Kaiserstühler Winzer machten als Erste gegen Atomkraftwerke mobil. Der Kampf um Wyhl 1975 wurde zur Initialzündung für die bundesweite Anti-AKW-Bewegung. Gleichzeitig entwickelten sich auch neue Energiekonzepte.

Plattes Land, im Rücken der Kaiserstuhl. Da liegt Wyhl. Eine Asphaltstraße führt aus dem wenig schmucken 3000-Seelen-Ort an Maisfeldern und Apfelbäumen vorbei in den Wyhler Wald. Zu einem Parkplatz, einer Blockhütte. Es gibt Hinweistafeln auf einen Naturlehrpfad, einen Trimmpfad, einen Lauftreff. Der Weg geht weiter zur NATO-Rampe, die auf den Deich am Oberrhein führt. Heute ein Treff alter Wyhler, die auf der Bank die herbstlichen Sonnenstrahlen genießen. Und den Plausch.

Wissen die, wo der Bauplatz für das einst umstrittene Kernkraftwerk liegt? "Etwa 150 Meter weiter, gleich hinter dem Baggersee, da steht auch noch der alte Betonklotz, auf dem wir damals unser Elektroaggregat betrieben haben", sagt ein Alter, und dass er mit dabei war. Aber heute sei über alles Gras gewachsen.

Neue Bäume sind in den vergangenen 25 Jahren aufgeschossen. Wie der Efeu an jenem Baumstamm, an dem noch ein Pfeil Richtung "Mast" weist. Der 40 Meter hohe Turm sei in diesem Frühjahr von den Badenwerken abmontiert worden, erzählen sie. Als sollte nichts mehr an die Niederlage erinnern. Was geblieben ist, ist eine Idylle aus meterhohem Springkraut und Goldrute. Die Rheinaue, eine verwunschene Sumpflandschaft, heute das Revier von Fischern und Förstern. Und Naturschutzgebiet mittlerweile.

Hier ging es Anfang 1975 hart zur Sache. Hier standen aufgebrachte Bürger aus den Dörfern rund um den Kaiserstuhl einigen Hundertschaften Polizei gegenüber. Sie hatten am 18. Februar versucht, die Bauarbeiten zu behindern, hatten den Bauplatz gestürmt, waren zurückgeschlagen worden. Dann am Sonntag, dem 23. Februar, waren sie wiedergekommen. 30 000 Menschen diesmal, voller Verbitterung und mit dem klaren Entschluss, sich diesmal durchzusetzen. Sie haben dann die Polizisten und den NATO-Draht einfach überrannt, diese braven Hausfrauen, Weinbauern, Lehrer, Pastoren und Studenten. Haben den Platz acht Monate (bis 7. November) besetzt gehalten. Es war das erste Mal in der Bundesrepublik.

Gegen den breiten Widerstand dieser gestandenen Leute, die noch Unterstützung und das Know-how von den Studenten aus Freiburg bekamen, war das Wyhler Atomkraftwerk am Ende politisch nicht durchsetzbar. Juristisch bekamen die Betreiber zehn Jahre später dann doch noch Recht, aber da brauchte niemand mehr ihren Strom. Wie hatte Landesvater Filbinger in der heißen Phase noch gedroht, dass in den nächsten zehn Jahren am Oberrhein die Lichter ausgehen würden, wenn die Kaiserstühler dem Kernkraftwerk nicht zustimmen würden. Es war der ungebremste Wachstumsrausch der 70er-Jahre.

Hier am Oberrhein liegen die Wurzeln der bundesweiten Anti-AKW-Bewegung. Die zweite große außerparlamentarische Protestbewegung nach den Studenten und der Apo. In Breisach, dem geplanten Vorläufer von Wyhl, ging es 1971 los. Aber Wyhl war dann die Initialzündung. "Nicht in Wyhl und auch nicht anderswo", lautete bald schon die kämpferische Parole, und sofort sprang der Funke auf Brokdorf (1976) und Gorleben (1977) sowie das Wendland über.

In Wyhl wurden neue Formen des Widerstands erfunden und basisdemokratische Strukturen erprobt. "Was wir wollen" wurde die erste Anti-AKW-Zeitschrift mit überregionaler Bedeutung. Ein Netzwerk formierte sich, das bald darauf auch Grohnde (1977), Kalkar (1977), Wackersdorf (1985) - und wie die Atomprojekte alle hießen - überspannte. In den Diskussionen ging es immer mehr um grundsätzliche Fragen der Energie- und Wirtschaftspolitik und des Demokratieverständnisses. In Brokdorf eskalierte der Konflikt.

