Wie Ruinen auferstehen

Seit Jahrhunderten sieht man sie nicht mehr, längst sind sie unter neuen Erdschichten verschwunden oder auf die Grundmauern zerstört: Ruinen. Jetzt werden sie wieder aufgebaut - im ersten digitalen Architekturmuseum.

Von JOHANNES SCHWEIKLE

Manfred Koob steht auf einem gepflegten Rasen. Am Rand wachsen Wolfsklee und Strohblumen, daneben verläuft die Straße einer hessischen Kleinstadt. Nichts deutet darauf hin, dass hier ein Machtzentrum des Mittelalters stand: das mächtige Kloster Lorsch, dessen Grundbesitz von der Nordsee bis zur Schweiz reichte. Nur die Torhalle ist erhalten geblieben, nicht größer als eine kleine Wallfahrtskapelle.

"Auf der ganzen Welt gibt es vielleicht vier Menschen", sagt Architekt Koob, "die sich vorstellen können, wie das 20 000 Quadratmeter große Kloster Lorsch aussah." Im Museum nebenan stehen Besucher vor einer Computersimulation: Auf dem Bildschirm baut sich die karolingische Klosteranlage als dreidimensionales Modell auf. Der Kreuzgang mit Arkaden, die wuchtige Basilika mit zwei Türmen. Selbst die Apsis der Klosterkirche war größer als die Torhalle, deren Sandsteinornamente die Besucher gerade draußen bestaunt haben. Im Nu ist die Zahl derer, die sich das Kloster räumlich vorstellen können, um 15 Menschen gewachsen.

Vor drei Jahren hat Manfred Koob mit seiner Firma "asb baudat" im nahen Bensheim das Kloster im Computer rekonstruiert. Jetzt ist das digitale Modell weltweit zu sehen: Im Internet hat die TH Darmstadt das erste große virtuelle Architekturmuseum eröffnet. Unter ihrer Homepage sind mehr als 70 digitale Bauten und Projekte abrufbar: vom Kolosseum in Rom bis zu Le Corbusiers Entwurf des Völkerbundpalasts. Bald soll der Museumsbesucher sogar virtuell und interaktiv durch Bauten der Weltgeschichte klettern können.

Wie kommen Bauwerke in den Computer? "CAD ist die Voraussetzung", erklärt Koob, der seit 1982 mit Computer Aided Design (CAD) arbeitet - Programmen fürs Entwerfen und Konstruieren. Seit 1992 lehrt er in Darmstadt "CAD in der Architektur". 1989 baute er ein erstes virtuelles Gebäude: Der Südwestfunk Baden-Baden wollte das Kloster Cluny in einem Film zeigen.

Diese Abtei in Burgund war die größte Kirche der Christen, bis der Papst den Petersdom bauen ließ. Von der einst 187 Meter langen Kirche existierte aber nur noch ein kümmerlicher Rest von etwa fünf Prozent. Also bekam Koob den Auftrag, ein dreidimensionales, im Computer begehbares Modell von Cluny zu erstellen.

. . . und zwischen

den mächtigen Säulen

versteckte er digitale

Kirchenmäuse.

Er baute das Kloster im Maßstab 1:1, genehmigte sich überall nur einen Millimeter Toleranz. Und zwischen den mächtigen Säulen versteckte er Kirchenmäuse - weniger Gag als Überlegung zum Copyright: "So können wir sehen, wer unser Cluny abkupfert."

Koob, 48, preist dreidimensionale Computer-Darstellungen als "Weltsprache, die unabhängig von Kulturkreis, Bildung und Alter der Menschen verstanden wird". Er gehört zu den Pionieren, die sich in die CAD-Programme eingefummelt haben. Sein digitaler Fortschritts-Optimismus: "Bald werden sich Schulklassen Cluny am Rechner anschauen und so die Reisekosten nach Burgund sparen."

Ob sie dabei etwas von Cluny begreifen, steht auf einem anderen Blatt. Dem digitalen Kloster fehlt jegliche Atmosphäre. Die Oberflächen der Steine, Verfärbungen durch die Zeit, Gerüche - alles, was historische Gebäude einzigartig macht, geht dem Modell ab.

So steht Cluny beziehungslos da. Interessant wird es erst, wenn man weiß, dass das Gebäude 50 Meter länger war als der Dom zu Speyer, den die Salier-Kaiser erbauen ließen. Der Papst wollte mit dem Kloster Cluny den Kaiser übertrumpfen: Geistliche Macht ist weltlicher überlegen, war die Botschaft. Und die versteht nicht, wer bloß den Computer anknipst.

Beim Kloster Lorsch dagegen ist die 3D-Simulation sinnvolle Ergänzung. Wer in der 1100 Jahre alten Königshalle steht, ehrfürchtig rote Sandsteinsäulen berührt und über den Fassadenschmuck staunt, den Baumeister und Steinmetze im angeblich so finsteren Mittelalter gestaltet haben, für den rundet die Simulation der Gesamtanlage das Bild hervorragend ab. Wer aber per Mausklick von Machu Picchu zu den Pyramiden und dann zum Heidelberger Schloss springt, läuft Gefahr, ein Banause zu werden, der alles gesehen, aber nichts kapiert hat.

In Lorsch hat die virtuelle Architektur schon etwas bewirkt. Auf der grünen Wiese neben der Torhalle wurden bisher fröhlich Volksfeste gefeiert. Als der Computer zeigte, dass darunter die mittelalterlichen Fundamente des Klosters liegen, wurden die Lorscher hellhörig: Die Bundeswehr darf am Hessentag ihr schweres Gerät nicht mehr auf den karolingischen Kreuzgang stellen.

Unter http://www.cad.architektur.tu-darmstadt.de präsentiert das erste große digitale Architekturmuseum der Welt im Internet mehr als 70 Bauten und Projekte, vom Kolosseum über romanische Klöster bis zu 22 Bauhaus-Entwürfen. Die digitale Rekonstruktion von Cluny findet man auch im Bildband Horst Cramer, Manfred Koob: Cluny. Edition Braus. 104 S.; 68 Mark.

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