Der neue Fall ist nichts für empfindsame Gemüter

Geflüsterte Morde

Krimi: Bella Block.

Arte, 20.40 Uhr

Kein Wunder, dass sich das ZDF schwer tut, diesen Film auf angestammtem Krimi-Termin am Sonnabend zu zeigen: Wer hier zufällig hineingerät und bestimmte Passagen außerhalb ihres Kontextes erlebt, dürfte verstört reagieren. Der "Bella Block"-Fall "Geflüsterte Morde" ist Krimi-Kunst, die auf Genre-Konventionen verzichtet und sich auf zwei Ebenen abspielt.

Schon die vordergründige Krimi-Handlung stellt die Kommissarin vor ein Rätsel: Völlig unbescholtene Hamburger Bürger sind ermordet worden, aus heiterem Himmel; ohne Anlass, ohne Motiv, ohne Zusammenhang. Parallel dazu zeigt Christian Görlitz (Buch und Regie) das Leben des Mörders (Ben Becker), der unsterblich in den transvestitischen Nachtclubsänger Annabell (Stefan Kurt) verliebt ist.

Nach seinen Auftritten muss sich Annabell prostituieren, und jetzt wird es ebenso undurchsichtig wie unappetitlich: Die erzählten Vergewaltigungsszenarien lassen offen, ob die Untaten tatsächlich geschehen sind; schon allein die Andeutungen der widerlichen Sexualpraktiken genügen jedoch, um empfindsame Gemüter zu entsetzen.

Und das hat Folgen. Im ZDF wird dieser Krimi bis auf weiteres nicht zu sehen sein, jedenfalls nicht zur gewohnten Krimi-Stunde um 20.15 Uhr. Als zu düster, zu heikel habe ZDF-Fernsehspielchef Hans Janke die Folge intern eingestuft, sagt der verantwortliche Redakteur Pit Rampelt. Der besonderen "Gewaltästhetik" wegen soll der Film erst nach 21 Uhr im Zweiten laufen, wohl nicht vor dem Herbst.

Faszinierend ist Görlitz' "Bella Block"-Beitrag allemal; vielleicht ja nicht zuletzt gerade wegen des Verzichts auf Krimi-Konventionen. Schon allein Hans Grimmelmanns Bildgestaltung mit ihren warmen, fast schwülen Farben und dem gern akzentuiert gesetzten Licht fällt aus dem Rahmen. Immer wieder zeigen Görlitz und Grimmelmann ihre Figuren aus extremer Draufsicht: eine Versuchsanordnung.

Bereits mit dem Lichtenberg-Aphorismus zu Beginn hatte Görlitz diese Perspektive vorgegeben: "Bei einem Verbrechen ist das, was die Welt das Verbrechen nennt, selten das, was die Strafe verdient." tpg/HA

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