Wie Tschitan, der Held in der Nebenrolle, das Publikum bei den Karl-May-Festspielen begeistert

Ein Adler für Winnetou

fjh Bad Segeberg - Seine beiden Auftritte dauern gerade mal zwei Minuten. Kein tragender Text, keine Prügelei, eine Nebenrolle eben. Trotzdem applaudiert das Publikum der Karl-May-Festspiele am Kalkberg in Bad Segeberg, unterbricht für eine halbe Minute die Vorstellung von "Der Ölprinz" mit Beifall. Und immer mehr Hauptdarsteller versuchen irgendwie in die Nähe des Statisten zu kommen, damit ein wenig von seinem Glanz auf sie fällt.

Das mag an seinem majestätischen Äußeren liegen. Wenn Tschitan seine Flügel spreizt, erreicht der zehn Jahre alte Steinadler leicht eine Spannweite von zwei Metern. Er schwebt so dicht über die Köpfe der Zuschauer, dass der Luftstrom zu spüren ist, den sein Flügelschlag verursacht. In seiner zweiten Szene befreit Tschitan keine Geringeren als Winnetou und Old Shatterhand vom Marterpfahl. Allein dafür muss man ihn lieben.

Genau damit hatte Frieder Eisenschmitt seine Probleme. "Der Adler war verdorben", raunt der 53 Jahre alte Falkner und schaut zu Tschitan, der auf einem Baumstamm hockt und den Blick nicht eine Sekunde von seinem Herrchen lässt. Bösartig und hinterhältig sei der Vogel gewesen. Für den früheren Kernphysiker des Kernkraftwerks Greifswald stand fest: Der Vogel wird verkauft, sollen sich doch andere mit ihm herumschlagen. Eisenschmitts Frau Helga protestierte. Sie erfreute sich zumindest der Sympathie des Steinadlermännchens. Trotzdem: An eine vernünftige Ausbildung war nicht zu denken.

Bis 1995 Winnetou rief. Der hieß damals Pierre Brice und wollte unbedingt einen Adler in der Segeberger Wildwestshow. "Plötzlich war alles anders", erinnert Eisenschmitt sich. Er beschäftigte sich intensiv mit Tschitan. Ein perfektes Debüt, lang anhaltender Applaus, Streicheleinheiten von Winnetou höchstpersönlich. Ein Jahr später schwebte der Adler schon durchs Privatfernsehen, 1999 für das Zweite zum Forsthaus Falkenau. "Wenn der Adler bei einer zeit- und geldknappen TV-Produktion zügig durcharbeitet, ist er am Schluss der Größte", sagt Eisenschmitt.

Der Trick für Tschitans Tricks sind seine Leib- und Magengerichte. Mäuse oder Küken verspeist der Adler am liebsten. Wenn Winnetou einen dieser Leckerbissen in der Hand hält, fliegt der Raubvogel automatisch zu ihm. "Das ist nicht so leicht, wie es aussieht", sagt Eisenschmitt. Das Tier habe Zeit gebraucht, um sich an den Trubel auf der Bühne zu gewöhnen. In dieser Zeit sitzt er auf der Faust des Falkners und schaut sich "das ganze Theater um ihn herum an". Ist das geschafft, folgt die Dressur. "Ohne Geduld geht da gar nichts."

Erst flog Tschitan nur vier, fünf Meter von der Hand des Falkners auf den Marterpfahl. Im Laufe der Tage wurde es immer weiter, bis der Steinadler schließlich durch die ganze Segeberger Arena schwebte. Dafür wird er heute außer mit Leckerbissen eben auch mit Applaus belohnt.

Tschitan und andere Raubvögel können täglich von 15 bis 16.30 Uhr auf dem Falkenhof Schalkholz bei Heide (Dithmarschen) besucht werden.

"Der Ölprinz", Karl-May-Festspiele Bad Segeberg, bis 3. September donnerstags bis sonnabends 15 und 20 Uhr, sonntags 15 Uhr. Eintritt 14 bis 39 Mark. Karten unter 04551/952 10 oder im Internet: www.karl-may-festspiele.de

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