Tatort UniversitätOpfer überlebte - Tierarzt wegen versuchten Mordes vor Gericht

Giftanschlag im Labor

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HA Gießen - Der Angeklagte sitzt teilnahmslos im Schwurgericht Gießen. Verteidiger Ramazan Schmidt weist die Vorwürfe gegen seinen Mandanten "auf das Entschiedenste und mit allem Nachdruck" zurück. Die sind allerdings ungeheuerlich: Veterinärmediziner Volker M. (38) soll dem chinesischen Biopharmakologen Guangming Xiong (51) Gift in den Tee gemischt haben, weil dieser von seinen Manipulationen bei der Doktorarbeit gewusst habe. Das Opfer überlebte.

Ort des Verbrechens: die Justus-Liebig-Universität in Gießen. Xiong, Ende der 80er-Jahre mit Frau und Tochter nach Deutschland gekommen, betreute als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut des Fachbereichs Veterinärmedizin den jungen Kollegen. Der frisch approbierte Tierarzt sollte hier seine Dissertation anfertigen. Die Aufgabe bestand darin, ein bestimmtes Gen in einem Kaninchen zu isolieren und dessen Aufbau zu entschlüsseln. Doch die Arbeiten zogen sich über Monate hin, ohne dass der Doktorand Ergebnisse vorgelegt hätte. "Mehrfach" habe er dem Professor vorgeschlagen, Volker M. ein anderes Thema zu geben, erinnert sich der inzwischen an der Universität Marburg beschäftigte Chinese. Vergeblich.

1994 legte der Jüngere dann doch Ergebnisse vor, doch die waren unbrauchbar, weil er statt Kaninchen Mäuse oder Ratten untersucht haben soll. Ein Jahr später sah er sich am Ziel. Er habe das Problem gelöst und die Abfolge der einzelnen Bausteine, wie gewünscht, auf Röntgenfilm dokumentiert. Den Beweis bekam aber weder der verantwortliche Professor (61) noch der Betreuer zu sehen, obwohl er sich ein halbes Dutzend Mal danach erkundigte. Die Unterlagen lägen zu Hause, hatte der Tiermediziner behauptet. Später waren sie angeblich verloren gegangen.

Im Februar 1997 - das Promotionsverfahren war fast abgeschlossen - brach der renommierte chinesische Wissenschaftler plötzlich zusammen. Drei Wochen lag er im Krankenhaus. Was zunächst wie eine Herzattacke ausgesehen hatte, entpuppte sich als Giftanschlag. Ende Juni wurde er erneut ohnmächtig, nachdem er im Labor selbst gebrühten Tee getrunken hatte. In seiner Tasse wurde Digitoxin, der Wirkstoff des Fingerhuts, in "mehrfach tödlicher Dosis" gefunden. Das geruch- und geschmacklose Herzmittel ist im Institut frei zugänglich.

Der Verdacht fiel auf den Angeklagten. Guangming Xiongs Frau hatte ihren Mann besuchen wollen und nur Volker M. im Labor angetroffen. "Er war irritiert, als ich hereinkam" und habe sich verdächtig zur Seite gedreht, als ob er etwas verbergen wollte, sagte sie im Zeugenstand aus.

Volker M. schweigt. Ihm wird versuchter Mord zur Last gelegt. Er ist auf freiem Fuß und arbeitet derzeit als Pharmavertreter. Jede Verantwortung für weitere Vorfälle, die vor Gericht noch zur Sprache kommen werden, weist er zurück. So waren im Frühjahr 1997 die Gashähne im Laborgebäude aufgedreht und Bunsenbrenner entzündet worden - um eine Explosion auszulösen? Das misslang zum Glück. Das Urteil wird am 28. September erwartet.

Neben dem Mordprozess läuft noch ein Verfahren vor dem Verwaltungsgericht. Volker M. hat Klage eingereicht, weil ihm der Fachbereich den Doktortitel, den er im Februar 1997 "summa cum laude" erwarb, aberkannt hat. Verhandelt werde wohl erst im nächsten Jahr, hieß es dort.

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