BSE-Risikomaterial in deutschem Exportfleisch - Künast fordert Jobrotation für Kontrolleure

Rinderwahn: Zwischen Schlamperei und Forschung

rtr Berlin - Verbraucherschutzministerin Renate Künast (Grüne) hat von den Bundesländern eine bessere Kontrolle der Schlachthöfe gefordert, nachdem in Großbritannien deutsches Rindfleisch mit BSE-Risikomaterial entdeckt wurde. Eine Sprecherin Künasts sagte, bis Montag würden Vorschläge der Länder erwartet, wie sie die Kontrollen verbessern wollten.

EU-Verbraucherschutzkommissar David Byrne hatte Künast zuvor informiert, dass deutsches Exportfleisch Teile von Hirn und Rückenmark enthalten hatte. Nach Angaben von Künasts Ministeriums lassen sich wesentliche Teile der von ihr angestrebten Agrarwende nur auf europäischer Ebene umsetzen.

Der Verzehr von Hirn und Rückenmark gilt als riskant, weshalb diese Bestandteile bei der Schlachtung vollständig entfernt werden müssen. Nach Angaben der britischen Agentur für Lebensmittelkontrolle wurden dennoch in deutschem Fleisch mehrmals Rückstände gefunden. Beanstandet wurden vier Lieferungen aus Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen. Die Kontrolle über die Schlachthöfe liegt jedoch bei den Bundesländern.

Künast bestätigte den Eingang des Briefes von Byrne, der forderte, den betroffenen Schlachthöfen die Exportlizenz zu entziehen und die Aufsichtsbeamten zu suspendieren. Künast will nun von den Ländern hören, wie die "offenkundigen Missstände" abgestellt werden können. Man müsse die Länder fragen, wie viele Kontrolleure sie hätten, "die nicht in den alten Verbindungen stecken", sagte Künast. An solchen Stellen "brauchen Sie eine Jobrotation, also Leute, die ihre Kunden an den Schlachthöfen noch nicht kennen, die Schlachthöfe wechseln, keine persönliche Verquickung haben".

Künast will den Verbraucherschutz und eine ökologisch ausgerichtete Produktion zum Schwerpunkt ihrer Politik machen. Zudem will sie sich in der EU für flexiblere Rahmenbedingungen einsetzen. Die Ministerin kann wesentliche Teile ihrer Politik nur mit den EU-Partnern umsetzen. Das gilt nach Angaben ihres Ministeriums zum Beispiel bei der Umstellungen des Prämiensystems für Tiere oder dem Verbot vorbeugender Fütterung von Medikamenten.

Bisher werden den Bauern Prämien pro Tier bezahlt, Künast will sie an die Größe der landwirtschaftlichen Nutzfläche koppeln. Ihr Ziel ist es, dass nicht mehr als zwei Rinder auf einem Hektar Fläche gehalten werden. Schlachtprämien, die zusätzlich gezahlt werden und derzeit bei 104 Mark pro Kuh und 65 Mark pro Kalb liegen, will sie nur zahlen, wenn ein Gewichtslimit nicht überschritten wird. So soll den Bauern der Anreiz genommen werden, viele Rinder mit einem großen Gewicht auf einer kleinen Fläche zu halten.

Ungelöst blieb der Streit um die BSE-Folgekosten von geschätzten 2,1 Milliarden Mark. Schleswig-Holsteins Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD) sagte, die Länder könnten die Hälfte "nicht wuppen". Hessen und Bayern forderten, dass der Bund mindestens 60 Prozent übernehmen müsse. Bislang sind 28 BSE-Fälle bei deutschen Rindern nachgewiesen worden.

Von GÜNTHER HÖRBST

Löst ein Parasitengift die Krankheit aus?

Hamburg - Mark Purdey, Rinder-Farmer aus Somerset in England, wird dieser Tage vielleicht das eine oder andere Glas auf seine Beharrlichkeit geleert haben. Denn er darf nun im Auftrag der Universität Reading gründlich erforschen, wofür er in den vergangenen zehn Jahren von der Fachwelt und der Politik verspottet wurde. Purdey ist nämlich schon lange der Überzeugung, dass die Rinderkrankheit BSE nicht durch verseuchtes Tiermehl, sondern durch ein Schädlingsbekämpfungsmittel verursacht wurde.

