Galopper werden Reitpferde zum Schlachtpreis

Mit drei Jahren schon ausgedient

Von MANUELA KEIL

Hamburg - Seine Heimat sind die riesigen Weiden im sonnigen Kalifornien. Der berühmte Pferdepsychologe Monty Roberts ist sein Ziehvater und Perceive Arrogance, der das Kalifornische Derby gewann, sein Vater. Doch als 1993 deutscher Besuch die beiden Vollblüter von Monty Roberts Farm kaufte, ging die Reise für Vater und Sohn in das kühle Norddeutschland.

Der junge Hexaglott wuchs in Duvenstedt auf dem Gestüt Lindenhof auf, ging zu Andreas Wöhler zum Training nach Bremen. Als Dreijähriger lief Hexaglot sechs Rennen mit guten Platzierungen. Das Highlight seiner Karriere: Am 28. Dezember 1995 siegte er mit Peter Schiergen in Mülheim - für den Jockey war es der 271. Jahreserfolg und damit Europarekord. Aber: Hexaglott war nur ein Durchschnittsgalopper, wechselte zur Military, gewann 1999 sogar den Hamburg-Cup.

Spitzenpferde kommen nach Karriereende in die Zucht, wer als Rennpferd nicht schnell genug, verletzt oder ausgepowert ist, wird früh ausgemustert.

"Rennpferde, die nicht in die Zucht gehen, haben in der Regel ein schlimmes Schicksal. Sie landen beim Händler, in Schulställen, beim Schlachter oder Abdecker", sagt Maximilian Pick, ehemaliger Rennbahntierarzt in München.

Adel Massaad aus Geldern an der holländischen Grenze bildet gesunde Vollblüter von der Bahn zum Reitpferd aus und vermittelt sie weiter, wenn möglich für den großen Sport. "Vollblüter können viel mehr als 2000 Meter geradeaus laufen. Sie sind auf Leistung gezogen und viel zu schade für Freizeitreiter." Den Stress des Rennalltags gewohnt, seien selbst Hochleistungsturniere "eine Lachnummer" für diese nervenstarken Pferde. Einer seiner Hengste kommt jetzt nach Lütjensee zur Dressur-Ausbildung.

Aber es gibt keinen generellen Markt für ausgemusterte Rennpferde. "Jedes Jahr scheiden 2000 Galopper aus. Kaum zehn Prozent finden einen neuen Besitzer", sagt Adel Massaad. Das Gros lande beim Händler oder Schlachter. Dem widerspricht Hamburgs Derby-Vize Eugen-Andreas Wahler: "Mir ist kein einziger Besitzer bekannt, der sein Pferd zum Schlachter gibt." Der frühere Trainer und Besitzer von Galoppern hat seine 15 Pferde innerhalb von sechs Monaten als Hindernisrenn- oder Reitpferde verkauft oder verschenkt. Er gibt zu: "Die Verwertung von Rennpferden ist in der Tat schwierig." Ein Grund sei, dass Vollblüter "empfindlich, schreckhaft und sensibel" und damit als Reitpferd bedingt geeignet seien.

Horst Dieter Beyer, Vollblutzüchter und Inhaber eines Reitsportgeschäfts in Köln bietet ausgemusterte Galopper in Auktionen an. "Meistens rufen mich die Besitzer an. Die Pferde waren nicht schnell genug oder haben leichte Krankheiten, die bei Überanstrengung im Endkampf entstehen aber einen normalen Reiter nicht stören, wie das Nasenbluten." Ihr Durchschnittspreis betrage rund 2500 Mark. Die Pferde, zwischen zwei und sechs Jahre alt, gehen für Hindernisrennen nach Frankreich, werden Western-, Spring-, Military- und Distanzpferde oder kommen in Reitställe. Und, so Beyer, "die Käufer sind immer vollkommen zufrieden".

Christa Stengel, sie suchte ein Jagdpferd, kaufte ihren damals vierjährigen Vollblüter direkt von einem Trainerhof im Saarland. "Er war von Anfang an sehr brav und charakterlich anständig. Probleme gab es im Galopp. Da war er zu schnell."

Der Pferdemaler Klaus Philipp, der selbst Vollblüter gezüchtet hat, sagt: "Ich habe die besten Erfahrungen mit ausgedienten Rennpferden gemacht." Philipp, 69 Jahre alt, reitet heute eine vierjährige Stute, die auf der Rennbahn zu langsam war.

Maximilian Pick fordert das Direktorium für Vollblutzucht und Rennen zu einer Lösung auf, wie die Tiere nach ihrer Rennlaufbahn unterkommen sollen. Er schlägt ein Umschulungszentrum vor. Musterbeispiel sei Hongkong, wo ausrangierte Galopper zu Reitpferden umgeschult werden. Pick: "Es ist ein Fiasko, keiner tut etwas."