der Kanzler hatte am Wochenende in einem Interview erklärt: "Ich komme mehr und mehr zu der Auffassung, dass erwachsene Männer, die sich an kleinen Mädchen vergehen, nicht therapierbar sind. Deswegen kann es da nur eine Lösung geben: Wegschließen - und zwar für immer."

Doch die Erkenntnisse der Wissenschaft sprechen nicht unbedingt für Schröder. Peter Wetzels, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsens, erklärte: "Die Studien zeigen uns, dass Sexualstraftäter therapierbar sind und dass sich die Rückfallquote verringert." Der größte Teil der Sexualstraftäter werde nicht rückfällig. Eine "große Gruppe" von Sexualstraftätern sei therapierbar. Bei Kindesmissbrauch liege die Rückfallquote bei etwa 20 Prozent. Eine unterschiedslose Behandlung aller Sexualstraftäter sei unangemessen. Sie widerspreche außerdem unserem Recht.

Der Psychiater Norbert Leygraf sagte, die Bandbreite der Vergehen, die als Sexualstraftaten gelten, sei sehr hoch. Bereits Exhibitionismus gelte vor dem Gesetz als sexueller Missbrauch. "Das kann man doch nicht alles über einen Kamm scheren", sagt der Direktor des Instituts für forensische Psychiatrie an der Universität Essen. "Das muss man differenziert sehen, aber es ist natürlich einfacher zu sagen, die gehören alle weggesperrt."

Auch der Kinderschutzbund kritisierte den Kanzler. Seine Forderung sei "ein Stück weit populistisch". Er habe nicht die "gesamte Komplexität des Problems" erfasst. Zustimmung erntete Schröder bei Hamburgs Innensenator Olaf Scholz (SPD). Er forderte im Interview mit dem Abendblatt Sicherheitsverwahrung für Wiederholungstäter.

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