Gleichschaltung an Heiligabend: "Ich rufe Stalingrad . . . "

Es war der Erfolg des simultanen, akustischen Mediums, das die Hörer packte wie kaum zuvor. Und es markierte wohl einen der größten Triumphe des nationalsozialistischen Rundfunks. "Wir bitten Euch, Kameraden, noch einmal in das schöne, alte Weihnachtslied ,Stille Nacht, heilige Nacht' einzustimmen", verkündete der Rundfunksprecher des Deutschlandsenders zur besten Sendezeit - an Heiligabend 1942. Und wie gebannt saßen die Hörer vorm Volksempfänger, als ein stimmgewaltiger Chorgesang einsetzte. Die weltumspannende Radiotechnik hatte sie tatsächlich mit den "Kameraden" zusammengebracht.

30 Übertragungsstellen des Deutschlandsenders wurden im Machtbereich des NS-Staates zur "Weihnachtsringsendung" über den Äther gerufen, die technischen Vorbereitungen waren enorm. Vom Eismeer bis nach Nordafrika, von der Wolga bis zur Atlantikküste: "Noch einmal sollen alle Kameraden Zeugnis ablegen durch ihren Ruf von dem umfassenden Erlebnis dieser, unserer Ringsendung. Ich rufe Stalingrad . . . , die Front an der Wolga . . . , die Atlantikküste, die Mittelmeerfront und Afrika."

Gleichschaltung weihevoll auf die Spitze getrieben: Zwischen den Soldaten an der Front und den Hörern zu Hause sollte so eine sentimentale Verbindung inszeniert werden, ein Menetekel aus Faszination und subtiler Gewalt. Und wann konnte Propagandaminister Joseph Goebbels je besser an Nationalgefühl, Hoffnungsbereitschaft und Durchhaltewillen von Millionen appellieren als eben an Heiligabend? "Nur nicht langweilig werden! Nur keine Öde!", hatte Goebbels als Parole zum Unterhaltungs-Prinzip erhoben. "Kraft durch Freude" stand unterm Hakenkreuz auf dem Programm - nicht nur zur Weihnachtszeit.

Die Weihnachts-Ringsendung von 1942 war ein ungeheures Medien-Ereignis für die damalige Zeit, das seine suggestive Wirkung durch Unmittelbarkeit und Live-Charakter erzielte: "Stille Nacht, heilige Nacht. Alles schläft, einsam wacht. Diesem spontanen Wunsch der Kameraden schließen sich nun alle Stationen an. Jetzt singen sie schon am Eismeer in Finnland . . . "

Deutsches Fernweh und der Durchhaltewillen der Angepaßten, Halbverstrickten und Denunzianten, das mörderische Streben nach Expansion - all das fand hier seinen Ausdruck. Das geographische Bewusstsein für den Machtbereich des NS-Regimes, für die Entfernungen zwischen Norwegen und Afrika sollte so via Radio geschärft werden. Zugleich diente die ambitionierte Sendung dem Zweck, die militärischen Rückschläge bei Stalingrad erträglich zu machen.

Und wenn alles auch technisch eine Täuschung war? Vor einigen Jahren wurden erstmals Zweifel laut, diese akustische Weihnachts-Weihestunde sei gar nicht echt gewesen, sondern im Studio manipuliert. Mit gestellten Stimmen und vorbereiteten Einspielungen, die keineswegs simultan aus ganz Europa kamen. Vielmehr schlicht aus den Nebenräumen des Berliner Sendestudios.

Ob radiophone Inszenierung oder reales Ereignis - die Ringsendung bediente sich jenes wehmutsvollen Stille-Nacht-Mythos und verband dabei die technischen Möglichkeiten des Rundfunks mit Nostalgie und Kitsch. Bürgerliche Normalität, dahinter der Abgrund: "Schlaf in himmlischer Ruh . . ." MICHAEL MAREK

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