Die Menschenmacherin

KLONEN Sie will die Erste sein, die ein Klonkind herstellt. Dafür sammelt

Brigitte Boisselier, Bischöfin einer Ufo-Sekte, ganz im

Geheimen Geld

und Eizellen.

Andreas Schmidt

New York

In ihrem engen schwarzen Oberteil mit verspieltem Volantausschnitt, die Haare straff zum Pferdeschwanz frisiert, sieht sie aus wie eine in die Jahre gekommene Ballerina. Doch Brigitte Boisselier (45) spielt nicht auf der Bühne. Madame spielt Gott. Sie will die Einzigartigkeit des Menschen aufheben und Kinder klonen.

Brigitte Boisselier ist Biochemikerin und selbst ernannte "Bischöfin" einer Ufo-Sekte, die an grüne Männchen glaubt und an einen Mann mit Dutt. Rael nennt er sich - ein Ex-Rennfahrer, Ex-Popmusiker, Ex-Journalist und wie Boisselier Franzose. Außerirdische hochintelligente Kreaturen hätten alles Leben auf der Erde in einem Genlabor geschaffen, heißt seine Botschaft.

Und nun ist Madame am Zug. "Ich werde das erste Baby produzieren", sagt Boisselier. "Es wird ein perfektes Kind werden. Wir Menschen werden unsere eigenen Schöpfer, wir werden Götter." Klingt wie eine schlechte Kopie von Aldous Huxleys "Schöner Neuer Welt". Doch in Amerika wird Madame ernst genommen. Die renommierte Nationale Akademie der Wissenschaften hatte gerade die Crème de la Crème der internationalen Genforscher zum Thema Klonen eingeladen. Mit dabei auch Brigitte Boisselier - in ihrer Funktion als "Chefwissenschaftlerin" von Clonaid, einer Firma ohne Firmensitz, die bis vor kurzem einen Briefkasten auf den Bahamas hatte. Das Unternehmensziel: Menschen biokopieren, für ganz viel Dollar.

Wie viel Geld Madame bislang eingesammelt hat, weiß niemand genau. Von ihrem zunächst wohl größten Förderer bekommt sie jedenfalls keinen Cent mehr: Mark A. Hunt (38), Anwalt aus Charleston, West Virginia, demokratischer Kandidat für das US-Repräsentantenhaus, das gerade gegen das Menschen-Klonen gestimmt hat. Eine halbe Million Dollar hat Hunt ihr zukommen lassen, damit sie seinen toten Sohn Andrew wieder zum Leben erweckt, der mit zehneinhalb Monaten nach einer Herzoperation gestorben war.

"Ich kann nicht hinnehmen, dass es vorbei ist für unseren Jungen", schreibt Hunt in einem Brief an den Kongress. "Da traf ich eine sehr freundliche und brillante Frau, Dr. Boisselier. Ich wusste sofort, dass wir zusammen die Welt verändern können. Denn durch das Klonen kann die Menschheit länger leben und muss den Tod nicht mehr als das Ende aller Dinge fürchten."

Madame gab zu bedenken, dass "der verspätete Zwilling des toten Kindes letzteres nicht ersetzen" könne. "Aber der Klon ermöglicht es dem einzigartigen genetischen Code des Toten, sich nochmals darzustellen." Diese Hoffnung war Hunt nicht nur 500 000 Dollar wert, er richtete Clonaid zusätzlich ein Labor in Nitro, West Virginia, ein. Jetzt haben die Behörden das Institut geschlossen - Hunts Geld ist weg. "Frau Boisselier hat lieber Vorträge über Raelianer gehalten, als für mich zu arbeiten", klagt Hunt. Er sucht ein anderes Forscherteam für seinen Andrew Hunt II. Seine Frau hat gerade ein gesundes Kind zur Welt gebracht.

Dass die Clonaid-Chefwissenschaftlerin nicht in Gang kam, ist kein Wunder: Im Labor (Monatsmiete 350 Dollar) standen lediglich ein Computer, ein paar Reagenzgläser, eine Waage und ein Inkubator, der "beim ersten Anschließen gleich durchbrannte", so Hunt. Nach Abendblatt-Informationen hatte Boisselier ohnehin kaum Zeit, denn zwischen Juli 2000 und Mai 2001 lehrte sie am Hamilton College in Clinton (1700 Studenten, 22 000 Einwohner) im Bundesstaat New York. Das liegt tausend Autokilometer vom Klon-Labor entfernt. "Die Gastprofessorin wohnte mit anderen Dozenten auf dem Campus", bestätigt College-Sprecher Michael Debraggio. "Sie unterrichtete fünf Kurse je drei Stunden in analytischer und physikalischer Chemie und gab ein Forschungsseminar."

