Zwei grundverschiedene Männer?

Alfred Herrhausen und Wolfgang Grams - der Banker und der Terrorist. Der Film "Black Box BRD" beleuchtet Hintergründe. Ein aufrüttelndes Zeitzeugnis.

Ein außergewöhnlicher Film startet morgen unter außergewöhnlichen Umständen. "Black Box BRD" ruft das Leben zweier auf den ersten Blick grundverschiedener Männer ins Gedächtnis: von Alfred Herrhausen, dem 1989 ermordeten Chef der Deutschen Bank, und von Wolfgang Grams, der vom BKA als RAF-Terrorist gesucht wurde und 1993 beim Versuch der Festnahme unter umstrittenen Umständen im Bahnhof von Bad Kleinen starb. Erst vor wenigen Tagen waren Meldungen einer möglichen Tatbeteiligung Grams' am Mord von Treuhand-Chef Detlev Carsten Rohwedder und Spekulationen über eine Neugründung der RAF veröffentlicht worden.

Regisseur Andreas Veiel, Jahrgang 1959, befragte für seinen Dokumentarfilm zahlreiche Zeitzeugen. Neben der Witwe Traudl Herrhausen und den Eltern von Wolfgang Grams kommen auch Vorstandsmitglieder der Deutschen Bank, Helmut Kohl und Weggefährten von Grams mit teils erhellenden, teils erschütternden Aussagen zu Wort. So entsteht ein aufschlussreiches Bild der bundesdeutschen Gesellschaft aus zwei unterschiedlichen Perspektiven. Der Film verzichtet auf Stereotypen und Täter-Opfer-Polarisierungen. Grimme-Preisträger Veiel stellt ihn morgen um 20 Uhr im Abaton-Kino vor.

ABENDBLATT: Sie zeigen in Ihrem Film, dass es Gemeinsamkeiten zwischen Herrhausen und Grams gab. Haben Sie das in den Gesprächen herausgefunden, oder war es Ihnen schon vorher klar?

VEIEL: Ich habe nicht erwartet, dass es zwischen beiden so eine Nähe in der Unbedingtheit gab, Ideen umzusetzen, und zwar ohne Rücksicht auf die Menschen, die sie begleiteten. Bei beiden setzte ein Prozess zunehmender Einsamkeit ein. Traudl Herrhausen schildert, dass sie ihren Mann nicht mehr erreicht hat und er sich auch von ihr verlassen gefühlt hat. Umgekehrt hat Wolfgang Grams Birgit Hogefeld zurückgelasssen. Sie hat sich mit dem Stehenbleiben in Bad Kleinen für das Gefängnis entschieden. Er lief weiter. Auch das war eine Trennung kurz vor dem Tod.

ABENDBLATT: Haben viele Zeitzeugen ihre Mitarbeit verweigert?

VEIEL: Birgit Hogefeld und einige aus dem Umfeld von Wolfgang Grams zum Beispiel. Die Konzeption des Films mit Herrhausen als Äquivalent war ihnen zu unpolitisch, zu psychologisierend. Das wurde ihren Vorstellungen von der RAF nicht gerecht. Außerdem hatten sie immer noch Vorstellungen von einem fiktiven, nicht mehr vorhandenen Kollektiv. Die Angst, sich allein zu stellen und von diesem Kollektiv zur Verantwortung gezogen zu werden - dies hat auch eine Rolle gespielt.

ABENDBLATT: Wie haben Sie es geschafft, Ihren Gesprächspartnern vor der Kamera so persönliche Äußerungen zu entlocken?

VEIEL: Ich habe vorher gesagt: Mich interessiert der persönliche Blick, der Widersprüche zulässt. Das kann der eine Banker, der andere kann es nicht.

ABENDBLATT: Außergewöhnlich ist auch der Mut von Frau Herrhausen, die in ihren Aussagen bis an die eigene Schmerzgrenze geht.

VEIEL: Sie hat mit großer Offenheit gesprochen und auch Momente ausgehalten, in denen wir geschwiegen haben. Dadurch erhielt das Nichtsagbare Raum.

ABENDBLATT: Ist es Ihnen schwer gefallen, die Ausgewogenheit dieses Films zu erzeugen?

VEIEL: Im Entstehungsprozess gab es Phasen von extremer Nähe und extremer Distanz zu beiden Protagonisten. Ich wollte niemanden denunzieren, nicht vordergründig werten.

ABENDBLATT: Sie zeigen auch die Prügelszene mit dem jungen Joschka Fischer in Frankfurt - ausgelöst durch die Diskussion um seine Vergangenheit?

VEIEL: Wir haben die Szene zunächst eingeschnitten, ohne zu wissen, wer darauf zu sehen ist. Als im Januar 2001 klar war, dass diese Bilder Teil der Fischer-Debatte waren, stellte sich mir die Frage, inwieweit sind sie jetzt belastet? Wir leben in einer hysterischen Zeit, in der so eine Auseinandersetzung unter tages- und parteipolitischen Aspekten geführt wird. Ich habe ihn drin gelassen, weil ich hoffe, dass er Teil eines komplexen Diskurses wird, der auf den Film folgt.

ABENDBLATT: Warum setzen sich die heute 20-Jährigen mit den politischen Idealen der 40-Jährigen kaum auseinander?

VEIEL: Die Phänomene sind die gleichen geblieben, aber es gibt keine Sprache mehr dafür. Die ist jetzt von Gemeinschaftskundelehrern besetzt.

ABENDBLATT: Sie sind in Stuttgart aufgewachsen. Hat diese geographische Nähe zu Stammheim etwas mit dem Film zu tun?

ANDREAS VEIEL: Sie hat mich stark geprägt. Anfang der 70er-Jahre ging in Stuttgart eine Bombendrohung ein, angeblich von der RAF. Ohne das Wissen meiner Eltern bin ich in die Stadt gefahren, die absolut leer war. Es war eine Kindheitsfantasie von mir, allein auf der Welt zu sein. Als 1975 die RAF-Prozesse begannen, war der Weg nicht weit, und ich musste mich nur in die Straßenbahn setzen und nach Stammheim fahren. Bilder wie die von Gudrun Ensslin und Andreas Baader, die wie Schlachtvieh aus dem Gerichtssaal abtransportiert werden, haben sich bei mir eingraviert. Für mich verlief da eine Linie von Stammheim über die Schule bis ins eigene Elternhaus. Ich verspürte ein Gefühl von Wut und Ohnmacht. Zunächst habe ich Menschen, die das eigene Leben riskieren, verstehen können und auch bewundert.

ABENDBLATT: Kamen Ihnen keine Zweifel?

VEIEL: Doch. Im Jahr 1977 mit Mogadischu und der Ermordung von Hanns Martin Schleyer. Mein eigener Weg führte mich zur Kunst. Da hatte ich mich schon distanziert, hatte auch keine Lust auf diese reduzierte Betonsprache. Danach ist die RAF mehr und mehr aus meinem Blickwinkel verschwunden. Bis 1996, als der Prozess gegen Birgit Hogefeld begann, die sehr persönlich über ihre Erfahrungen berichtet hat. Ich habe sie besucht. Das war dann die Initialzündung für diesen Film.

Interview: VOLKER BEHRENS

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