Auf Schusters Rappen durch die Lande - Der Wandervorschlag der RundschauDurch die Vogtei Neuland

"Wie eine flache Schale auf dem Wasser"

Hamburgs Umgebung wartet südlich der Elbe mit einer einzigartigen Landschaft auf, die stets auf s Neue überrascht. Am besten erkundet man sie zu Fuß. Anima Berten (Fotos) und Jürgen Fredel (Text) haben für die Rundschau einige reizvolle Wanderungen ausgesucht. Sie dauern zwei bis drei Stunden, das hält fit und bringt ein langes Leben. Also die Stiefel geschnürt, die altgedienten Treter sind die besten, und bringen Sie Muße zum Verweilen mit!

Die von Harburg aus elbaufwärts gelegene Vogtei Neuland, das einstige "Nygeland oder Newe Landt", misst etwa acht mal dreieinhalb Kilometer und ist ringsum von Wasser umgeben: im Norden von der Elbe, im Süden vom Deichgraben und dem Ashauser Mühlenbach, im Westen von der Seeve und im Osten von der Luhe und der Ilmenau. Wenn hier die Tide der Nordsee auf den Elbstrom trifft, entsteht gelegentlich ein kritischer Wasserstand, gegen welchen sich die Vogtei durch Deiche schützt. "Bei hohen Fluten gleicht das Land", so schrieb in den 50er Jahren der Chronist Wilhelm von Se ebach, "einer lang gestreckten, flachen Schale, die auf dem Wasser schwimmt".

Heute stimmt dieses Bild nicht mehr ganz, denn nach der verheerenden Flut von 1962 wurden neue Elbdeiche hochgezogen sowie die Mündungen von Seeve und Ilmenau mit Sperrwerken versehen. Zurzeit wird der Elbdeich erneut erhöht, doch die Vogtei sieht noch immer wie eine Schale aus, nur sitzt sie jetzt auf dem Trockendock. Gäbe es nicht die vielen Bracks, sähe man diesem fruchtbaren Landstrich heute kaum noch an, in welchem Umfa ng er einstmals unter den hohen Wasserständen und Sturmfluten zu leiden hatte.

Dabei scheint das Problem erst nach und nach entstanden zu sein. Ursprünglich war der Tidenhub von der Nordsee aus längst verlaufen, und bevor das Hochwasser die Vogtei überhaupt erreichte, war schon wieder Ebbe. Daher genügten die kleinen Sommerdeiche, die man im 13. und 14. Jahrhundert errichtet hatte, um Häuser, Weide- und Ackerland zu schützen. Offenbar wurde mit dem Deichbau, über den keine Unterlagen existieren, zunäc hst in den Gemarkungen Hoopte und Stöckte begonnen. Später baute man einen Deich von Fliegenberg quer durch die Vogtei zum Achterdeich bei Stelle, und in einer dritten Bauphase wurde der Ring bei Gerden geschlossen. Auf der Karte der Maler Buck und Bockol aus dem Jahre 1569 wird dieser Teil als "Der New Diek" bezeichnet.

Dass sich die Neuländer mit der Eindeichung so viel Zeit nehmen konnten, hatte noch einen anderen Grund. Man muss nämlich wissen, dass die Elbe im ausgehenden Mittelalter nicht, wie h eute, nur durch den Riepenburger Bogen floss, sondern über noch zwei weitere und weitaus breitere Arme verfügte, nämlich über die Gose- und Dove-Elbe. Letztere war sogar der Hauptarm, während der heutige Bogen, auch "de lange Grov" genannt, nach damaliger Aussage "auf einem Brett" überquert werden konnte.

Mit dem Gammer Deich begannen die Probleme

Neulands ernstes Problem mit den Wassermassen begann erst im 15. Jahrhundert. 1420 hatten die Hansestädte Hamburg und Lübeck di e jenseits der Elbe gelegenen Vierlande erworben und sofort mit deren Trockenlegung begonnen. Zunächst deichten sie im Westen Billwerder und Moorwerder ein, 1427 bauten sie den Gammer Deich. Damit waren Gose- und Dove-Elbe gesperrt, und das gesamte Elbwasser floss durch den langen Grov auf Neuland und die übrigen linkselbischen Vogteien zu. Schwere Überflutungen und periodische Deichbrüche waren die Folge.