Schafe, Kühe, Ziegen, Mäuse und Schweine haben Wissenschaftler bislang geklont. Der Schöpfer des Schafes Dolly (1996) warnt nun vor den Gefahren des Menschenkopierens: 277 Versuche waren nötig, bevor Dolly entstand. 276 Mal wuchsen die Embryonen nicht, gingen als Fehlgeburten ab, starben an Missbildungen oder Riesenwuchs.

"Wer Menschen klont, muss mit Spätabtreibungen, mit toten und abnormen Kindern rechnen", sagt Ian Willmut vom schottischen Roslin Institute. Gemeinsam mit dem Pionier der Genmanipulation, Rudolf Jaenisch vom Massachusetts Institute of Technology in Boston, hat er einen Aufruf veröffentlicht: "Klont keine Menschen!"

Das schert Boisselier nicht. "Ob man Menschen klonen soll oder nicht, ist eine Frage von gestern. Der nächste Schritt wird die Bekanntgabe der Geburt eines Kindes sein. Nichts wird die Wissenschaft aufhalten." Details ihrer Forschungen gibt die zierliche Frau mit dem mystischen Blick nicht heraus. Doch allein ihre Ankündigungen lassen sie für manche kinderlose Paare zur Lichtgestalt werden. Sie wird ihnen ein Kind machen, das genau so ist, wie sie es haben wollen! Da kann man doch ein bisschen Zellmaterial liefern. Madame wird die Erbinformationen dann in eine entkernte Eizelle implantieren, ein paar Zellteilungen abwarten und den Embryo in die Gebärmutter einer Leihmutter verpflanzen. Dafür steht ihre Tochter Marina Cocolios (24) schon bereit. "Das hat Maman bestens unter Kontrolle. Dieses Kind wird besser überwacht als jedes andere. Wenn etwas passiert, dann treibe ich ab", sagt die schöne Kunststudentin. "Die Nachfrage ist groß", bestätigt Maman. "Wir haben Tausende Anfragen aus der ganzen Welt und können auf mehr als 50 Leihmütter zurückgreifen."

Wer Näheres über Brigitte Boisselier erfahren möchte, stößt auf viel Ausreden und Achselzucken. Wo in Frankreich sie geboren wurde, sei für ihren Lebenslauf nicht von Bedeutung. Ihr Wohnort? "Ich reise viel." Ihre Eltern? Schweigen. Ihre erste Doktorarbeit schrieb sie im Fachbereich physikalische Chemie an der Universität von Dijon (1982), die zweite über analytische Chemie an der University of Houston (1985). Ihre Spezialität sind Porphyrine (körpereigene Farbstoffe) mit wechselnden Metall-Karbon- und Metall-Metall-Verbindungen. Mit Gentechnik hat das wenig zu tun. "Ich behaupte nicht, dass ich eine Expertin im Klonen bin", sagt Madame. "Aber ich weiß, wie ich die Wissenschaftler für das Projekt finde."

Zwölf Jahre arbeitete Brigitte Boisselier für den französischen Chemiekonzern Air Liquide als Verkaufsmanagerin. Als sie 1997 in der Zeitung "Le Monde" das Klonen befürwortete, verlor sie vier Wochen später ihren Job und kurz darauf das Sorgerecht für ihre jüngste Tochter, Iphigenie, die bei ihrem Ex-Mann, Panos Cocolios, lebt. An diesem Punkt wird Madame persönlich. "Meine Arbeit weg und dann auch noch mein Kind - das war zu viel für mich." Deshalb zog sie mit Sohn Thomas nach Montreal. Hier studierte ihre älteste Tochter. Und vor den Toren der Stadt residiert ihr Meister Rael im "Ufo-Land".

Vielleicht werden Psychologen später einmal schreiben, dass Madame Boisseliers Streben nach göttlicher Allmacht viel mit der nicht verarbeiteten Trennung von ihrer geliebten Tochter zu tun hatte, die sie - unbewusst - noch einmal erschaffen wollte. (SAD)

"Wir Menschen werden in Zukunft unsere eigenen Schöpfer, wir werden Götter."

"Durch das Klonen kann der Mensch länger leben und muss den Tod nicht fürchten."