Thalia-Treffpunkt: Eine Reise in die Vergangenheit per Bus, zu Fuß und mit dem Schiff

Vom Kibbuz-Leben in Hamburg

Von OLIVER TÖRNER

Hamburg - Wussten Sie, dass es zwischen 1933 und 1941 einen Kibbuz in Rissen gab, also ein jüdisches, sozialistisch organisiertes Landkollektiv? Mitten im Dritten Reich, schier unvorstellbar. Und doch gab es diesen Kibbuz, in dem junge Leute aus der Stadt mit einer neuen Lebensform auf dem Land experimentierten.

"Ejn Chajim" hieß er, Quell des Lebens. Auf seine Spuren locken der Thalia-Treffpunkt und die Gedenk- und Bildungsstätte Israelitische Töchterschule, Hamburger Volkshochschule mit einer szenischen Erzählung unter dem Titel "Der neue Chawer mit dem Motorrad".

Eine Reise durch Hamburg, beginnend am Thalia-Theater, mit einem HVV-Bus nach Rissen, zu Fuß durch die Wittenbergener Heide und mit der Fähre zurück zu den Landungsbrücken. Die perspektivische Verwandlung Hamburgs, die der Mitreisende erfährt, ist beträchtlich. Begleitet von israelischen Liedern aus dem Buslautsprecher, zitieren die zehn größtenteils weißhaarigen Akteure aus demKibbuz-Tagebuch der ersten Jahre, aus Zeitungen oder Biografien (z. B. von Arie Goral-Sternheim). Dicht sitzen oder stehen sie beim Zuschauer, ganz persönliche Erzähler. Die Bilder vor dem Fenster verschwimmen mit der Vision dessen, was die jungen Kibbuzniks hier vor 56 Jahren erlebten. Nichts in Rissen erinnert mehr an das Haus, in dem zionistische Gehversuche, handwerkliche Lehrstunden, religiöse Andachten ebenso Platz fanden wie Probleme der Haushaltsführung, Geschlechterkampf oder Liebeleien.

In einer fesselnden Mischung stellt Regisseur Herbert Enge, beraten von Erika Hirsch, originelle Zitate über Hasenjagden im Gemüsegarten neben philosophische Erörterungen der Kibbuzniks. So erfährt die Zuhörergruppe, auf einer Wiese frisch geröstete Kastanien pulend, auch von argwöhnischen Nachbarn und nächtlichen Anschlägen. Da sind es dann nur wenige Schritte noch bis auf die Elbfähre. Hier hört man Reiseberichte von der Fahrt nach Palästina, den frischen Eindrücken der ersten deutschen Gruppe im noch unwirtlichen Siedlungsland.

Die Worte der Menschen, die damals nach Rissen reisten, um eine neue Lebensform zu ergründen, und die dann auswanderten, klingen noch lange nach. Wer sie selber hören will, kann das noch die nächsten drei Wochenenden tun.

Sonntags, 14 Uhr, Dauer ca. drei Stunden, Thalia-Theater, Karten: T. 32 81 44 44.

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