Cohn-Bendits Erinnerungen an den Ex-Terroristen Klein

"Er hat sich geschämt wie ein Kind"

Von JUTTA WITTE

Frankfurt - Jemand hätte ihn unterstützt beim Ausstieg aus dem Terrorismus und beim Aufbau eines neuen Lebens in Frankreich, hatte Hans-Joachim Klein immer erzählt und seine Helfer nie verraten.

Eine dieser Personen outete sich nach der Verhaftung des Ex-Terroristen im September 1998 selbst: Daniel Cohn-Bendit. Er stand dem Frankfurter Schwurgericht, das Klein wegen Beteiligung am Überfall auf die Wiener Opec-Konferenz 1975 den Prozess macht, gestern Rede und Antwort.

"Eines Tages machte ich die Zeitung auf, und da war Klein - verletzt in Wien", erinnert sich der 55-Jährige an den Moment im Dezember 1975, als er erfuhr, was aus seinem ehemaligen Szenekumpel geworden war. Für dessen Abdriften in den Terrorismus gibt Cohn-Bendit sich heute eine Mitschuld: "Er hat bei uns keine Heimat mehr gehabt." 1968 lernte Cohn-Bendit den späteren Terroristen kennen als einen hilfsbereiten Menschen, der aber auch aggressiv auftreten konnte.

Am Anfang habe eine starke menschliche Bindung bestanden zwischen ihnen, sagt der Grüne über den 52-Jährigen, der ihm im Gerichtssaal schräg gegenüber auf der Anklagebank sitzt. "Im Laufe der Zeit aber ging mir dieses radikale Gehabe auf die Nerven."

Beide engagierten sich bei der Roten Hilfe, einer Frankfurter Organisation, die sich für Hafterleichterungen für die in Stammheim inhaftierten RAF-Terroristen einsetzte. Cohn-Bendit war längst Wortführer gegen die Militanz geworden und machte sich für Deeskalation stark. Klein dagegen hatte sich den Revolutionären Zellen angeschlossen, kam zusammen mit dem beim Terroranschlag in Entebbe getöteten Wilfried Böse und dem heute noch inhaftierten Horst Weinrich. Klein sei fasziniert gewesen von militanten Personen wie Böse oder später Carlos, dem Chef des Terrorkommandos gegen die Opec-Konferenz.

Klein verschwindet nach dem Anschlag im Nahen Osten. 1977 erfährt Cohn-Bendit, dass sein alter Kumpel aussteigen will. Cohn-Bendit, gegen den die Frankfurter Staatsanwaltschaft derzeit Vorermittlungen wegen Strafvereitelung führt, organisiert einen Aufenthaltsort in Frankreich und unterstützt den Aussteiger auch finanziell.

Als er Klein wiedertrifft, findet er einen Menschen vor, der mit Schrecken über das Erlebte spricht: "Der hat sich geschämt wie ein kleines Kind", erinnert sich Cohn-Bendit. Sie vereinbaren, dass der Grüne Klein nicht denunziert und der Ex-Terrorist selbst entscheiden soll, ob er sich stellt.

Erst im Herbst 1997 ringt sich Klein, der mittlerweile Vater zweier Kinder ist und zwei Selbstmordversuche hinter sich hat, durch und will sich stellen. Wieder hilft Cohn-Bendit und stellt den Kontakt zu Kleins jetzigem Anwalt Eberhard Kempf her.

Der Rest ist Geschichte. Die Zielfahnder des Bundeskriminalamtes waren schneller und nahmen den Ex-Terroristen fest, der noch einen letzten Urlaub mit seinen Kindern machen wollte. An diesem Punkt holt Cohn-Bendit offenbar wieder das Gefühl persönlicher Verantwortung ein: Er bricht in Tränen aus. Nach einer Sitzungsunterbrechung hat sich Cohn-Bendit gefasst und versucht über weitere Stunden, den Menschen in Hans-Joachim Klein zu erklären.

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