Studieren mit viel Druck

Von der Hansestadt nach Australien - die Hamburger Fachhochschul-Studentin Sonja Görnitz berichtet über ihre Erfahrungen an der Macquarie University in Sydney.

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ie studiert in Hamburg und lernt derzeit in Australien dazu: Sonja Görnitz (28), eingeschrieben an der Fachhochschule (FH) in Mediendokumentation, hat an der Macquarie University in Sydney (Australien) Fächer in "Media & Communication" und "Economics" belegt. Ihre Diplomarbeit schreibt sie über das Informationssystem bei den Olympischen Spielen, zudem strebt sie im Postgraduate Qualifying Program den Master of Arts in "International Communication" an. Sie berichtet über ihr Studium in Australien:

Direkt vom Flughafen fahre ich zur Uni. Nach drei Stunden warten, Formulare ausfüllen, Stempel und Unterschriften besorgen bekomme ich meinen Studentenausweis: eine Plastikkarte mit Magnetstreifen und Foto. Ein halbes Jahr dauerte die Vorbereitung mit Bewerbung, Visum etc.

Mich erwartet eine Überraschung: Im BWL-Kurs sitzen 1500 Leute auf drei Vorlesungen verteilt für drei Stunden pro Woche in Hörsälen so groß wie Konzerthallen. Trotzdem fehlen oft Sitzplätze. Dagegen bietet die FH für ihre gut 50 neuen "Medok"-Studierenden pro Wintersemester fast "Privatunterricht".

Mit Mobilmi-krofon und Overheadprojektoren schreitet "Lecturer" Allan McHarg zügig durch die "Microeconomics", ein mir neues Fach. Schnell schreiben wir Formeln, Diagramme und Theorien mit. Zu Hause arbeiten wir das Literaturpaket durch: zwei Fachbücher und eine CD-ROM für 110 Mark, Studententarif schon drin. Dazu gibt es in allen Fächern umfangreiche Literaturlisten für stundenlange Aufenthalte in der fünfstöckigen Bibliothek mit kompetentem Service. Der Studentenausweis dient als Mitgliedsnachweis und Geldkarte für Kopierer.

In Australien dauert das Vollzeitstudium drei Jahre, straff organisiert. In jedem Fach gibt es eine Kombination aus zwei bis drei Prüfungen, Hausarbeiten und Referaten; die mündliche Mitarbeit wird benotet.

Ich habe vier Kurse mit je drei "Creditpoints" gewählt, das ist üblich. Obwohl ich auf nur zehn Wochenstunden komme, bin ich mit Recherchen, Referaten, Hausarbeiten, Lernen mehr als 40 Stunden beschäftigt. Ab der dritten Studienwoche bleibt die Freizeit fast auf der Strecke.

Die meisten Studierenden sind 20 Jahre alt, kommen direkt von der Schule. Dagegen haben an der FH einige schon vorher eine Ausbildung gemacht. Eine Studienkultur wie in Deutschland gibt es nicht. Hier studiert man schnell, um Zeit und den jährlichen Anstieg der hohen Studiengebühren zu sparen. Die Kosten werden nach Fach und Creditpoints berechnet. Am Ende des Studiums muss eine bestimmte Punktzahl erreicht werden.

Die Gebühren für internationale Studierende sind höher. Ein "Abroad Semester" kostet in diesem Jahr etwa 7600 Mark (mit Pflicht-Krankenversicherung). Hinzu kommen rund 150 Mark im Monat für öffentliche Verkehrsmittel - die Uni liegt außerhalb. Leider erhalten "Internationals" nur im Austauschprogramm 50 Prozent Studentenermäßigung.

In den Einführungsveranstaltungen wird betont, Studierende sollen kritisch denken lernen, System und Vortragende hinterfragen, aber es geht eher darum, die Kurse zu bestehen, ohne nach rechts oder links zu schauen.

Zu dem Finanz- kommt der starke Leistungsdruck: Obwohl "ECON111" für mich der einzige Kursus aus dem ersten Studienjahr ist (sonst aus zweitem und drittem), habe ich den Eindruck, dass dieser der schwierigste ist.

