Die Cyber-Weiber

Früher gingen Feministinnen auf die Straße, heute gehen sie ins Netz: Auf ihren Web-Seiten kommunizieren sie miteinander, stellen ihre Ideen vor und nehmen ein neues Medium in Besitz.

Von ALEXANDRA zu KNYPHAUSEN

Cyberfeminismus, was ist das eigentlich? Frauen im Weltall? Kybernetische Emanzipation? Selbstfindungsversuche im Cyberspace?

Schlagen Sie es nicht im Duden nach. Sie werden es nicht finden. Sie haben das Wort wahrscheinlich noch niemals gehört, und damit sind Sie in guter Gesellschaft, wie eine Umfrage über Cyberfeminismus beweist: Behaupteten doch glatt 14 Prozent der Befragten, es könne sich um eine neu auf den Markt gebrachte Slipeinlage handeln.

Jeder fünfte, so die Erhebung, hielt Cyberfeminismus für eine Krankheit. Sogar mit BSE wurde er verglichen, als könne diese neue Art von Feminismus eine gefährliche Virenepidemie sein, die in den Körper eindringt und zum Systemcrash führt. Die Umfrageergebnisse könnten aus einem Handbuch für Frauenhasser stammen.

Aber vergessen Sie's: Die ganze "Erhebung" ist ein hintersinniges, grafisch gestaltetes Werk der Künstlerin und Cyberfeministin Helene von Oldenburg (zu finden im Internet unter http://www.obn.org/cfundef/statistiken/).

In der Welt der Technik und des Internets fällt es besonders ins Auge: Bisher beherrschen weitgehend Männer die Netze zwischen Hamburg und Hongkong, Pinneberg und Paris. Vor allem Männer vertreiben und konsumieren die Informationen (nicht nur Porno-Sites), die auf der ganzen Welt übers Internet kursieren. Sie sind auch die Programmierer, die das neue Medium und seine Inhalte bestimmen, sich die Möglichkeiten digitaler Welten zu Nutze machen.

Unter den deutschen Internet-Usern haben Frauen, so wird geschätzt, erst einen Anteil von 15 bis 20 Prozent.

Doch jetzt werden die Karten neu gemischt, die digitalen "toys for boys", wie die männliche Netzdominanz sexistisch abgekürzt wird, bekommen Konkurrenz. Die Cyberfeministinnen schalten sich - nein, loggen sich ein. Sehen Sie nach: Unter http://www.obn.org werden Sie erfahren, was dabei herauskommt.

Nämlich allerlei über Frauen und Netze, Anleitungen wie "How to become a hacker", dazwischen Kultur und Politik, theoretische Aufsätze und Netzkunstprojekte. Aber vor allem: Vielfalt. Denn Cyberfeminismus ist kein Zustand und keine starre Ideologie.

"Das Wesentliche liegt in den Unterschieden zwischen den Ansätzen. Mir geht es darum, eine Diskussion zum Thema Männerdominanz und Neue Medien zu eröffnen. Der Begriff Cyberfeminismus ist dafür nur eine Konstruktion", sagt Cornelia Sollfrank, Künstlerin und eine der Initiatorinnen des Old Boys Network (OBN); schon der Name dieser ersten internationalen cyberfeministischen Organisation, bei der nur Frauen mitmachen dürfen, ist ironisch gewählt.

Die Schaltzentralen des OBN liegen in Pittsburgh, Sidney, Zürich, Frankfurt, Berlin - und Hamburg. "Unser Ziel", sagt "Old Boy" Helene von Oldenburg, "ist nicht, etwas Fertiges, Vorgefasstes zu verbreiten, sondern eine Plattform zu bieten, auf der sich Feminismus neu strukturieren und immer wieder verändern kann. Wir versuchen, die alten Bilder in Frage zu stellen, loszulassen und neue zu finden, die unterschiedlich sind."

"Wir sind so etwas wie ein offenes Netzwerk mit energetischen Knotenpunkten für viele verschiedene Auffassungen", sagt die Hamburger Medienwissenschaftlerin Claudia Reiche, ebenfalls Mitglied der Core-group von OBN.

Dogmen sind out, neue Auffassungen in, wenn sie nur dazu dienen, die Frage zu stellen: Was kann weibliches Leben im digitalen Zeitalter heißen?

"Wenn im Informationszeitalter vollkommen im Ungewissen bleiben kann, ob eine Information von Menschen oder Maschinen kommt, zieht das neue künstlerische, theoretische und politische Praktiken nach sich. Da stellt sich nicht nur die Frage ,Mensch oder Maschine?', sondern ganz nebenbei auch die nach dem Geschlecht dieses sonderbaren Gegenübers: "Was ist echt, was ist Simulation?", beschreibt Claudia Reiche eine der Ausgangsfragen des Cyberfeminismus. "Und falls es tatsächlich ^zu unterscheiden wäre: Welche Folgen könnten sich daraus ergeben?"

In den 70er- und 80er-Jahren gingen die Feministinnen auf die Straße, schrieben auf Spruchbänder "Mein Bauch gehört mir", protestierten gegen und diskutierten über den Paragraphen 218, stritten für das demokratische Grundrecht der Frau auf Gleichbehandlung und suchten gemeinsam nach selbstbestimmten Lebensformen.

Heute treffen sich Frauen lieber im Netz: "xyberfeminists do it on the net" und "communication is futile" lauten die Wahlsprüche der Gegenwart.