Nach anhaltenden Protesten der Lüneburgischen zeigten sich die Hansestädte zu Verhandlungen bere it. 1488 trafen sich Abgeordnete aus Hamburg und Lübeck vor Ort, nämlich in "Stockede" (Stöckte), mit der regierenden Landesfürstin Wilhel-mina Dorothee von Braunschweig und Lüneburg und versprachen, den Gammer Deich wieder zu öffnen. In Wirklichkeit geschah aber gar nichts. Danach versuchten die Lüneburgischen mehrmals vergeblich, den Deich bei "Nygen Gammb" gewaltsam einzureißen. Schließlich wandten sie sich an das Reich und den Kaiser, doch erst im Jahre 1619 gab das Reichskammergericht zu Speyer der her zoglichen Seite Recht und verurteilte die Hansestädte, den alten "Haupt-Stromlauf" wieder herzustellen. Und die Hamburger und Lübecker? Sie teilten dem kaiserlichen Gerichtshof mit, er möge sich mit diesem Urteil "den Arsch abwischen, zuvor aber das Siegel entfernen, damit es dort nicht kratze". (Entschuldigung, das sind Zitate!)

Strafexpedition blieb ohne Wirkung

Das reichte. 1620 überquerte Herzog Christian von Braunschweig und Lüneburg mit seinen Soldaten die Elbe und f iel plündernd und brandschatzend über die Vierlande her. Besonders scheint sich dabei das Landaufgebot der Vogtei Nygeland hervorgetan zu haben, welches den Zollenspieker stürmte. Der Schlachtruf ist überliefert: "Haut dod, schlaget dod, alles umbringen, alles dod stechen". Die scheußliche Aktion war nur von kurzer Dauer und brachte den Neuländern auf lange Sicht überhaupt nichts.

Die Elbe fließt noch heute so wie es die Hansestädte einst entschieden hatten, und die Vogtei stand somit weiterhin die me iste Zeit des Jahres unter Wasser. Selbst als der Herzog 1632 einen neuen Deich bauen ließ, der bis zur Seevemündung reichte und nun auch Wuhlenburg und Fliegenberg umfasste, besserte sich die Lage nur unwesentlich. Erst mit dem "Meliorationsprojekt" aus den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts trat eine spürbare Entspannung ein.

Hoffentlich hat diese Schilderung Sie so neugierig gemacht, dass Sie Neuland einmal näher in Augenschein nehmen möchten. Wir schlagen eine reizvolle Wanderung durch den westl ichen Teil vor, der zur Gemeinde Stelle gehört: Die Rundtour führt auf der alten Deichlinie des 17. Jahrhunderts zunächst auf dem Achterdeich am Ashauser Mühlenbach entlang nach Wuhlenburg. An der Elbe geht es dann nach Fliegenberg und abschließend quer durch die Vogtei in Richtung Stelle zurück. Die Strecke ist etwa 11 Kilometer lang und bequem in drei Stunden zu bewältigen.

Sie können die Route beliebig beginnen, doch haben wir als Ausgangspunkt Achterdeich gewählt, und zwar die Kreuzung von Deich u nd Steller Chaussee. Ganz in der Nähe liegt der Bahnhof von Stelle. Mit dem eigenen Fahrzeug erreichen Sie den Punkt entweder von der Elbe her, wenn Sie über Over nach Fliegenberg fahren und dort in die genannte Chaussee abbiegen, oder über die Bundesstraße 4, die in Stelle Harburger Straße heißt. Dort biegen Sie dann nach Fliegenberg ab. Da am Deich selbst wenig Parkraum zur Verfügung steht, bringen Sie ihr Fahrzeug am besten direkt an den Bahngleisen (Penellweg) unter.

Am Achterdeich - Orts- und Str aßennamen sind in Neuland häufig identisch - folgen Sie nun dem Wegweiser "Rundwanderweg Fl/Ro" (Fliegenberg / Rosen-weide) mit Entfernungsangaben. Der schmale Weg ist gut befestigt und verläuft anfangs auf der Deichkrone, senkt sich aber, sobald einige Häuser auftauchen. Gleich das erste ist ein Schleusenhaus aus dem Jahre 1954, an welchem die Gemeinde eine Gedenktafel für einen Neuländer anbringen ließ, der sich um die Entwässerung der Vogtei verdient gemacht hat - ein erster Hinweis auf die Probleme, mit denen die Einwohner zu kämpfen hatten. Der zweite Hinweis folgt wenig später: ein kleines, mit Seerosen bedecktes Brack, hinter dem sich eine Pferdekoppel auftut. Neun solcher Bracks haben wir bis Wuhlenburg gezählt. Zeugen von Naturkatastrophen, stellen sie sich heute als geradezu paradiesisches Idyll dar.