Mittlerweile ist der Ausstieg aus der Atomenergie beschlossene Sache und Regierungspolitik. In eine gesetzliche und verbindliche Form gegossen ist er allerdings noch nicht. Noch fechten Atomindustrie und grüner Umweltminister um die Bedingungen. Dennoch kann diese Entwicklung eine späte Genugtuung für viele Aktivisten sein. Sie haben viele Atomkraftwerke nicht verhindern können, das grämt manchen, aber ohne ihren Widerstand wären weit mehr Anlagen gebaut worden. Und ohne die Katastrophe von Tschernobyl im April 1986, das räumen sie auch ein, hätte es nie einen Ausstiegsbeschluss gegeben.

Eine faszinierende bunte Mischung quer durch alle Schichten der Bevölkerung sei das damals gewesen, erinnert sich Frank Baum aus Staufen. "Es gab schon vor Wyhl etwa 45 verschiedene Umweltschutzgruppen aus den Kaiserstuhldörfern und dem Elsass. Man kannte sich, hatte viele Leute, auf die man sich verlassen konnte. Das hatte mit Links und Rechts nichts zu tun." Bürgerliche Gruppen kämpften für den Erhalt des Freiburger Mooswaldes, gegen die Flurbereinigung am Kaiserstuhl und gegen eine Schwarzwald-Autobahn. Auf dieses feinmaschige und vielfältige Netzwerk konnte der Widerstand gegen das AKW-Wyhl bauen. "Das war auch ein Grund, warum wir so erfolgreich waren." Der Widerstand weitete sich schnell aus gegen das geplante AKW Kaiseraugst in der Schweiz und das vorgesehene Blei-Chemiewerk Marckolzheim im Elsass, gegenüber von Wyhl.

Der Biochemiker Frank Baum ist inzwischen 60 Jahre alt und Beamter in einem chemischen Untersuchungsamt. Er hat nach langer Zeit noch einmal den Ordner mit den Unterlagen der "Volkshochschule Wyhler Wald" vom Staub befreit und darin geblättert. 600 Veranstaltungen zwischen April 1975 bis 1988 hat er mitorganisiert. Angefangen im Freundschaftshaus auf dem besetzten Platz. Ein Rundbau für 500 Leute mit einem Feuer in der Mitte. Dann sind sie in die Dörfer gegangen, in die Gasthäuser, bis nach Freiburg ins Audimax. Haben aufgeklärt über die hochgefährliche Atomtechnologie und über Alternativen.

Frank Baum erinnert sich gern und genießt die Widerstandsnostalgie. Der "Arbeitskreis Umweltschutz" an der Freiburger Universität, in dem Physiker, Chemiker und Biologen Broschüren verfassten, die dann in der Buchhandlung Jos Fritz und überall verteilt wurden. "Sofort Energie sparen", hieß nur eine Losung.

Ein Thema, das Dieter Seifried bis heute beschäftigt. Am Öko-Institut in Freiburg. Mit seinem Studium von Maschinenbau, Energie- und Kraftwerkstechnik und Volkswirtschaftslehre ist der 51-Jährige einschlägig vorbereitet. Seifried kam über die jungen Anwälte Rainer Beeretz und Siegfried de Witte, die gegen den AKW-Betreiber Kernkraftwerk Süd GmbH prozessierten, zur Bewegung, hat an Demonstrationen und Platzbegehungen teilgenommen. Er war dann aber vor allem beteiligt an der Konzeption des Öko-Instituts, das am 5. November 1977 von Bürgerinitiativen und engagierten Einzelpersonen als Verein gegründet wurde, um kritischen Wissenschaftlern eine Heimat zu bieten, und um ökologische Politik zu formulieren.

So ist das Öko-Institut unmittelbar aus der Wyhler Bewegung hervorgegangen. Wie das Freiburger Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE (1981) übrigens auch. Es wurde am Oberrhein von Anfang an eben nicht nur Nein zur Atomkraft gesagt, sondern ebenso vehement für machbare Alternativen gestritten. Heute arbeiten 80 Wissenschaftler beim Öko-Institut in Freiburg, Darmstadt und Berlin. Ihre Gutachten genießen nicht nur in der Öko-Szene hohes Ansehen.

Dieter Seifried kümmert sich nun um Klimaschutz-orientierte Energiepolitik vor Ort. "Die regenerativen Energiequellen (teils Solar) müssen besser genutzt werden, ebenso das Einsparen und die rationale Energie-Umwandlung (Kraft-Wärme-Kopplung). Allesamt sind Stiefkinder der städtischen Energiepolitik", kritisiert er.

