Ein Eimerbagger stieß auf zwei Granitbrocken von mehr als 100 Tonnen Gewicht

In der Elbe liegt Europas größter Findling

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Geologe spricht von "einmaligen Naturdenkmälern" und plädiert dafür, die Steine nicht zu sprengen

Von MATTHIAS REBASCHUS

Das sind die dicksten Brocken hamburgischer Erdgeschichte: Bei Elbvertiefungsarbeiten westlich von Övelgönne wurden die größten Findlinge der Stadt entdeckt - genau querab der Himmelsleiter. Es sind gleich zwei Steine, eng beieinander liegend, in 15,80 Meter Tiefe im Böschungsbereich der Elbe. Die Maße können Taucher vorerst nur schätzen, weil die Brocken vom Bagger nur zum Teil freigelegt wurden.

Mit Umfängen von 15 und elf Metern bei einer Höhe von mindestens vier Metern bringt jeder der Granitbrocken "mindestens 100 Tonnen" auf die Waage. Sie können auch wesentlich schwerer sein, weil sich der Hauptteil, ähnlich einem Eisberg, noch im Mergel verbergen kann. Das erklärte Jörg Oellerich, Sprecher von Strom- und Hafenbau. Als bisher größter hamburgischer Findling galt der 60-Tonnen-Brocken, der im März 1998 beim Bau der vierten Elbtunnelröhre entdeckt worden war.

Am Freitag war die Eimerkette des Elbvertiefungsbaggers hängen geblieben. Der Bagger hat den Grund am so genannten Drehkreis (zwischen Parkhafen und Övelgönne) vertieft, ein Bereich der Elbe, auf dem Schiffe wenden können.

Die Taucher von Strom- und Hafenbau kamen mit dem orangefarbenen, 25 Meter langen Tauchschiff "Düker to". Vicente Schmidt stieg in seine 20 000 Mark teure Tauchermontur ("Kirby Morgan") und begann seinen ersten Tauchgang bei Niedrigwasser, als die Elbe 15,80 Meter tief war.

Er sagt: "Am Gewässergrund konnte ich auch mit einer starken Lampe nur 20 Zentimeter weit sehen. Den Stein musste ich daher mit meinen Händen abtasten. Zuerst dachte ich, dass es ein einziger Stein ist, aber dann spürte ich eine Spalte, die mit Mergel gefüllt ist."

Es stellte sich heraus, dass die beiden Steine "Schulter an Schulter liegen".

Die neuen Super-Brocken, die "irgendwie entfernt werden müssen", wie Bauleiter Bernd Voltmer (52) sagt, stellen nicht nur für die Ingenieure ein interessantes Problem dar. Sie sind auch wissenschaftlich ein Leckerbissen.

"Donnerwetter!", sagt der Geologe Professor Roland Vinx vom Mineralogischen Institut der Hamburger Universität zur Größe der Steine, die von den Tauchern als Granit eingeschätzt werden. "Das ist wirklich eine tolle Sache und ein ganz, ganz seltener Fund."

Granit-Findlinge dieser Größe stammen aus Skandinavien und sind mit dem Inlandeis während einer Eiszeit nach Hamburg gekommen - im Schneckentempo von 700 Metern pro Jahr.

Eines ist sicher: Die Steine stören und müssen beseitigt werden, erklärt Jörg Oellerich. Möglich sind mehrere Varianten der Beseitigung:

[GEFÜLLTER KREIS] Man kann beide Steine sprengen.

[GEFÜLLTER KREIS] Sie können gehoben werden. Ein passendes Gerät ist aber noch nicht im Hafen.

[GEFÜLLTER KREIS] Man kann sie in den Kleiboden sacken lassen, in dem man darum herumbaggert.

Diese Möglichkeiten werden nach den bevorstehenden Tauchgängen von den Ingenieuren bei Strom- und Hafenbau geklärt. "Sprengen wäre schade", sagt Professor Vinx, "die Findlinge müssen eigentlich unbeschadet gehoben werden, weil sie einmalige Naturdenkmäler darstellen." In Norddeutschland lagern nur drei vergleichbar große Findlinge; je einer auf Rügen und in Mecklenburg. Der bekannteste ist der "Giebichenstein" in Nienburg an der Weser.

Dieser Stein hat einen Umfang von 21 Metern, eine Masse von 125 Kubikmetern und ein Gewicht von 330 Tonnen. Benannt ist er nach der Sage vom Zwergenkönig Giebich.

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