Zwischen 1985 und 1992 mussten britische Bauern ihre Tiere mit dem stark giftigen Mittel "Phosmet" - ein so genanntes Organo-Phosphat (OP) - behandeln. Dieses wurde in großen Mengen auf den Rücken der Rinder geträufelt, um die Dasselfliege auszumerzen, die sich unter der Haut einnistet und den Wiederkäuern schlimme Schmerzen verursacht. Als in seiner Herde dann die ersten BSE-Fälle auftraten, beobachtete Purdey bei diesen Rindern ähnliche Symptome wie bei einer Phosmet-Vergiftung: Muskelzuckungen, generelle Unruhe, Depression, Paralyse. Der Bauer stritt fortan dafür, diesen Umstand als BSE-Auslöser einzustufen - vergebens.

Seit sich der Rinderwahnsinn aber auch zunehmend auf dem europäischen Festland verbreitet hat, und die Forschung über den Ursprung der Epidemie weitgehend fruchtlos blieb, wird Purdeys These mehr und mehr aufgegriffen. Denn einig sind sich die Wissenschaftler nur darin: Körpereigene Eiweiße - so genannte Prionen - verändern sich bösartig, lagern sich in Zellen ab und zerstören sie. Was diese Veränderungen auslöst, kann jedoch derzeit kein Forscher sagen.

In Deutschland sind Wissenschaft und Politik aber offenbar überzeugt, dass mit Risikomaterial verunreinigtes Tiermehl der Grund der Krankheit ist. Die OP-Theorie spielt hierzulande keine Rolle. Anfragen des Abendblatts beim Landwirtschaftsministerium, dem auf Virenforschung spezialisierten Robert-Koch-Institut und dem Bundesinstitut für Veterinärmedizin ergaben stets dasselbe Ergebnis: "Es gibt keine wissenschaftlichen Hinweise auf den Zusammenhang von BSE und Organo-Phosphaten." Das Ministerium erklärte wenigstens: "Wir beobachten das."

Einsatz von "Phosmet" war in England Pflicht

Der Kieler Universitäts-Professor Sievert Lorenzen kann diese ignorante Einstellung nicht verstehen. Er gründete deshalb eine Arbeitsgruppe, die klären soll, wo in Sachen BSE die Forschungsdefizite liegen. Die OP-These hält er für verfolgenswert: "99 Prozent aller BSE-Fälle stammen von der Insel", sagt der Zoologe, "und dort war der Einsatz von Phosmet gesetzlich vorgeschrieben." In der Schweiz war es kurze Zeit Pflicht, das Organo-Phosphat "Neguvon" gegen Dasselfliegen einzusetzen - und die Schweiz weist nach Großbritannien die meisten BSE-Fälle in Europa auf.

Zudem ergaben Untersuchungen am Londoner Institut für Psychiatrie, dass Phosmet die Bildung von Prionen auf Nervenzellen verstärkt. Andere Studien haben nach Berichten des britischen Neurobiologen Steve Whatley ergeben, dass ein vermehrtes Auftreten von Prionen die Ansteckung mit BSE begünstigt und die Zeit bis zum Ausbruch verkürzt.

In Deutschland war der Einsatz der extrem giftigen Pestizide nie vorgeschrieben. Das aus der Schweiz stammende Mittel "Neguvon" wird nach Abendblatt-Informationen zur Schädlingsbekämpfung aber auch auf heimischen Höfen eingesetzt. In welchem Umfang kann allerdings niemand sagen. Dass nicht alle Rinder, die mit OP-Mitteln behandelt wurden, auch krank wurden, erklärt der Kieler Arzt Claus Köhnlein, Mitglied in Lorenzens Arbeitsgruppe, so: "Die Gift-Dosis und die zu überwindende Strecke durch die Fettschicht bis zum Nervensystem sind entscheidend". Mike Purdey beobachtete nämlich, dass magere Milchkühe öfter erkrankten als die fetten Beef-Rinder.

Trotz all dieser Indizien, die Bauer Purdeys Theorie zumindest ebenso plausibel machen wie die vom Tiermehl, gibt es aber auch für seinen Gift-Ansatz keinen Beweis. Für Sievert Lorenzen gilt es deshalb zu klären: "Entsteht BSE spontan im Rind oder seuchenartig durch die Aufnahme krankmachender Stoffe?"