"LiteraturTheaterFest 2000" im Deutschen Schauspielhaus

Baumbauer und seine Truppe sagten Lebewohl

Von KLAUS WITZELING

Hamburg - Schatten des Abschieds trübten die angeregte Stimmung beim dreitägigen "LiteraturTheaterFest 2000" im Deutschen Schauspielhaus. Elfriede Jelinek war gekommen und sagte sarkastisch der Demokratie in Österreich "Das Lebewohl". Und Christoph Marthaler inszenierte zum Abschluss auf der großen Bühne die "Verabschiedung" - eine Text-Collage aus Stücken von Rainald Goetz, die in den sieben Jahren unter Frank Baumbauer an der Kirchenallee (ur)aufgeführt wurden.

Zum Ende seiner Amts- und der 100. Spielzeit am Schauspielhaus hat der Intendant noch einmal die meisten seiner Autoren, Regisseure und Schauspieler aufgeboten, um am Wochende die von ihnen geprägten sieben Jahre Revue passieren und den Trennungsschmerz im enormen Kraftakt für das Haus ein wenig vergessen zu lassen: "Durch die viele Arbeit und die große Anstrengung haben wir uns auch vor der Sentimentalität des Abschieds geschützt."

Tatsächlich war sie so gut wie vergessen beim regen Treiben im ganzen Theater, das nicht nur zu literarischen Entdeckungen, sondern auch zu ungewohnten Perspektiven in die von jungen Bühnenbildnern zur Ausstellung umgestalteten Räume einlud. Das Dauerprogramm rund um die Uhr präsentierte Autorengespräche und Dichterfrühstück in der Kantine, Schmähreden gegen Österreichs "Abschaum" im "Salon Austria" und "Heimliche (Lese-)Leidenschaften" im "Blauen Raum" des Marmorsaals, außerdem Aufführungen sowie über zwanzig Szenen-Ausschnitte auf Haupt- oder Hinterbühne.

Tankred Dorst stellte seinen lange in der Schublade liegen gebliebenen Einakter "Die Freude am Leben" in der Regie von Matthias Hartmann vor. Jelinek hatte den von Jossi Wieler inszenierten Text "Das Schweigen", eine Hommage und, wie sie sagte, "liebevolle Verarschung von Thomas Bernhard" mitgebracht. Ihr Haider-Monolog "Das Lebewohl", der am 22. Juni bei einer Demonstration in Wien uraufgeführt wird, war jedoch eine brisante Kostbarkeit. Er basiert auf Haider-Bekenntnissen zu seiner inneren Befindlichkeit. Jelinek hat sie mit "einer Mischung aus der ,Orestie' des Aischylos und Äußerungen von Leuten, die das Land unter Täuschung der Wähler in ihren Griff bekommen haben", montiert: "Ein Experiment. Im schlimmsten Fall werden wir alle ausgebuht."

Auch Luk Perceval, der flämische Regisseur des eben beim Berliner Theatertreffen prämierten "Schlachten!"-Marathons, ließ sich in seinem neuen Projekt "Aars!" von der antiken Atriden-Saga anregen. Er bearbeitete deren Tragödien-Version nach Euripides mit Peter Verheist und macht die "Aars!"-Uraufführung beim Holland-Festival zu einem blutschänderischen Familiendrama aus dem Belgien der Gegenwart.

Die zeitgenössischen jungen Autoren, deren Pflege Baumbauer sich verschrieben hatte, kamen natürlich auch zu Wort. Enda Walsh las beklemmend intensiv aus "Bedbound", seinem neuen Stück über ein pervertiertes Vater-Tochter-Verhältnis, "Marleni"-Autorin Thea Dorn rezitierte aus "Hirnkönigin". Bruno Klimek inszenierte "Pollock malt Hitler" von Werner Fritsch, Lars-Ole Walburg in "Koper's Bar", dem Malersaal-Bühnenbild von "Headless Body", Peter Kopers makabre Hinrichtungsbeamten-Szenen "The Executioners".

Bei dieser Abschieds-Vorfeier unter dem Motto "Am Anfang war das Wort" blieb Josef Bierbichler und Siggi Schwientek das Schlusswort vorbehalten: Dem Faust und dem Mephisto aus Marthalers "Wurzel-Faust" zum Anfang der Baumbauer-Ära. Ihre "Verabschiedung" machte klar: Der endgültige Abschied von ihnen allen wird nicht leicht.

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