Immer mehr wehren sich gegen Zwangsversicherung.

Kleingärtner: Aufstand gegen Verbandschef Kleist

Von MATHIAS EBERENZ

Müssen Hamburgs Kleingärtner jährlich mehr als eine Million Mark an Versicherungsprämien zu viel bezahlen? Das jedenfalls behauptet die Chefin des Interessenverbandes der Kleingärtner Hamburg e. V., Gerda von Allwörden. Die rund 350 Mitglieder zählende Interessengruppe ist nur eine kleine Minderheit unter Hamburgs etwa 40 000 Kleingärtnern. Aber sie erhält seit Jahren Zulauf von Laubenpiepern, denen die Politik des mächtigen Landesbundes der Gartenfreunde, dem Dachverband für 309 Hamburger Kleingartenvereine, nicht mehr passt.

Die rebellischen Kleingärtner sind erbost darüber, dass sie über den Landesbund seit Jahren zwangsversichert sind - bei der Hamburger Feuerkasse und dem Kölner Securitas Kleingarten-Versicherungsdienst. "Dabei gibt es nachweislich günstigere Versicherungen", sagt Gerda von Allwörden. Doch bislang hatten nur wenige den Mut, sich mit dem mächtigen Landesbundchef Ingo Kleist anzulegen und sich privat zu versichern.

Irmgard Hauck ist es gelungen. Dabei hatte Kleist sie noch im September 1998 daran hindern wollen. "Ein Austritt einzelner Mitglieder aus den Kollektivverträgen ist nicht möglich", wies er die "liebe Gartenfreundin" schriftlich zurecht. Doch die wollte partout nicht weiter bei der Feuerkasse versichert sein und zog vors Amtsgericht. Und siehe da, noch vor dem zweiten Verhandlungstag - und somit vor einem drohenden Urteil - knickte die Hamburger Feuerkasse ein und übernahm alle außergerichtlichen Kosten. "Gartenfreundin Hauck" ist seitdem Kundin beim Düsseldorfer Kleingärtner Versicherungsdienst (KVD).

Mittlerweile sind ihrem Vorbild andere Kleingärtner gefolgt - und alle zahlen im Schnitt jährlich nur 67 Mark beim KVD statt wie bisher 99,30 Mark über den Landesbund. Bei gleicher Versicherungsleistung. Doch der Landesbund hält weiter an seinem Kollektiv-Vertragsmodell fest. "Das haben die Kleingartenchefs eben nahezu einstimmig in die Satzung aufgenommen", sagt Ingo Kleist.

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel Berlin. Dort hat die Zürich Agrippina Versicherung mehrere Tausend Laubenpieper direkt versichert - "mit klaren Einzelvertragsverhältnissen", wie Klaus-Peter Gulich von der Berliner Filialdirektion gegenüber dem Abendblatt erklärt.

Ein Satzung ohne "Verträge zu Lasten Dritter" fordert deshalb der CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Ralf Niedmers auch vom Hamburger Landesbund. Niedmers hatte zuvor die Gruppenverträge zwischen Landesbund und den Versicherungen in einer Senatsanfrage zum Thema gemacht. Und er wundert sich, dass sein SPD-Bürgerschaftskollege Ingo Kleist neben der Tätigkeit als Landesbundchef gleichzeitig auch dessen Geschäftsführer ist. Außerdem sitzt Kleist im Versicherten-Beirat bei der Securitas. Für 3000 Mark Aufwandsentschädigung, wie Kleist dem Abendblatt sagt. "Das ist doch in höchstem Maße problematisch", sagt Niedmers und geht mit dem Kleingärtnerchef hart ins Gericht: "Bestimmt er etwa die Höhe seines Geschäftsführergehaltes selbst? Erhält der Landesbund auf unzulässige Weise Honorare dafür, dass er an den Gruppenverträgen festhält?"

Kleist weist die Vorwürfe von sich. "Ich bin seit 1981 Geschäftsführer, und bislang hat mir noch niemand günstigere Versicherungskonditionen geboten als die Securitas. Dass wir dort versichert sind, hat die Delegiertenversammlung fast einstimmig so entschieden." Auf Nachfrage räumt Kleist allerdings ein, selbst keine Angebote bei Versicherungen einzuholen. Der Landesbundchef: "Das ist doch gar nicht nötig. Die Versicherungen melden sich schon, wenn sie ein gutes Angebot haben."

Knapp neun Prozent der Versicherungsprämien, ergänzt Kleist, fließen in Form von Provisionen wieder an den Landesbund und die Vereine zurück. "Wir leisten ja auch viel Verwaltungsarbeit für die Versicherungen dafür."

Doch Versicherungsbeiträge und Provisionen hin oder her. Den Kleingärtnern steht noch weiterer Streit ins Haus. Kleist will nämlich in allen 309 Vereinen eine neue Satzung durchsetzen, nach der in den Lauben zukünftig weder fließend Wasser noch Strom genehmigt ist. "Wenn ihm das gelingt, kann er die Mitglieder weiter unter Druck setzen", sagen Gerda von Allwörden und Ralf Niedmers. Denn natürlich würden einige Mitglieder schon deshalb gegen die Satzung verstoßen, weil sie nicht bereit sind, bestehende Installationen abzubauen. "Kleist setzt die Vereine mächtig unter Druck, um seine Hausmacht zu behalten", wettert Niedmers. "Dabei ist die neue Satzung überhaupt nicht zeitgemäß und steht der Realität diametral entgegen."

Hintergrund: Der Landesbund hat die Parzellen per Hauptpachtvertrag von der Stadt erhalten. Alle Kleingartenvereine sind deshalb auf das Wohlwollen ihres Dachverbandes angewiesen, also auf Ingo Kleist. Und der, sagt Gerda von Allwörden, "regiert die Kleingärtner wie ein Fürst".