Die Rad-Weltmeisterschaften auf der Straße in Italien

Die Rebellin ist müde

wag Verona - Etwas ratlos stand Hanka Kupfernagel (25) auf der Piazza Duomo im Herzen Veronas. Nach Bronze beim WM-Zeitfahren des Vorjahres kurbelte sie diesmal als Fünfte schnurstracks am Podest vorbei, musste erneut der bildhübschen Niederländerin Leontien Zijlaard-van Moorsel den Titel überlassen.

"Nach der Hälfte des Rennens lief es einfach nicht mehr rund bei mir", teilte Deutschlands Top-Radlerin einsilbig mit und wirkte dabei ziemlich müde und ausgelaugt.

Es ist schon kurios: Da wichen die jahrelangen Querelen zwischen der eigenbrötlerischen Berlinerin mit dem Bund Deutscher Radfahrer (BDR) diplomatischem Understatement, doch mit ihrem Widerspruchsgeist scheint auch ein Teil ihrer urwüchsigen Kraft geschwunden.

Die abknickende Formkurve deutete sich schon beim Weltcupfinale am letzten September-Wochenende im Schweizer Embrach an. Rang zwei hinter der Australierin Wilson kostete zugleich den Gesamtsieg, den ebenfalls die Pedaleurin vom fünften Kontinent davontrug.

Allzu oft stand sich die vielfache deutsche Meisterin in der Vergangenheit selbst im Weg. Kenner der Szene sagen, das liege nicht ausschließlich an ihr selbst. Für das Image als "Enfant terrible" sei maßgeblich auch ihr "zum Fanatismus neigender Ehemann und Trainer Torsten Wittig-Kupfernagel" ("Frankfurter Rundschau") verantwortlich. Es gab eine Zeit, da antwortete der ehemalige Querfeldein-Auswahlfahrer allein auf Fragen, die eigentlich seiner Ehefrau Hanka gestellt wurden.

Zuletzt wirkte diese zwar wesentlich emanzipierter, doch die Ansichten ihres Gatten scheinen noch immer richtungweisend im Hause Kupfernagel. So wurde immer wieder das Recht auf eine verbandsunabhängige Vorbereitung für internationale Titelkämpfe beschworen - bis hin zum dreimaligen Boykott von Weltmeisterschaften.

Unter der Ägide des neuen BDR-Präsidenten Manfred Böhmer wurde der Dauerdisput zwar beendet, doch wieder einmal trägt sich das Paar mit dem Gedanken "auszuwandern". Diesmal allerdings spielen handfeste ökonomische Gründe die Hauptrolle.

Weil etliche Verträge ausliefen, sich einige Sponsoren eh nicht an ihre Zahlungsverpflichtungen hielten und in Deutschland das Interesse an professionellen Frauen-Radteams offenbar gering sei, werde man sich möglicherweise um eine russische Lizenz bemühen, offenbarte Torsten Wittig-Kupfernagel kürzlich in einem Abendblatt-Gespräch. Der Hintergrund: Roslotto, die russische Lotterie, stehe als Hauptsponsor bereit. Bleibt zu hoffen, dass sich die Kupfernagels mit dieser neuen Idee nicht endgültig ins Abseits manövrieren.

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