Altes Land: Drehscheibe für den Rauschgifthandel?120 Polizeibeamte stürmten einen Bauernhof in Jork

Drogenrazzia bei der Kirschernte

Sie suchten Heroin unter Kirschbäumen. Die Sonne war gerade erst aufgegangen, als die Fahnder zuschlugen. 120 Beamte der Polizei aus Hamburg und Niedersachsen sowie des Zolls stürmten gestern Morgen einen Bauernhof am Obstmarschenweg im Alten Land.

Um Punkt 6 Uhr hatten die Polizisten den Hof umstellt. "Guten Morgen, dies ist eine Razzia", erklärten sie dem verdutzten Kirschbauern aus Jork. "Wir suchen Ihren Pflücker Mustafa Ö.". Der 25 Jahre alte Vorarbeiter soll dort schon als 15-Jähriger begonnen haben, eines der größten Heroindepots in Deutschland anzulegen und zu verwalten. Irgendwo auf dem fünf Hektar großen Obsthof. Doch wo genau Mustafa Ö. den Stoff versteckt hält, konnten die Drogenfahnder nicht einmal mit Hilfe von 15 Suchhunden aufklären. Sogar die Tauchergruppe der Polizei suchte in Bewässerungskanälen des Hofes nach dem Drogenversteck - vergeblich. Das Heroin lagert weiterhin irgendwo unter den Kirschbäumen. Trotzdem wertet die zuständige SoKo 983 die Razzia als Erfolg. "Dem norddeutschen Heroinmarkt wurde ein empfindlicher Schlag versetzt", sagte ein Polizeisprecher gestern zu der Aktion. Die Beamten gehen davon aus, dass jetzt eine Drogenmenge im zweistelligen Kilobereich unter der Erde "vergammelt".

Rund 150 Kilogramm Heroin soll Mustafa Ö. in den vergangenen zehn Jahren auf dem Hof zwischengelagert haben. Der Stoff gehörte eigentlich einer kurdischen Großfamilie, die ihre Geschäfte deutschlandweit steuert. Die Ermittler können inzwischen nachweisen, dass aus dem Depot in Jork hauptsächlich der Drogenmarkt von Stade und Buxtehude beliefert wurde. Um sein geringes Einkommen als Kirschpflücker aufzubessern, soll Ö. mit Heroinmengen im Kilobereich auch in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. Bei der Durchsuchung des Zimmers von Mustafa Ö. stellten die Drogenfahnder insgesamt 36 900 Mark Dealgeld sicher, das der junge Kurde aus Palu mit kleinen Straßengeschäften verdient haben soll.

Auf die Spur des Umschlagplatzes Jork kamen die Beamten der SoKo 983 durch einen Hinweis aus Nordrhein-Westfalen. Nach der Zerschlagung eines kurdischen Drogenrings in Bochum packte einer der Dealer aus. Umfangreiche Folge-Ermittlungen führten die Beamten ins Alte Land. Schon Anfang der 90er-Jahre waren die Obstplantagen einmal als Drogenversteck genutzt worden. Auch damals konnte die Polizei zwar die Händlerstrukturen zerschlagen, doch den Stoff konnten sie auch damals nicht sicherstellen. Das Gelände ist einfach zu groß.

Seit der Gründung der SoKo 983 im März 1998 ist die Zerschlagung des Depots von Jork bereits der dritte Ermittlungserfolg im Kampf gegen die kurdischen Drogenkartelle. Im Oktober 1999 nahmen die Ermittler mehrere Bosse von zwei hochkarätigen kurdischen Drogenfamilien in Hamburg fest und stellten dabei insgesamt 26 Kilogramm Heroin sicher.

Mustafa Ö. wurde gestern in die Untersuchungshaftanstalt am Holstenglacis gebracht. Bisher schweigt der Kurde zu dem genauen Versteck des Heroins und zu seinen Hintermännern. Die Ermittlungen der SoKo 983 dauern an. kj / fm