Einmal pro Woche findet ein "ECON111"-Tutorium statt, in dem Vicki Le Plastrier streng seitenlange Lösungen der Hausaufgaben mitteilt. Viel Zeit für Fragen bleibt nicht. Alles läuft zielstrebig auf die dreistündige Abschlussklausur hinaus, die zu 75 Prozent für die Gesamtnote zählt. Wer hier versagt, hat den Kursus nicht bestanden. Mir wird mulmig, und leicht ist der Stoff nicht. In der sechsten Studienwoche gibt es einen Multiple-Choice-Test (zehn Prozent der Gesamtnote), der schlecht ausfällt. Der Durchschnitt liegt bei neun von zwanzig richtigen Antworten. Ohne Lernen wäre der Test wie Lotto-Spielen. Das Testblatt zum Markieren der Lösungen sieht sogar wie ein großer Lotto-Schein aus. Alles für den Computer, der die über 1000 Ergebnisse überprüft. An der FH wird das per Hand gemacht.

Die restlichen 15 Prozent für die Note liefert eine Hausarbeit, die wir in den dreiwöchigen Olympics-Ferien (das Kanadische Athletenteam war in der Uni untergebracht) schrieben. Mit 40 von 70 Punkten lag der Durchschnitt niedrig. Für viele, so auch für mich, waren die Olympics spannender als BWL.

Am Ende sitzen wir zu gut hundert in einer Sporthalle an zugeteilten Tischen mit dreistelliger Nummer und schreiben unsere ECON111-Schicksale. Wochen warten, dann das Endergebnis: ein B! Ich habe es geschafft! Meine Leistungen an der Macquarie University werden vollständig von der FH angerechnet.

Es gab A, B und C für "Bestanden", A ist die beste Note, C die schlechteste. Zudem gibt es plus und minus wie in Deutschland. Ein F bedeutet "Fail", durchgefallen. Nun hat die Macquarie University ein neues Notensystem, das anderen australischen - nicht amerikanischen - Unis entspricht. Gesamtnoten stehen nach Semesterende im Internet (mit Passwort) und werden als Computerausdruck zugeschickt.

In den Medienfächern bekommen wir dicke "Reader", Literatursammlungen zum Durcharbeiten. Es ist üblich, dass Dozenten Kopien für Ringbücher oder Bände zusammenstellen, die wir für rund 25 Mark im Buchladen kaufen, wenn sie nicht vergriffen sind und man zwei Wochen auf den neuen Druck wartet; eine Verzögerung, die man sich kaum leisten kann, denn die Lektüre wird in den Tutorien abgefragt, und zum Nacharbeiten fehlt die Zeit. Die Medientutorien sind kleiner (15 bis 20 Studierende), so kann die mündliche Mitarbeit gezielt benotet werden. Sie zählt bis zu 20 Prozent, deshalb reden die Studierenden ambitionierter als in Deutschland mit, wirken dabei aber gezwungen.

Die beiden Hausarbeiten in "MAS203 - News and Current Affairs" sollten 1500 Wörter und 3000 Wörter Umfang haben. Mehr oder weniger ist nicht erlaubt. Dozent Matthew Pearce legt viel Wert auf den kritischen Umgang mit Zitaten, klare Argumentation und Formalien. In der zweiten Hausarbeit gibt es für jeden Formfehler, zum Beispiel beim Zitieren, einen Punkt Abzug, bei mehreren Fehlern kann das zum "Fail" führen. Wer keine Literaturliste einreicht, bekommt gleich ein F für diese Arbeit, die zu 50 Prozent zählt.

Zur Abwechslung kommen wie an der FH Medienexperten zu Fachvorträgen: So erzählt Hugh Riminton, ein berühmter australischer TV-Reporter, von seiner Arbeit bei Channel 9. In "MAS204 - Media and the Asia Pacific" berichten internationale Journalisten von ihrer Arbeit in Indonesien, Indien, Thailand, Australien und auf Fiji. Nach guten Vorträgen klatschen die Studierenden. Präsentationen mit Akzent sind normal. Als ich mein erstes Referat auf Englisch halte, bin ich aufgeregt. Aber die Gruppe ist toll. Die Australier schätzen es, dass Leute von weit her anreisen, um bei ihnen zu studieren; Europäer, Asiaten, Afrikaner und Amerikaner sitzen als "Internationals" in einem Boot.

Neben unterschiedlichen Kulturen und Studieninhalten lerne ich viel über Zeitmanagement. Zum Semesterende braucht man gute Nerven. Trotz früher Planung ist manches erst in letzter Minute zu schaffen. Kurz vor Mitternacht bin ich nicht die Einzige, die, vom Sicherheitsdienst begleitet, ihre Hausarbeit in den Postkasten einwirft. Ich hätte nicht gedacht, dass das Studium in einem "relaxten" Land so arbeitsintensiv ist.

In Australien studiert man schnell, um Zeit und den jährlichen Anstieg der hohen Studien- Gebühren zu sparen.

Die Australier schätzen es, wenn die Leute aus allen Ländern der Welt anreisen, um bei ihnen zu studieren.