"Der Geist von Wyhl" hat auch Jürgen Zipf beseelt. Er habe damals in Sulz - da war er 15 Jahre alt - die Energie und Begeisterung der Aktiven gespürt, erzählt er. Sie waren ja an ihrem Äußeren erkennbar, an ihren langen Bärten und der deutlich nachlässigen Kleidung. Als politischer Mensch, wie sich der stille, ernsthafte Mann bezeichnet, habe er bei denen sein Engagement begonnen. Umweltfeste in Lahr, Pfingstradtouren, er sang in der politischen Liedergruppe "Simsegraebsler". "1978/79, da war das meiste vorbei. Aber die Bewegung ging noch viele Jahre weiter. Nach Tschernobyl hat sich sehr viel neu entwickelt."

Es war wohl die Auseinandersetzung mit alternativen Energiekonzepten, die Zipf in Esslingen Heizungs- und Wärmetechnik studieren ließ. Heute lebt der 39-Jährige in Riegel, hat mit anderen das Ingenieurbüro "Econzept Energieplanung" gegründet und kümmert sich um Wasserkraftanlagen und Biomasse-Nutzung. Genauer gesagt: Holzhackschnitzel-Heizanlagen.

"Für was kämpft man eigentlich noch?", hat er sich Anfang der 90er-Jahre mit Axel Mayer vom BUND und anderen aus der südbadischen Bürgerinitiative gefragt. In der "Krone" in Sulzburg haben sie dann eine "Visionärsgruppe" gegründet. Der unaufhaltsame Landschaftsverbrauch vor der Haustür beschäftigt sie.

Von Hamburg nach Freiburg und bewusst zur Bürgerinitiative gegen Kernenergie gestoßen ist 1979 der Physiker Wolfgang Roos. Er hat sich heftig engagiert, ein Infozentrum aufgebaut. "Ich bin Anfang der 70er-Jahre überzeugt worden, dass Atomenergie gefährlich ist, dass es Alternativen dazu gibt. Wie ein roter Faden zieht sich das bei mir durch." Roos hat miterlebt, wie die Freiburger und Wyhler Leute in Wackersdorf und Gorleben mitgemacht haben. Natürlich existiert dieses bundesweite Netzwerk noch, "mit Höhen und Tiefen. Aber ohne den Widerstand hier wäre das bundesweit nicht so entstanden."

Ohne den "Geist von Wyhl" wäre wohl undenkbar: dass Freiburg mittlerweile zum Mekka der bundesdeutschen Solar-Szene geworden ist; dass die Grünen im Stadtparlament nach der CDU die zweitstärkste Fraktion stellen; und dass in dem etwa 50 Kilometer von Freiburg entfernten Ort Schönau die ersten Stromrebellen von sich reden machen.

"Heute ist das Stromnetz in der Hand der Schönauer", freut sich Seifried, "ich hatte damals das Glück, das Energiekonzept zu machen." In Schönau haben die 2500 Einwohner ihrem Stromversorger KWR (Kraftübertragungswerk Rheinfelden) am 1. Juli 1997 das Stromnetz für 6,481 Millionen Mark abgekauft. In einer bundesweiten Kampagne wurden Spenden zusammengetragen und ein Energiefonds aufgelegt. Die "Elektrizitätswerke Schönau GmbH" sind die bundesweit ersten Stadtwerke in den Händen der Anti-Atom-Bewegung.

Um nicht im Trubel der Liberalisierung unterzugehen, verkaufen die Schönauer jetzt bundesweit "sauberen Billigstrom für Gewerbe und Haushalt". 23 Pfennige die Kilowattstunde und garantiert atomfrei.

Die Rheinaue ist heute wieder eine verwunschene Sumpflandschaft, der ehemalige Bauplatz steht jetzt unter Naturschutz. Wyhl (rechts) ist ein armes Dorf geblieben. Die großen Träume vom Wohlstand durch das AKW gingen nicht in Erfüllung. Damals ging ein Riss durch die Familien und Freundschaften. Das Dorf war in Befürworter und Gegner gespalten. Der Bürgermeister stand auf der Seite der AKW-Betreiber.

"Eine faszinierende bunte Mischung quer durch alle Schichten der Bevölkerung ist das damals gewesen."

Noch fechten Atomindustrie und grüner Umweltminister um die Bedingungen des Ausstiegs.

"Ich bin Anfang der 70er-Jahre überzeugt worden, dass Atomenergie gefährlich ist, dass es Alternativen gibt. "