Das neue NDR-Hörspielprogramm

Romane fürs Ohr

Heute sind Hörspiele vor allem Bücher, die man im Radio hören kann. Die Zeiten der eigens für den Hörfunk geschriebenen Original-Hörspiele sind wohl endgültig vorbei. Der alte Hörspiel-Autor ist tot, es lebe der Hörspiel-Bearbeiter. Eine Fülle von Romanen ist jedenfalls noch zu entdecken. Die unterhaltende, populäre und literarisch durchaus anspruchsvolle angelsächsische Literatur etwa. Bisher, so sagte gestern der promovierte Germanist und neue NDR-Hörspielchef Andreas Wang (Jahrgang 1945) bei der Vorstellung des neuen Halbjahresprogramm, gab es bei den Hörspielern "eine Scheu, sich dieser Literatur zuzuwenden".

Inzwischen ist das anders - und deshalb ist eine 560 Minuten lange Hörspielfassung von Ken Folletts 1150-Seiten Schmöker "Die Säulen der Erde" das Ereignis des Hörspiel-Halbjahres. Günter Lamprecht und Elisabeth Volkmann, Nina Hoger und Christian Redl sind die Sprecher in dieser WDR-Produktion (einer der teuersten überhaupt), und das 120-köpfige WDR-Rundfunk-Orchester lieferte die Musik. "Etwas, das einfach mal Spaß macht", so Wang - und für das auf NDR 4 Info eigens "Sondertermine" geschaffen wurden. Dieses "Kino mit verbunden Augen" gibt es von November bis zum Jahreswechsel.

46 Hörspiele, 27 Krimis und 13 Kinderhörspiele sendet der NDR auf Radio 3 (mittwochs, 20 Uhr) und NDR 4 Info (sonntags, 21.05 Uhr) bis Ende Dezember - aufs Ganze gesehen gewiss nicht zu viele. Gerade mal 0,1 Prozent des NDR-Programms besteht aus Radiokunst - damit ist der NDR ziemlich unangefochten das Schlusslicht in der ARD.

Elf Sendungen werden in diesem Halbjahr erstmals ausgestrahlt. In Vergleich zum ersten Halbjahr habe es inhaltlich - so Wang -"fast keine Veränderungen gegeben". Für die nähere Zukunft sei vor allem an "Weiterentwicklungen" gedacht.

Neu entdeckt wurden diesmal vor allem Bücher und Theaterstücke. Heinz von Cramer inszeniert "Kyra Kyralina", einen Roman über den Balkan, den der hierzulande völlig unbekannte Rumäne Panait Istrati 1923 schrieb; Ulrich Gerhardt wird Imre Kertész "Roman eines Schicksallosen" fürs Radio einrichten. Aus Deutschland kommt John von Düffel. Sein Roman-Hörspiel handelt "Vom Wasser"; ganz hörspielgemäß spielt es im Kopf eines Schwimmers und kann mit Spannung erwartet werden. Denn das Hörspiel, so sagt Dramaturgin Sibylle Becker-Grüll, schafft gerade das, "was eine Lesung nicht leisten kann".

Das Kriminalhörspiel (sonnabends, 21.05 Uhr) widmet sich besonders dem "Krimi in Hamburg" und wiederholt auch zwei Hörspiele der vor 40 Jahren so populären Reihe "Die Jagd nach dem Täter". Josef Martin Bauer ("Das tote Herz", 1938), Anna Seghers und Hermann Melville gibt es im "Hörspielarchiv". Und auch die "Generation @" hat einen kleinen Schwerpunkt. Das Kinderhörspiel (sonntags, 14.05 Uhr) startet für seine Zielgruppe der Acht- bis 13-Jährigen im Oktober die neue Krimireihe "Stopp !!".

Das luxuriöse Hörspielmagazin kann bei der NDR-Hörspielabteilung (20149 Hamburg, Tel. 4156-2662) bestellt werden und kostet 3,50 Mark pro Heft.

HANS-JÜRGEN KRUG

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