Szenische Dokumentation mit einer Besetzung, von der mancher Regisseur träumt

Genie und Wahnsinn

Biographie: Dr. Robert Schumann, Teufelsromantiker. Arte, 21.50 Uhr Was außer der Musik von Robert Schumann die Zeit überdauerte, ist die Geschichte einer großen Liebe: Der Jurastudent nahm Klavierstunden bei Friedrich Wieck und verliebte sich in dessen Tochter Clara, die schon in jungen Jahren als Pianistin Furore machte. Gegen den Widerstand des Vaters setzte Schumann schließlich sein Recht auf Heirat durch. Eine wunderbare Lovestory aus dem 19. Jahrhundert.

Doch das war es nicht, was Christine Soetbeer, H.-J. Ortheil (Buch) und Ernst-Günter Seibt (Regie) in ihrer Filmbiographie in den Vordergrund stellen wollten. "Dem Genie Schumann wird man nicht gerecht, wenn man nur seinen Lebenslauf vermittelt", sagt Christine Soetbeer. "Wir wollten nicht verstandesmäßig an Schumann herangehen, sondern durch seine Musik und die Bewegung der Romantik, die ihn umgetrieben hat. Wenn das in die Seele der Zuschauer eindringt, dann haben wir schon etwas erreicht."

"Dr. Robert Schumann, Teufelsromantiker" heißt ihre szenische Dokumentation, die Schumann von den wilden Studentenjahren in Heidelberg bis zu seinem wahnsinnsumwobenen Ende in der Heilanstalt Bonn-Endenich begleitet. Schon mit 14 Jahren hatte Schumann befürchtet, er würde irgendwann wahnsinnig werden. Syphilis, ein quälender Ton im Ohr, innere Vereisung trieben ihn tatsächlich in den Wahn. Bis dahin hatte er ein Leben voller Höhen und Tiefen ausgeschöpft. Das ungestüme Genie, sein Scheitern als Klaviervirtuose (durch die selbstverschuldete Lähmung der rechten Hand), seine Anerkennung als Musikkritiker und Herausgeber einer der bedeutendsten Musikzeitschriften seiner Zeit, sein Erfolg als Komponist - all diese Lebensstationen werden überschattet von den beginnenden Wahnvorstellungen. Er wurde nur 46 Jahre alt.

"Schumann darf man nicht kopflastig und mit Wissenschaft aufschlüsseln", sagt Christine Soetbeer. "Kunst und Natur gehen hier eine Kommunion ein." Im Dreier-Team mit Ortheil und Seibt hat sie bereits den Lebensläufen der Dichter Ezra Pound und Georg Heym nachgespürt.

Diesmal stand die Romantik im Vordergrund. Das Lebensgefühl der Künstler im 19. Jahrhundert mit all seinen intellektuellen und dichterischen Auswüchsen findet in der Biographie des Musikers seinen Widerhall. Dialoge in einer expressiven Sprache - zum Teil aus den Schumann-Tagebüchern entlehnt - , als stamme sie direkt aus antiquarischer Literatur. Bilder in warmen Brauntönen und ungewöhnlichen Perspektiven, Atmosphäre malerisch und spannend eingefangen. Das Porträt Schumanns vielschichtig und zerrissen, durchsetzt mit Visionen in elementaren Wald- und Eislandschaften. Er hat seinen Faust verinnerlicht, dieser Schumann. Zwei Seelen wohnen, ach, in seiner Brust . . . Im Zwiegespräch mit sich selbst setzt er sich mit seinem alter ego auseinander.

Diese ausdrucksstarke, ungewöhnliche Darstellung einer Lebensgeschichte hatte Folgen: Ernst-Günter Seibt und Christine Soetbeer, beide in Hamburg ansässig, sind - wie sie sagen - sehr theaterinteressiert. Die Besetzungsliste ihres Low-Budget-Films (Produktionskosten: 1,5 Millionen Mark) liest sich denn auch wie ein Who-is-who der Hamburger Theaterszene - und darüber hinaus.

Den Schumann spielt Michael Maertens, ein Shooting-Star der jüngeren Generation. Doch auch die etablierten, die renommierten Künstler ließen sich nicht lange bitten, nachdem sie das Drehbuch gelesen hatten - begeistert, daß dieses Projekt ihnen mehr bot als den üblichen TV-Small-talk.

Als Rezitator spricht Will Quadflieg den Prolog; ein Diener tauscht ein paar lapidare Sätze mit Schumann - es ist Walter Schmiedinger; als Maske taucht Mathias Fuchs auf; Wolf-Dietrich Sprenger gibt dem Vater Wieck eifersüchtig engstirnige Kontur; Hans Christian Rudolph und Christoph Bantzer liefern sich als - frei erfundene - Kumpane eines Musik- und Literaturzirkels amüsant geistreiche Dispute, in denen auch Schumanns Klavierkonzerte ihr Fett wegkriegen; Ulrich Wildgruber sitzt beim Zivilprozeß von Vater Wieck gegen Brautwerber Schumann kurz zu Gericht.

"Es ging wie eine Buschtrommel rum", freuen sich die Filmemacher. Jeder wollte bei ihrem Projekt mitmachen. BRIGITTE EHRICH

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