Wenn der Ehlersweg links über eine Brücke nach Stelle zurückführt, heißt unser Weg "Im Vie". Von hier an sollten Sie unbedingt auf der Deichkrone gehen und die asphaltierte Piste unten den vereinz elten Autos und vor allem den Radfahrern überlassen; hier führt nämlich der Radfernweg "Hamburg-Schnackenburg" vorbei. Und nun genießen Sie die prächtige Aussicht zu beiden Seiten des Deiches: Rechts kleine Wäldchen und Bracks, die sich inzwischen in zauberhafte Angelteiche verwandelt haben, dahinter Felder und Weiden. Links der Ashauser Mühlenbach, dahinter Felder, die Vorgeest und ganz im Hintergrund die Geest mit dem Hitzenberg bei Meckelfeld. Vom Rangierbahnhof Maschen ist nur das Dach des Stellwerks si chtbar.

Wildblumen und fette Gräser

Wenn der Deich einen Bogen nach rechts macht, trägt der Weg den Namen "Wuhlenburg". Die Fläche zwischen Deichfuß und Mühlenbach, der bald links in die Seeve münden wird, ist von einer üppigen Vegetation bewachsen, die selbst auf der Deichkrone anzutreffen ist. Sauerampfer gibt es hier, fette Gräser und jede Menge Wildblumen - herrlich! Zur Bachseite ist der Deich übrigens mit soliden Steinpackungen befestigt, die teilweise schon in der M itte des letzten Jahrhunderts eingebaut wurden. Sie hielten selbst der Sturmflut von 1962 stand.

Jetzt erreichen Sie die Häuser von Wuhlenburg. Der große Hof zur Rechten, mit Backsteinfassade aus diesem Jahrhundert, ist der "Vinx Hoff". Er entstand im Jahre 1656, also kurz nach der endgültigen Eindeichung Neulands durch Herzog Christian. Links fließt nun die Seeve, die sich vor dem neuen Schöpfwerk zu einem kleinen See aufstaut, und dann sind wir an der Elbe. Auf unserer Karte von 1569 ist erkennbar, dass das schon 1450 in einem Register erwähnte Wuhlenburg seinerzeit auf einem Werder vor der Seevemündung lag.

Der Hinweis Fl/Ro zeigt nun elbaufwärts, also nach rechts. Der neue Elbdeich ist zwar noch nicht fertig, doch sollte man an Wochenenden, wenn die Bau-maschinen verstummt sind, auf der Deichkrone wandern, denn sie bietet einen unvergleichlichen Blick auf den großen Fluß. Wir erreichen die Ortschaft Rosenweide, ein Name, der beileibe nichts mit Rosen, sondern etwas mit Rossen zu tun hat. Der O rt, auf unserer historischen Karte noch nicht verzeichnet, wird erstmals 1676 erwähnt und wird wohl eine Pferdeweide innerhalb des neuen Deichrings gewesen sein.

Sie passieren erst Klein-, dann Groß-Rosenweide und biegen am Ende, auf der Höhe des Gasthauses Timmann, rechts nach Fliegenberg ab. Rechts liegt der Hof von Peter Reyners aus demJahre 1733. Die Straße heißt zunächst noch "Rosenweide", doch am Ortseingang von Fliegenberg heißt sie wie? Richtig: "Fliegenberg".

Sie gehen nun an der kleine n Kapelle mit patiniertem Dach und einer großen Uhr vorbei und biegen in Höhe eines Gasthauses rechts in den "Inselmannsweg" hinein. Nach wenigen Metern führt der Wirtschatfsweg durch die fruchtbaren Felder Neulands. Hinter den Wettern kommt von rechts ein Weg hinzu, gleich dahinter müssen Sie bei der nächsten Möglichkeit links gehen. Ein kleiner Schwenk, und dann erreichen Sie die Steller Chaussee, die nach Stelle zurückführt.

Auf der Chaussee müssen Sie den kombinierten Rad- und Fußweg auf der linke n Seite benutzen. Die Endetappe ist nicht sonderlich attraktiv. Auch eine Schutzhütte sowie zwei Zugänge zum "großen" und "kleinen Brack", vermutlich ein Relikt aus der zweiten Eindeichungsphase Neulands im Mittelalter, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Sie die restlichen zwei Kilometer möglichst schnell an der Kreisstraße entlang zum Ausgangspunkt zurückkehren sollten. Dann aber fahren Sie vielleicht zurück zum Elbdeich nach Fliegenberg, wo einige Restaurants auf Sie warten. Die kulinarische Spezia lität ist Fisch, den man hier einst mit einer simplen Reuse einfangen konnte.

Die Wanderung ist bestens ausgeschildert - wenig Möglichkeit, sich zu verlaufen.

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