Der Schlager hat ausgedient

34 Radiosender kann man in Hamburg über Kabel empfangen, 30 über Antenne. Die Anzahl der Programme ist groß. Doch was bieten die privaten, öffentlich-rechtlichen oder nichtkommerziellen Wellen? Das Hamburger Abendblatt stellt in einer Serie "Radio in Hamburg" die wichtigsten Sender vor.

Folge 4: Die Classic-Hits-Welle AlsterRadio

Seit 1991 waren auf der Frequenz 106,8 Pop-Musik und Schlager zu hören. "Schalt um auf glücklich" hieß der erfolgreiche Slogan, bis am 8. Juni 1999 das Format verändert wurde. Heute sendet das "neue AlsterRadio" 100 Prozent "Superstars & Classic Hits" (Slogan). Auf die Hits der 60er, 70er oder 90er Jahre möchte sich AlsterRadio- Geschäftsführer und Programmchef Ulrich Bunsmann nicht festlegen: "Wir machen ein Programm für erwachsene Hamburger."

Obwohl AlsterRadio mit Pop und Schlagern zum zweitgrößten Hamburger Radiosender geworden war, stolze 14,4 (1999) Prozent Marktanteil erreichte und schwarze Zahlen schrieb, hat man sich zur "Zukunftssicherung" auf den heißumkämpften Markt der Mainstream-Musik begeben. Denn für den kleinen Privatsender am Rödingsmarkt bestand die Gefahr, ein "Seniorensender" (Bunsmann) zu werden. Der dur chschnittliche Zuschauer war 50 Jahre alt geworden - und wurde zunehmend eher von der Fernseh- als von der Radiowerbung erreicht.

Das wichtigste Ziel für AlsterRadio (und seine 25 redaktionellen Mitarbeiter) heißt "Verjüngung". Die 40- bis 45jährigen sollen erreicht werden - und die Abkehr vom Schlager war dazu ein "wesentlicher Schnitt". Doch "kraß" findet der Geschäftsführer den Formatwechsel nicht: Zum Schluß liefen pro Stunde nur noch vier deutschsprachige Titel. Die Zahl der Proteste blieb jedenf alls "vergleichsweise gering", beteuert Bunsmann.

Seit sich AlsterRadio vor allem an die erste mit Popmusik aufgewachsene neue Zielgruppe richtet, möchte Bunsmann auch alte Radioqualitäten wiederbeleben. Die musikunterlegten Nachrichten haben ein "höheres Gewicht erhalten", die Zahl der Meldungen wurde von sechs auf bis zu zwölf erhöht, und die Trennung von nationalen und regionalen Nachrichten ist aufgehoben. Die Musik schließlich soll ernster genommen werden: Keine Ausblendungen, auch längere Stücke sind möglich.

"Seriosität und Unterhaltung" möchte "der neue Stern unter Hamburgs Radiosendern" (so die Internetseite) bieten, und deshalb gibt es in der Morgensendung (5 bis 10 Uhr) wenig Comedy, sondern "wichtige Informationen". Wichtig ist, "worüber die Leute reden": Vom Kennedy-Tod bis zum Nacktbadestrand. Der Wortanteil betrug in den letzten Jahren 15,4 Prozent, 0,4 Prozent mehr als von der Hamburgischen Anstalt für neue Medien (HAM) verlangt. Gewinnspiele, Werbung ("Wir sind werblich gut abgede ckt") gehören zum Wort. Und auch AlsterRadio kämpft vor allem am Morgen: Hier schickt man jeweils ein Paar ins Rennen: die freche Moderatorin und den selbstbewußten Co-Moderator, Tina Hackenberg und Roland Michel - der umgedrehte "Kampf der Geschlechter".

Doch im Zentrum des (formatierten) Musikprogramms stehen die Bee Gees oder Roxette, Elton John, Tina Turner oder Rod Stewart. Das Spektrum der Musiker ist groß, gespielt wird aber ausschließlich ihr melodischer, harmonischer Pop. Es gibt viele Hits u nd ganz offensiv "0 Prozent Schlager".

HANS-JÜRGEN KRUG Nächste Folge: NDR Hamburg Welle 90,3

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