Das Unternehmen Aquilar

Im Mai 1941 organisierte der Hamburger Abwehragent Walter Schulze-Bernett in Den Haag die Auswanderung von verfolgten Juden. Er rettete damit 250 Menschen das Leben, aber er ist kein zweiter Oskar Schindler.

Mit seiner Großcousine Carla Buckup hat der Hamburger Walter Schulze-Bernett nie über seine Tat gesprochen. Keiner in ihrer Familie hat über das, was mit den Juden im Nazi-Reich geschah, hinterher noch ein Wort verloren, sagt die Rentnerin. Man wollte ja nach dem Krieg nach vorne schauen, nicht an das Schreckliche erinnert werden. Und doch will die 69-Jährige jetzt, dass Walters Handeln ans Medien-Tageslicht kommt. Der Streit um den Nachlass des Judenretters Oskar Schindler hat die Rullstorferin (Niedersachsen) auf die Idee gebracht. Auch sie hat Unterlagen von ihrem Großcousin geerbt, der als Wehrmachtsoffizier unter dem Abwehrchef Wilhelm Canaris diente. "Und in diesen Papieren steht, dass Walter an der Rettung von mindestens 250 Juden beteiligt war", sagt Carla Buckup mit etwas Stolz in der Stimme.

Die Juden waren 1941 über Holland in Zügen nach Spanien und Portugal gebracht worden und von dort nach USA, Kuba und Lateinamerika emigriert. Und Walter Schulze-Bernett hatte nicht nur für einen reibungslosen Transport gesorgt, sondern ihm ist zu verdanken, dass er überhaupt stattfand.

Soll der seit 15 Jahren Verstorbene posthum nun noch zu Ehren kommen, oder will sie einfach zeigen, dass nicht alle Deutschen tatenlos der Vernichtung zugesehen haben? "Beides, aber etwas Ehre würde ihm nicht schaden", sagt die füllige Frau lächelnd.

Ein Offizier von preußischem Kaliber

Carla Buckup mochte ihn gern, ihren Großcousin, den sie wegen der 30 Jahre Altersunterschied lieber Onkel nannte. Ein deutscher Offizier vom alten preußischen Kaliber muss Walter Schulze-Bernett gewesen sein. Ordnungsliebend, ja fast penibel, wie die Sortierung seines Nachlasses zeigt. Doch auch pflichtbewusst, gradlinig in seinem Auftreten, gebildet, musikalisch und durch und durch zuverlässig. Sicher national eingestellt und bereit, seinem Vaterland zu dienen. "Ein Soldat, aber kein Hitlerfan", wie Carla Buckup betont.

Er war der Sohn eines Theatermalers und einer Engländerin. 1896 in Hamburg geboren, wuchs der mittelgroße Junge mit der dominanten "Schulze-Nase" behütet auf, machte Abitur, studierte Germanistik, moderne Philologie und Verwaltungsrecht, bevor er als Soldat in den Ersten Weltkrieg eingezogen wurde. Reich dekoriert, mit dem Eisernen Kreuz Erster und Zweiter Klasse ausgezeichnet, kam er zurück und schloss sich zunächst der Polizei an, bevor er Prokurist mehrerer Auslandsbanken in Holland wurde.

Vielleicht wurde der deutsche Abwehrchef Wilhelm Canaris dort auf den Bankier aufmerksam, der sich sicher und weltgewandt in den niederländischen Geschäftskreisen bewegte, vermutet Carla Buckup. Nach seinem Eintritt in die Wehrmacht 1935 war Schulze-Bernett zunächst bei der Abwehrstelle Köln für die Nachrichtenbeschaffung aus den Niederlanden zuständig, bevor er der Deutschen Gesandtschaft in Den Haag attachiert und dem Missionschef unterstellt wurde. Dort sollte der damals 39-jährige Major, der 1940 Leiter des "geheimen Meldedienstes" wurde, einen militärischen Nachrichtendienst mit den Schwerpunkten Belgien und Frankreich für einen eventuellen Kriegsfall aufbauen.

Gleichzeitig unternahm sein Büro allerlei Anstrengungen, um auch einen Nachrichtendienst in Übersee aufzubauen. "Unsere Verbindungen nach Übersee, insbesondere nach den USA und Südamerika, waren ziemlich dünn und fast zerschlagen", schrieb Schulze-Bernett in einem Brief.

Doch Anfang März 1941 hatten ein Mitarbeiter der Abwehrstelle Berlin und ein Speditionsunternehmer in Den Haag eine geniale Idee. Sie schlugen vor, ausgebildete Abwehragenten in Judentransporten nach Mittel- und Südamerika einzuschleusen, um dort den Nachrichtendienst aufzubauen. Schulze-Bernett stimmte freudig zu. Denn damit konnte er nicht nur seine Pflicht erfüllen, sondern "im Zuge der jetzt in den Niederlanden vom Sicherheitsdienst einsetzenden Aktionen gegen Juden, diesen die Möglichkeit einer Auswanderung verschaffen, die ganz offiziell vonstatten gehen sollte."

1940 lebten ungefähr noch 140 000 so genannte "Volljuden" in den Niederlanden, deren Auswanderung nur in Einzelfällen gestattet wurde. Die Speditionsfirma Brach und Rothenstein unter der Leitung von Harry W. Hamacher, Katholik und Nicht-Parteimitglied, war damals einzige Anlaufstelle für die verzweifelten Menschen, die der Verfolgung und Diskriminierung der Nazis ausgesetzt waren. "Bei Herrn Hamacher sprachen wahrscheinlich auch menschliche Beweggründe mit, um Juden zu helfen, ihrem voraussichtlichen Schicksal zu entgehen", schreibt Schulze-Bernett sachlich. Allerdings hat Hamacher viel Geld mit der Auswanderung von Juden verdient, so dass ihn durchaus auch wirtschaftliche Motive trieben.

