Verkehrsberuhigung führte zu Verlust von 25 Arbeitsplätzen und Umsatzeinbußen bis zu 50 ProzentHandelskammer: "Paradebeispiel" für verkehrte Verkehrspolitik

CDU: Macht den Grindelhof wieder auf!

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Von JENS MEYER-WELLMANN

Die Verkehrsberuhigung im Grindelhof hat im ersten Jahr 25 Arbeitsplätze gekostet. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage der Handelskammer unter den ansässigen Geschäftsleuten. Jedes zweite der 57 befragten Unternehmen meldete Umsatzrückgänge von teilweise bis zu 50 Prozent. 17 Geschäftsinhaber mussten Personal entlassen. Drei Firmen stellten zusätzliche Arbeitskräfte ein.

Seit Jahresbeginn ist der Grindelhof verkehrsberuhigt. Der Rückbau, über den seit 1979 diskutiert worden war, hat die Stadt etwa 1,1 Millionen Mark gekostet. Eine Durchfahrt von der Hallerstraße in Richtung Innenstadt ist jetzt nicht mehr möglich. Die Zahl der durchfahrenden Autos (früher bis zu 20 000 täglich) hat sich seither stark reduziert - zur Freude der Anwohner und zum Leid mancher Händler (siehe nebenstehender Artikel).

Bernd Reinert, verkehrspolitischer Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion, forderte angesichts der neuen Zahlen den "sofortigen Rückbau des Rückbaus". Die Studie bestätige seine Befürchtungen. "Die Stadt hat eine Million Mark für die Vernichtung von 25 Arbeitsplätzen ausgegeben", so Reinert.

In einem Brief an Bausenator Eugen Wagner schreiben Handelskammerpräses Nikolaus W. Schües und Hauptgeschäftsführer Hans-Jörg Schmidt-Trenz, ein "solcher Fall des Eingehens auf egoistische Anliegerinteressen" dürfe sich nicht wiederholen. Verkehrsberuhigung dürfe es nur geben, wenn sie keine "nachhaltig schädlichen Wirkungen auf die anliegenden Betriebe" habe. Der Fall Grindelhof sei ein "Paradebeispiel" für falsche Verkehrspolitik. "Würde der jetzt vorgelegte Verkehrsentwicklungsplan ohne gravierende Veränderungen realisiert, bliebe der Grindelhof kein Einzelfall", so die Handelskammer. Die Grindelhof-Analyse beweise den engen Zusammenhang zwischen Verkehr und Einzelhandel.

Baubehördensprecher Christian-Georg Schuppe wies die Kritik zurück: "Der Kompromiss zur Verkehrsberuhigung des Grindelhofs wurde gemeinsam mit der Handelskammer erarbeitet." Dabei seien Strukturveränderungen bei Geschäften nicht auszuschließen gewesen, das habe auch die Kammer gewusst. Überdies seien möglicherweise auch Mietpreissteigerungen für die Probleme von Händlern verantwortlich.

GAL-Verkehrsexperte Martin Schmidt sagte: "Bei der Bekämpfung von Lärm und Autoschadstoffen und bei der Wiedergewinnung der Straße als Lebensraum für Fußgänger und Radfahrer handelt es sich nicht um ,egoistische Anliegerinteressen', sondern um die Pflichtaufgabe eine Stadtregierung." Dies müsse aber im Kompromiss mit den Lebensbedingungen des Einzelhandels geschehen.

Beim Grindelhof habe sich schon vor der Verkehrsberuhigung eine gespaltene Entwicklung abgezeichnet, so Schmidt: Während der westliche Teil floriere, litten die Geschäfte auf der östlichen Seite, Richtung Hallerplatz. Möglicherweise sei diese Entwicklung durch die Rückbaumaßnahmen verstärkt worden. Im Bezirk Eimsbüttel müsse man sich daher Gedanken um eine Belebung des östlichen Grindelhofs machen.

SPD-Verkehrsexpertin Barbara Duden sagte, nach allem, was sie gehört habe, seien die Anwohner sehr zufrieden mit der Verkehrsberuhigung. Das Flair des Grindelhofs habe sich verbessert, und im Sommer hätten die Hamburger in den Restaurants der beruhigten Straße bis spät in den Abend draußen gesessen. Das zeige die Akzeptanz.

Günter Dorigoni, Geschäftsführer bei der Handelskammer, kündigte an, man werde die Händler in einem Jahr erneut befragen. Wenn sich der jetzige Trend dabei bestätige, bleibe der Kammer nur eine Forderung: "Dann müssen die Bagger anrollen, und der Grindelhof muss wieder für den Durchgangsverkehr freigegeben werden."

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