Pierre Boulez: Nach 35 Jahren wieder beim "neuen werk" des NDR

Ein guter alter Bekannter

Von JOACHIM MISCHKE

Hamburg - Wiedersehen macht offenbar Freude. Auf Pierre Boulez' Pult im Rolf-Liebermann-Studio liegt nicht etwa eine Druckausgabe seiner "Improvisations I & II sur Mallarmé", die er vor 43 Jahren im Auftrag des NDR komponiert hatte, sondern, ganz traditionsbewusst, die eher unscheinbare Kopie des Autographen - in buchhalterisch präziser Handschrift verfasst. "Das sind sogar NDR-Kopien", erwähnt er amüsiert. Es ist Donnerstagvormittag, die erste Hälfte der Probe ist beendet, die Musiker des Pariser "Ensemble Intercontemporain" (EIC) nutzen die 15 Minuten Generalpause für einen Plausch.

Die Stimmung ist bestens, kleine Malheurs wie eine gerissene Harfensaite oder eine klangliche Delle in den Resonanzröhren des Vibraphons - ein Ersatzteil wird umgehend montiert - nahmen alle gelassen. Hektik wäre unangemessen, überzogene Autoritätsgesten wären fehl am Platz. Kein altertümelndes "Maestro", keine Zulieferer-Demut - Fragen werden der Einfachheit halber an "Pierre" gestellt, der Feinschliff an der Klangraffinesse geht souverän über die Bühne. Profis bei der Arbeit. Wie einzigartig gut das EIC ist, hatte es bereits am Vorabend vor ausverkauftem Haus bewiesen, im ersten der beiden Jubiläumskonzerte, mit denen der NDR den 50. Geburtstag der Avantgarde-Konzertreihe "das neue werk" feiert. Heute Abend folgt die Fortsetzung - und wer eine der begehrten Karten ergattert hat, sollte sie bis zum Konzertbeginn auch nicht aus der Hand geben.

Als Boulez Ende der 50er-Jahre nach Hamburg kam, um seine Arbeiten beim "neuen werk" vorzustellen, war er ein ebenso aufstrebender wie aufbrausender Querdenker. Seine Devise: Viel Feind, viel Ehr. Doch seitdem ist viel passiert: der Aufstieg in die Spitzengruppe der zeitgenösssischen Komponisten. Ein "Jahrhundert-,Ring'" in Bayreuth. Kulturpolitische Großprojekte in Paris. Die Weltkarriere als Elder Statesman der Avantgarde. Vor wenigen Wochen erst hat das Publikum in New York, wo Boulez in den 70ern als Chef der Philharmoniker auf wenig Verständnis und noch weniger Gegenliebe stieß, ihn nach einigen Gastdirigaten beinahe heilig gesprochen. Vor allem aber ist aus dem Opern-Sprengmeister, als der er durch sein legendäres (aber hartnäckig falsch zitiertes) "Spiegel"-Interview bekannt wurde, ein enorm vitaler älterer Herr geworden. Sein Alter - am Montag wird er 76 - sieht man ihm nicht an, der charakteristische Dirigierstil, wie immer ohne Taktstock, ist so markant wie je. Es ist ein ungemein erhellendes Vergnügen, ihm bei der Arbeit zuzusehen. Neue Musik, so scheint es, kann ganz einfach sein.

Natürlich, erzählt er mit leichtem Akzent, freue er sich, wieder in Hamburg zu sein; der Saal gefalle ihm nach wie vor, auch nach dem Umbau seien Akustik und Atmosphäre wie früher. Bekannte von damals habe er zwar nicht mehr, und der Kollege Ligeti sei gerade in Budapest, sonst hätte man sich gern getroffen. Anschließend noch ein paar Worte zu den Musikern, bevor die Probe weitergeht. Die Pflicht ruft, und da gehorcht Boulez nur zu gern.