Silvester vor 30 Jahren spielte die letzte Band in dem weltberühmten Club auf der Reeperbahn

Star-Club: Nur die Legende überlebte

Beim Abschied wurde kein letzter Walzer gespielt. Auf dem Hamburger Kiez herrscht ein anderer Ton. Auch am Silvesterabend 1969, als das Rock-Duo Hardin & York beim letzten Konzert im Star-Club mit einer 25-minütigen Version aus den Beatles-Hits "Lady Madonna" und "Norwegian Wood" das Abschiedsrequiem für den weltbekannten Musiktempel auf der Reeperbahn lieferte. Tränen, Wut und Wehmut mischten sich unter die Abschiedsklänge. "Ihr werdet noch an den Star-Club denken", schrie Kuno Dreysse, einer der letzten Betreiber, dem Publikum entgegen.

Wie Recht der Rivets-Bassist behalten sollte. Eine besondere Ära war für immer vorbei. Doch selbst 30 Jahren nach der Schließung hat der Star-Club wenig von seinem Ruhm verloren. An der Großen Freiheit selbst deutet heute wenig auf die Vergangenheit des berühmten Hauses Nr. 39 hin. Seit dem Abriss nach einem Brand und dem Neuaufbau 1983 herrscht hier die nackte Realität von St. Pauli. Hinter der roten Klinkerfassade verbergen sich ein Etablissement für "Thai-Girls", eine "Star-Treff"-Kneipe, wo die Flasche Sekt mit 150 Mark abkassiert wird sowie ein "Rock-Café" und Museum im tristen Hinterhof. Nur eine schwarze Steintafel mit dem Star-Club-Schriftzug und einem Hendrix-Profil erinnert an alte und bessere Zeiten.

Der fünfzackige Stern mit der geschwungenen Leuchtschrift ist Markenzeichen geblieben. Der Star-Club ist so bekannt wie der Cavern-Club in Liverpool, einst Heimat der Beatles. Der Kult um das Mekka der Beat-Generation an der Elbe hält an. Die Geschichte des Star-Clubs wird im Internet ebenso dokumentiert wie in Büchern und auf Tonträgern. Die Schallplattenrechte liegen heute beim Multikonzern Universal Records, ebenso die Merchandise-Rechte, die an die Hamburger Firma K&K lizensiert sind. Das Geschäft mit der Nostalgie lebt, wenn auch "nicht so gewaltig, wie einige ewig Gestrige denken", versichert der Hamburger Musiker und Inhaber von K&K, Ulf Krüger, die im Internet unter www.kkbeatlesphotos.com und als realer Laden im Laufgraben 16 die Fans bedienen.

Die Star-Club-Geschichte begann weit vor Internet und E-Mail. Mit einem Anruf in der "Jacaranda Coffee Bar" in Liverpool brachte Bruno Koschmider im Sommer 1960 alles ins Rollen. Der frühere Zirkusartist wollte die Lokalhelden Brian & The Casanovas verpflichten. Ende 1959 hatte er an der Ecke Große Freiheit/Schmuckstraße mit dem "Kaiserkeller" Hamburgs ersten Rock-'n'-Roll-Club eröffnet. Die Casanovas waren auf Tour, so dass der Jacaranda-Besitzer Alan Williams seinem Hamburger Kollegen andere Gruppen unterjubelte. Eine der ersten Bands aus Liverpool, die über den Kanal reisten, waren die Beatles. "Hamburg war eine harte Schule", bestätigte John Lennon später. "Um die Deutschen auf die Beine zu kriegen und das zwölf Stunden durchzuhalten, dafür mussten wir uns mächtig ins Zeug legen. Das war die beste Schule für alle Bands."

Die Beatles hatten seit Frühjahr 1960 die Hamburger im Sturm erobert und waren die Stars bei der Eröffnung des Star-Clubs am 13. April 1962. Großspurig hatte Manfred Weißleder ein Plakat mit kernigen Sprüchen drucken lassen: "Die Not hat ein Ende! Die Zeit der Dorfmusik ist vorbei!" Weißleders Auftreten hatte den Kiez verändert. Nur mit einem Handkoffer traf der gelernte Flugzeugelektromechaniker Mitte der Fünfzigerjahre aus Dortmund in Hamburg ein. Ein Jahr später besaß er ein Dutzend Striplokale, die er verpachtete und das Haus an der Großen Freiheit Nr. 39 kaufte.

Das ehemalige Stern-Kino avancierte nach dem Umbau zum größten Musiktempel jener Tage. Über Jahre gaben sich die Stars die Klinke in die Hand: Beatles, Little Richard, Gene Vincent, Ray Charles, Chuck Berry, Jimi Hendrix, Bill Haley, Cream. Eine endlose Liste. Als erste deutsche Band traten die Rattles auf. "Manchmal spielten acht Bands an einem Abend", erinnert sich Astrid Kirchherr, Beatles-Fotografin und -Freundin. "Jede Stunde eine Band, ohne Pause, der Wechsel dauerte nur fünf Minuten. Nach ihren Auftritten mischten sich die Musiker unters Publikum. Wir brauchten keinen Backstagepass, um die Stars zu treffen."

Weißleder galt als fairer Geschäftsmann, dessen Wort in den USA und England bei Musikern und Managern viel Wert war. Und er war clever. Geschickt sicherte er sich finanzielle Unterstützung durch die US Army, die angeblich die Flüge der US-Stars sponserte - schließlich traten die Jungs auch in den Militärstationen in Süddeutschland auf. Doch der Star-Club-Boss vernahm auch frühzeitig Misstöne. Ab 1963 gab es in Person von Amtmann Falck, genannt der "eiserne Besen von St. Pauli", immer wieder Ärger mit dem Ordnungsamt Hamburg-Mitte. Weißleder stand auf der Abschussliste. Der Frust nahm zu, die Stars blieben weg, die Fans waren enttäuscht. Im September 1967 hörte der Mann, den sie als "deutschen Brian Epstein" feierten, ganz auf. 1980 starb Manfred Weißleder an Herzversagen.

Der Niedergang des Star-Clubs war nicht aufzuhalten. Der Club war ein Kind seiner Zeit. Was drei junge Musiker partout nicht glauben wollten. Achim Reichel und Frank Dostal von den Rattles sowie Kuno Dreysse starteten den letzten Rettungsversuch. "Wir waren Idealisten", meint Kuno rückblickend. Als Moderator der TV-Serie "Kuno's" hat er auf "Hamburg 1" die Star-Club-Story aufgearbeitet. "Wir mussten als letzte Pächter den Namen aus goldenen Zeiten teuer bezahlen", erzählt Reichel.

1969 waren die Tage des Star-Clubs endgültig gezählt. Sieben Jahre dauerte die kurze Freiheit der Beatmusik. Discos waren der neue Renner, es begann die Ära der "Grünspans". Auch Horst Faschers Star-Club-Neueröffnung 1980 am Großneumarkt scheiterte konzeptionslos und kläglich. "Was ich als kleiner Rock-'n'-Roll-Fuzzi gespart hatte, das war nach der Star-Club-Ära weg", resümiert Achim Reichel. Seinen beiden Partnern ging es nicht besser. "Der Club war zuletzt eine Bruchbude", erzählt Kuno. "Im Winter war es eisig kalt. Wir hatten keine gastronomischen Erfahrungen. Wir waren recht naiv. Doch wir denken noch immer an die tolle Star-Club-Zeit."

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.