Seit 25 Jahren ist Till Verclas als Kupferdrucker tätig. Zu seinen Kunden zählen viele renommierte Künstler, die den Hamburger nicht nur als Handwerker schätzen.

"Kunst ist immer Haarspalterei"

Von URSULA HERRNDORF

Hamburg - Die großen Künstler dieser Welt gehen bei ihm ein und aus: Georg Baselitz, Jörg Immendorf, Rosemarie Trockel, Robert Wilson zum Beispiel. Aus gutem Grund. Denn der Hamburger Kupferdrucker Till Verclas zählt zu den Besten seines Fachs. Kaum eine Radierung, eine Lithographie, ein Holz- oder Linolschnitt dieser Künstler, die nicht seine Werkstatt verlassen haben.

Seit 25 Jahren betreibt Till Verclas die schwarze Kunst. Und seit 20 Jahren besteht seine Kupferdruckerei, in der die Grafik international renommierter Maler, Bildhauer und Objektkünstler in Auflage geht. Aus der kreativen Kooperation mit Drucker und Künstler ist in dieser Zeit Beachtliches entstanden: Die Zahl der Belegdrucke im Archiv von Till Verclas beträgt heute mehr als 1200 Exemplare. Eine exklusive Sammlung von Originalgrafik, die ebensogut im Museum einen angemessenen Platz fände. Dazu kommen Künstlerbücher aus seinem kleinen Verlag "Un Anno Un Libro", der seit 1991 existiert. Und einige Hundert eigene Arbeiten: Grafiken, Ölbilder, Zeichnungen und Skulpturen. Denn Till Verclas ist nicht nur der präzise und kenntnisreiche Handwerker, sondern selbst Künstler. Und kein verhinderter. Die Radierungen im Büro und im Treppenahaus der Werkstatt in Ottensen beweisen es.

Im Spiel mit offenen und geschlossenen Formen, engen oder aufgelösten Gittern erprobt der 46-Jährige die Wirkung der Flächen. Dass die Aquatinta ein makelloses, samtiges Schwarz ergibt, die Ränder gerade so viel Unschärfe aufweisen, dass der Anschein von Räumlichkeit entsteht oder die Schraffur der Kaltnadel in ihrer Schärfe metallisch schimmert - all das zeugt von Können und dem bewussten Einsatz der Mittel.

Verclas ist ein Meister des Subtilen. "Kunst ist immer Haarspalterei", sagt er. "Aber spalten Sie mal ein Haar." Den Punkt zu finden, wo Beliebigkeit aufhört und das Wesenhafte anfängt, sei gar nicht einfach. Aber dieser gerade Mann mit dem kritischen Blick aus dunklen Augen und dem willenstarken Kinn besitzt als Schutz vor dem Mittelmaß offenbar genug Unnachgiebigkeit gegenüber sich selbst und viel Disziplin. Eigenschaften, die ihm nicht nur die Anerkennung der Künstlerkollegen eingebracht haben. Das Museum Ludwig in Köln, die Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel oder das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg besitzen Arbeiten von ihm. Und seit diesem Jahr lehrt er an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg Zeichnen und Drucken.

Als Künstler wahrgenommen zu werden, ist Verclas wichtig. Schließlich ist das seine eigentliche Profession. Das Handwerk des Kupferdruckers habe er nach dem Abitur nur gelernt, um jeglicher Art von Schulbetrieb zu entfliehen. Danach studierte der gebürtige Düsseldorfer Malerei an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg bei Kai Sudeck. Eine kleine, nur 16 Quadratmeter große Druckerei am Pilatuspool, die er sich 1979 noch während seines Studiums einrichtete, sicherte ihm den Lebensunterhalt.

Zu seinen ersten Kunden gehörte Dieter Roth, Aufträge von der Griffelkunst kamen dazu, Galeristen schickten ihm ihre Künstler und peu à peu wurde der Name Till Verclas ein Betriff für hochwertige Ausführung von Auflagengrafik. "Die Qualität meiner Arbeit hat sich einfach herumgesprochen", meint er selbstbewusst, aber keineswegs arrogant. Heute beschäftigt er vier freiberufliche Mitarbeiter in seiner mittlerweile 260 Quadratmeter großen Werkstatt. Alle haben wie er eine künstlerische Ausbildung.

Sieht der Drucker sein Handwerk auch als Kunst an? "Inzwischen Ja", antwortet Verclas. "Ich habe wahrscheinlich schon alles gedruckt, was möglich ist. Aber über die Routine hinaus Fähigkeiten zu entwickeln, die das Material unter den Fingern in alle Richtungen fließen lassen - das ist die Kunst." Dazu muss man die Richtung kennen. Und jede der Künstlerpersönlichkeiten, die zu seinen Kunden zählen, setzt andere Schwerpunkte. Einfühlungsvermögen und Anteilnahme am Werk nennt Verclas als wichtige Voraussetzungen für das Gelingen der Arbeit. Ob Künstler fertige Druckplatten liefern, nur ein Fax mit Maßangaben senden oder mit ungefähren Vorstellungen in seine Werkstatt kommen - geduldig entwickelt er Ideen für die Umsetzung und findet Mittel und Wege, um auch ungewöhnliche Wünsche zu erfüllen.

"Einmal kam Albert Oehlen mit mehr als zwei Meter langen Plexiglasscheiben als Druckplatte an", erinnert er sich. "Wir haben dann für diese Überformate extra eine Presse bauen lassen." Seitdem nehmen auch Immendorf und Baselitz diesen Dienst gerne in Anspruch.

"Drucken ist nicht nur ein Job für mich", sagt er. "Wenn ich nur Auflage drucken würde, wär ich schon längst verrückt geworden." Deshalb ärgert es ihn, wenn ein Künstler ihn nicht ernst nimmt. Normalerweise herrscht ein kollegialer Ton. Aber einmal kam es vor, dass jemand dachte: "Ach, dieser shitty printer." Der hatte dann nicht mehr viel zu erwarten. "Wenn das Verhältnis gestört ist, schlägt sich das gleich auf die Qualität der Arbeit nieder." Drucken ist eben eine sehr sensible Kunst.

(Gaußstraße 176, Führungen mit Druckdemonstration Sonnabend, 5. 2., 14 und 16 Uhr. Anmeldung (Telefon 390 22 71) ist erforderlich.)