"Trotzdem", sagt Cornelia Sollfrank, "wird Cyberfeminismus oft mit dem Old-School-Feminismus der 70er-Jahre in einen Topf geworfen. Nur insofern zu Recht, als auch er deutlich politische Absichten hat. Allerdings mit anderen Inhalten und neuen Strategien." Heute heißt die Aufforderung an alle Cyberfeministinnen, sich virtuell zu vereinigen: "make code, not love" und "we are information born" (wir sind aus Information geboren).

Claudia Reiche arbeitet als Literatur- und Medienwissenschaftlerin an der Universität Hamburg im Forschungsprojekt "Körperbilder - mediale Verwandlungen des Menschen in der Medizin". Ihre aktuellen Forschungsfelder sind computererzeugte Bilder, besonders im Zusammenhang mit dem medizinischen Großprojekt "Visible Human", sowie die neue Wissenschaft des artificial Life, des künstlichen Lebens.

Außerdem beschäftigt sie sich mit der Verarbeitung von Bildern allgemein: "Ich nehme alles, was sich unter dem Begriff ,Cyberfeminismus' sammelt, unter die Lupe und untersuche es daraufhin, wie digitale Darstellung mit den unterschwelligen Bedeutungen von Begriffen wie ,Leben', ,Geschlecht', ,Information' oder ,Bild' umgeht." Einige ihrer Texte hat sie im Internet zugänglich gemacht unter http://www.obn.org/LIFE/labor.htm und http://www.rrz.uni-hamburg.de/koerperbilder/.

Für Furore sorgte 1997 die Arbeit FEMALE EXTENSION (hhtp://www.obn.org/femext) von Cornelia Sollfrank. Für den Netzkunstwettbwerb der Hamburger Kunsthalle, EXTENSION, erfand sie Hunderte virtueller Netzkünstlerinnen, die sich am Wettbewerb "beteiligten".

Als Kunstwerke wurden Webseiten eingereicht. Sollfrank führte damit auf verschiedenen Ebenen die Möglichkeiten der neuen Medien gegenüber traditionellen Formen des Kunstbetriebs vor - und die Jury hinters Licht. Auch die Presse fiel auf die "Künstlerinnen"-Schwemme herein und jubelte: "Mehr als zwei Drittel der teilnehmenden Künstler waren Frauen!"

Kein Wunder, dass es von allen Seiten Kritik am Cyberfeminismus hagelt, im Internet, aber auch von realen Menschen. Vielen Männern scheint er vor allem suspekt, manchen auch auf subtile Weise attraktiv, weil er schwer zu erfassen ist und rätselhaft. Aber auch Wissenschaftler und Künstler, die öffentlich über ihre Themen reden, greifen ihn an: Den einen ist er zu politisch, anderen zu wenig politisch, zu akademisch oder zu respektlos mit wissenschaftlichen AutorInnen, zu sehr underground oder zu sehr mainstream, zu sehr Kunst oder zu wenig Kunstwerk.

Für die Cyberfeministinnen des Old Boys Network ist das alles nur Anlass, sich voller Begeisterung an alternativen Meinungen zu reiben. Sie haben ja schon einiges erreicht. Zum Beispiel bei der offiziellen Initialzündung auf der Kasseler documenta X '97. Dort reisten 38 Frauen aus 12 Ländern an, um ihre künstlerischen und wissenschaftlichen Arbeiten zu zeigen und zu diskutieren. Als beste Schiene für den neuen Feminismus stellte sich das Internet heraus. Dort kann Cyberfeminismus sich in alle Lebensbereiche einklinken. Und so führt das Netz dem alten Feminismus neue Inhalte zu - die Herausforderung für die Old Boys.

Jede Frau kann mitbauen an dieser virtuellen Welt, die Frauenfragen neu aufrollt. Denn das ganze Netzwerk wäre nichts, wenn nicht lebendige weibliche Menschen dahinterstünden, Frauen mit verschiedensten Ausbildungen und Interessen.

Helene von Oldenburg beispielsweise, Doktor der Landwirtschaft, Medien- und Performance-Künstlerin, hat ein "Institut für Experimentelle Arachnologie" gegründet (Arachne , griech.: Spinne). Erforscht wird "die biologische und kulturelle Evolution des Homo Sapiens im Hinblick auf eine vernetzte Zukunft", ausgehend von der Häufung vernetzter Strukturen im Alltag (z. B. in Telefonnetzen, Küchensieben, Kleiderstoffen) sowie in gesellschaftlichen, sozialen und politischen Strukturen.

Manches mag für Außenstehende verwirrend klingen: Was wollen die eigentlich, kann man sie überhaupt ernst nehmen, oder wollen sie uns einfach nur auf den Arm nehmen?

Wer will, kann sich selbst ein Bild machen. 500 Sites zum Cyberfeminismus sind inzwischen im Internet zu finden, und in Holland gibt es bereits Cyberfeminismus-Lehrstühle und Vorlesungen. Es hat auch schon zwei internationale Kongresse zum Thema gegeben, in Kassel und Rotterdam. Die nächste Internationale planen die Old Boys in Hamburg - im Jahr 2000.

Old Boys Network im Internet: http:www.obn.org.

"Wir sind so etwas wie ein offenes Netzwerk mit energetischen Knotenpunkten für viele verschiedene Auffassungen."

Telefonnetze, Küchensiebe, Kettenhemden, politische Netzwerke. Jetzt knüpfen Frauen selber mit - im Internet.

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