Doping, eine Etage höher

"Saubere Spiele" in Sydney? Ein frommer Wunsch, befürchtet Klaus-Michael Braumann, Leiter der sportwissenschaftlichen Fakultät an der Hamburger Uni.

ABENDBLATT: Herr Professor Braumann, werden wir in Sydney gedopte Athleten sehen?

KLAUS-MICHAEL BRAUMANN: Davon gehe ich mit hundertprozentiger Sicherheit aus.

ABENDBLATT: Was wird derzeit geschluckt?

BRAUMANN: Anabolika sind wegen der leichten Nachweisbarkeit out, in sind Releasinghormone. Sie stimulieren die Hormonproduktion in der Hirnanhangdrüse. Das ist Doping eine Etage höher.

ABENDBLATT: Und die Kontrollen laufen ins Leere.

BRAUMANN: Es gibt derzeit nicht einmal einen Erfolg versprechenden Ansatz.

ABENDBLATT: Wie teuer sind solche Mittel?

BRAUMANN: Die Behandlung verläuft in Serien. Jede Serie kostet mehrere zehntausend Mark.

ABENDBLATT: IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch rechnet dagegen mit sauberen Spielen, weil das IOC einen neuen EPO-Nachweis zugelassen hat.

BRAUMANN: Was soll er anderes sagen. Mehr als ein frommer Wunsch kann das nicht sein.

ABENDBLATT: Ist Spitzensport ohne Doping überhaupt möglich?

BRAUMANN: Bei der ganzen Diskussion wird vergessen, dass hinter jeder Leistung ein Megaaufwand und ein immenses Trainingspensum steht. Es ist ein Irrglaube anzunehmen, man könnte sich auf dem Sofa lümmeln, ein paar Pillen schlucken und dann allen anderen davonrennen. Doping hilft, die letzten Zehntelsekunden und die letzten Zentimeter Leistung aus seinem Körper herauszuholen.

ABENDBLATT: Und für diesen Grenzbereich sehen Sie keine Alternativen?

BRAUMANN: Ehrlicherweise nein.

ABENDBLATT: Welche Alternativen kämen in Betracht?

BRAUMANN: Die Trainingslehre könnte in vielen Bereichen noch individualisiert werden. Training ist ein Wechselspiel zwischen Be- und Entlastung. Und hierbei spielt natürlich das subjektive Körpergefühl eine entscheidende Rolle. Könnte das in objektive Parameter umgesetzt werden, wäre das ein Fortschritt - aber wohl kein Ersatz für Doping.

ABENDBLATT: Sehen Sie einen Ausweg aus dieser Problematik?

BRAUMANN: Mit deutscher Gründlichkeit lässt sich dieses Problem nicht aus der Welt schaffen. Wir haben nur zwei Alternativen: Wir akzeptieren, dass Athleten wie der Zehnkämpfer Frank Busemann oder die Schwimmerin Sandra Völker keine Chance auf Gold haben, oder wir erklären diese Leute für bescheuert, weil sie die Mechanismen des Spitzensportbetriebes ignorieren.

ABENDBLATT: Die Wissenschaft kann diesen Leuten nicht helfen?

BRAUMANN: Die benutzten Medikamente werden nicht für Spitzensportler entwickelt, sondern für die Therapie kranker Menschen. Die Pharmafirmen könnten natürlich gewisse Wirkstoffe und Substanzen markieren, so dass sie leichter nachweisbar wären. Das kostet aber Geld, und wer garantiert ihnen, dass sich alle Unternehmen daran halten.

ABENDBLATT: Die Gentechnik hält in unser Leben immer stärkeren Einzug. Wann sehen wir die ersten Mutanten bei Olympia?

BRAUMANN: Es gibt schon Muskelgene, die die Kraft stimulieren. Vermutlich werden sie bald zum Einsatz kommen. Wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, dass der Sport ein Hort der Ideale ist. Er ist im Spitzenbereich knallhartes Geschäft.

Interview: RAINER GRÜNBERG

So wirken gängige Dopingmittel

Präparat Wirkung Sportart Nachweis Wachstumshormone beschleunigt Lauf, Rad, im Test

(u.a. HGH) Muskelwachstum Ski, Kraftsport

EPO mehr Ausdauer Rad, alle Blut

(Erythropoietin) Langstrecken

Anabolika Muskelzuwachs, Leichtathletik Urin

(u.a. Nandrolon) Regeneration Rad, Kraftsport

Stimulanzien Herzkraft, Rad, Spiele Urin

(u.a. Koffein) Konzentration

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