"Jetzt lächeln": Atelierfotografie-Schau auf Kampnagel

Echt freundlich

wj Hamburg - Zwischen Porträtmalerei und Passfoto-Automat schlossen einst Fotoateliers die historische Lücke. Hier wurden Erinnerungen aufgenommen, Familienporträts erstellt, Bildgrüße belichtet und Festivitäten ins rechte Bild gerückt. Aus dem Negativ-Nachlass der Berliner Fotografin Charlotte Mathesie ist 1998 ein beeindruckender Querschnitt aus solcher Atelierfotografie zusammengestellt worden. Die Ausstellung "Jetzt lächeln" zeigt ihn in K3 auf Kampnagel.

Bahnen über Bahnen, genau genommen 116, rollen von den Wänden bis fast auf den Boden herab. Auf jeder dieser Plotterausdrucke fliegt einem die Zeit zwischen 1945 und 1983 mosaikartig entgegen. Der stolze Türke mit offen gelegter Armbanduhr posiert neben einer beinhohen Blumenvase, ein kleiner Prinz lächelt vor dem sonnenbeschienenen Säulengang einer Fototapete, Freunde halten sich die Hände zum gegenseitigen Treuebeweis.

Bis 1993 existierte das Atelier von Charlotte Mathesie in Kreuzberg. Dann kam das Aus für das Studio, bedingt durch drastische Mieterhöhungen. Um den Nachlass der rund 300 000 Negative aber kümmerten sich vier junge Leute. Sie durchforsteten das Bildmaterial, selektierten und entschlossen sich zu einer Art Bild-Enzyklopädie. Als sie erstmals in Berlin gezeigt wurde, erntete ihr Projekt uneingeschränktes Lob.

Nicht dem Kunden, sondern dem Atelier und seinen unbearbeiteten Negativen ist die Ausstellung gewidmet. Wohl aber ist sie strukturiert. Eine assoziative Themenführung von A bis Z, von "Abwesenheit" bis "Zwillinge" gibt den Bildern einen lebendigen Zusammenhalt. M wie Mode, H wie Hund, F wie Feste oder O wie Orgelpfeifen zeigen Auffälligkeiten und Gemeinsamkeiten, Vorlieben und zeitbedingte Körpersprachen. Damen schrauben sich elegant von Rückenansicht ins Dreiviertelprofil, Kinder staunen und Hunde üben sich im Männchenmachen.

Die größtenteils schwarz-weißen Aufnahmen sind Lokalgeschichte, aber darin auch Geschichte der BRD seit 1945. Keine Kunstfotos, kein grobkörniges Schwarz-Weiß mit ästhetischen Ansprüchen wird hier ausgelegt. Die Fotos repräsentieren die überwiegend kleineren Leute, deren Verhältnis zum eigenen Bild noch ungebrochen erscheint. Ihre teilweise unfreiwillige Komik ist Produkt der Zeit. Sie kann erst hervortreten, wenn ästhetische Vorbilder an Kraft verlieren. Die Ersten, die dies entdeckten, waren Künstler. 1977 betrat Martin Kippenberger das Atelier und posierte, wie eben nur einer posieren kann, der mit dem Anliegen ironischer Brechung in die Welt der heilen Bilder eindringt: mit bewußter Komik.

(bis 2.7.: di-fr 18-20, sbd u. so 16-20 Uhr, Katalog 28 Mark)

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