Schulze-Bernett nennt die Idee schlicht "sehr sympathisch", große Gefühlsäußerungen passten offenbar nicht zu ihm. Aber der Wehrmachtsoffizier veranlasste, dass einige Familien, die er noch aus Bankierzeiten kannte, mit in die Transporte kamen. "Schulze-Bernett war vermutlich ein weltoffener Mann, dem der Rassenwahn suspekt war. Zudem entstammte er einem bürgerlichen Milieu, dem die Brutalität der Nazis zuwider war", sagt der Berliner Historiker Winfried Meyer, der in seinem Buch "Unternehmen Sieben"(Verlag Anton Hain, 1993), der Aktion "Aquilar" als Einziger ein ganzes Kapitel gewidmet hat.

Konsulate neutraler Staaten waren bereit, den Juden Einreisevisa zu erteilen. "Die Abwehrstelle Niederlande musste sich vollkommen im Hintergrund halten, um nicht als Initiator dieser Aktion in Erscheinung zu treten und damit die Absichten der Aktion zu enthüllen", schreibt Schulze-Bernett in seinem Nachlass. Deswegen übernahm die Speditionsfirma unter Hamacher die gesamte Organisation des "Unternehmens Aquilar", wie Schulze-Bernett es nannte.

Als es feste Formen annahm, wurde auch Admiral Canaris eingeweiht, der die Aktion zur "Einschleusung von Vertrauensleuten in Südamerika" - so die offizielle Sprachregelung - genehmigte. Canaris selber verabscheute die Verfolgung von Juden und war froh, dass anders gesinnte Offiziere mutig genug waren, dagegen aktiv zu werden.

"Sehr zu unserer Überraschung fanden wir in dem Leiter der Sicherheitsdienststelle in Den Haag, Herrn Pilling, einen Mann, den wir für unseren Gedanken gewinnen konnten, und der, trotz der Verantwortung, die sein Entschluss für ihn persönlich bedeutete und ohne Rücksicht auf die möglichen Konsequenzen, seine Einwilligung gab und seine Unterstützung bei der Durchführung zusagte", so Schulze-Bernett. So sorgte der SS-Mann Albin Pilling für die notwendigen Bescheinigungen, und jeder Transport wurde an der französisch/spanischen Grenzstation in Hendaye von einem Abwehr-Offizier in Empfang genommen, damit es bei der Grenzkontrolle keine Zwischenfälle gab.

Walter Schulze-Bernett reiste persönlich zum ersten Transport am 11. Mai 1941 und zum zweiten am 15. Mai nach Hendaye, um sich von einem reibungslosen Ablauf zu überzeugen. Er trat allerdings in Zivil auf, um jeden Verdacht, dass es sich um eine Militäraktion handelte, auszuschalten. "Die Reisenden machten einen zufriedenen Eindruck und waren über den Ablauf der Reise und die Betreuung sehr zufrieden", schreibt der Hamburger. Allerdings durften die Auswanderer nur zwei Handkoffer mitnehmen, deren Inhalt von der Polizei genehmigt werden musste. Juwelen wurden von der Gestapo beschlagnahmt.

Über die genaue Anzahl der aus den Niederlanden geretteten Juden gehen die Angaben auseinander. Schulze-Bernett geht jedoch von mindestens 250 Menschen aus, die in sechs Transporten außer Landes geschafft wurden. Die Mehrzahl stammte aus Deutschland und den Niederlanden. Die Reisenden mussten rund 200 Gulden für die Fahrt über Spanien nach Lissabon bezahlen. Schulze-Bernett war nur an den ersten drei Transporten direkt beteiligt, da er bereits im Juni 1941 Militärattaché in der Türkei wurde. Deswegen weiß der Offizier auch nicht, "wie sich der Einbau der Agenten in die Transporte bewährt hat, und ob und welche Erfolge erzielt worden sind", schreibt er.

Eine Tat aus Menschlichkeit

Nach Ende des Krieges wird Schulze-Bernett von den Alliierten wegen seines hohen Ranges in der Wehrmacht für rund ein Jahr interniert. Weitere Folgen aus dem Krieg scheint es für den Hamburger jedoch nicht zu geben. Mit seiner Frau Sophie lebt er in einem hübschen Haus im Hamburger Stadtteil Hochkamp und betreibt bis zu seiner Pensionierung Im- und Export.

Carla Buckup lernt ihn Anfang der 50er-Jahre kennen und trifft ihn hauptsächlich auf Familienfeiern. Später, als seine Frau tot ist, verbringt er mehr Zeit mit den Buckups.

Walter Schulze-Bernett hält weiter eifrigen Briefkontakt mit seinen ehemaligen Canaris-Kameraden. Über das "Unternehmen Aquilar" berichtet er nur auf Anfrage von Historikern. Sachlich, nüchtern, ohne Emotionen beschreibt er in Briefen die Rettung von Menschen, als sei es etwas Alltägliches.

Anders als Oskar Schindler ist Walter Schulze-Bernett allerdings nie ein Risiko bei der Aktion eingegangen. Über ihn wird sicher auch kein Film gedreht, und die Holocaust-Gedenkstätte Jad Vashem wird ihm vermutlich kein Bäumchen in der Allee der Gerechten in Israel pflanzen. Doch Carla Buckup ist überzeugt: "Walter hat die Juden aus reiner Menschlichkeit gerettet und darüber spricht man doch nicht. Das ist eine Selbstverständlichkeit."

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