Die belgische Tanzgruppe Rosas mit Müllers "Quartett" auf Kampnagel

Text und Tanz ideal verbunden

Von MONIKA FABRY

Hamburg - Selten hat in der Kampnagelfabrik während einer Vorstellung eine derartige, atemlos zu nennende Stille geherrscht wie in "Quartett", einem Tanztheater nach Heiner Müllers gleichnamigem Stück, das als Gastspiel der belgischen Tanzcompagnie Rosas und dem Schauspielerkollektiv tg/Stan noch an diesem Sonnabend zu sehen ist. Eine hoch konzentrierte, auf das Wesentliche reduzierte Auslegung des Theatertextes von Müller, die alle Sinnes- wie Verstandeskräfte mobilisiert.

"Wenn ich über irgendein Thema schreibe, interessiert mich nur das Skelett daran", hat Choderlos de Laclos seinen "Liaisons dangereuses", auf denen Müllers Stück basiert, erklärend beigefügt. Hier ginge es ihm darum, die Struktur von Geschlechterbeziehungen freizulegen, weil er sie für real halte und die Klischees, die Verdrängungen zu zerstören. "Mein Hauptimpuls bei der Arbeit ist die Zerstörung." Genau auf diese Aussage scheinen sich die Schwestern Anne Teresa De Keersmaeker als Choreographin und Jolente De Keersmaeker, die Schauspielerin und Regisseurin, zu berufen. Ihre Gemeinschaftsarbeit mit den Protagonisten Cynthia Loemij und Frank Vercruyssen im wechselnden Rollentausch als ebenso skrupellose, wie sinnliche Merteuil und Valmont, beherrscht die feinsten, zynischsten und elegantesten Mittel der (Selbst-)Zerstörung. So leise, infam und gleichzeitig unterschwellig knisternd erotisch ist Müllers "Quartett" selten zu sehen gewesen.

Laut ist nur das hämmernd rhythmische Ostinato, das den 80-minütigen Schlagabtausch der ehemaligen Geliebten eröffnet und unterbricht. Leise dagegen setzt Cynthia Loemij mit ihrem Tanz-Monolog als Merteuil an. Eine Frau, in ihren Gefühlen gedemütigt, zwischen sehnsuchtsvollem Begehren und stolzem Ablehnen hin- und hergerissen, benutzt in kalt berechnender Disziplin den Mann für ein brutales Verführungsspiel. Abstrakt sind ihre kargen Bewegungen, und dennoch wird ihre Seelenlage vollkommen deutlich, bevor sie anfängt, auf Englisch zu reden. Es ist Heiner Müllers ungekürzter Text, den die Tänzerin Loemij zunächst beinahe leidenschaftslos, wie für sich, spricht. Sie schaut Valmont nicht an. So, als müsse sie ihre verletzten Gefühle unter Kontrolle bringen, versichert sie ihm:"Ich bin kalt, meine Haut ist kalt."

Doch sie brennt noch immer, will es aber Valmont gegenüber nicht zugeben, der in ruhig abwartendem, dann ungeduldiger werdendem Zuhören Abstand hält. Vercruyssen, ein kraftloser Typ, entfaltet dabei eine aalglatte, bedrohliche Präsenz. Er bewegt sich kaum, doch seine Hände sind enorm geschmeidig. Auch er spricht leise beim Schmieden des skrupellosen Verführungs-komplotts, das beide im Rollentausch verkörpern. Dabei entstehen intensive, zärtlich erotische Annäherungen, die die Abhängigkeit der beiden in Liebe wie Hass bekunden. In einem bewegungskongruenten Pas de deux endet das subtile Kammer-Tanzstück als Terrorspiel, bei dem Text und Tanz eine glückliche Liaison eingehen.

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