"Joschka" als Zielscheibe der Wut

Handgreiflichkeiten, Pöbeleien, Pfeifkonzerte: Für Bodyguards wurde der Grünen-Parteitag zum Ernstfall.

Gerade noch hat Joschka Fischer mit ausdrucksloser Miene das Getöse auf dem Sonderparteitag der Grünen zum Kosovo verfolgt, ungerührt den Lärm der Trillerpfeifen und die "Mörder, Mörder"-Rufe über sich ergehen lassen, da schreit er plötzlich laut auf. Entsetzt schaut der Bundesaußenminister drein, greift sich konsterniert ans Ohr. Von seinem Hals tropft rote Farbe auf den edlen Anzug. Vor dem Podium ist augenblicklich Tumult. Sicherheitsbeamte überwältigen einen Mann. Der hat mit voller Wucht und Wut Fischer einen Farbbeutel an den Hals geklatscht, so seinem Protest gegen die NATO-Angriffe auf Jugoslawien handgreiflich Ausdruck verliehen. Die Bodyguards führen den Täter ab.

Später muß sich Fischer, einst selber ein Sponti und Steinewerfer, ärztlich behandeln lassen. Nicht nur Farbe ist in seinen Gehörgang eingedrungen, auch Buttersäure, der Stoff, aus dem Stinkbomben sind. Ein übler Geruch weht durch die Halle. Fischers erstarrter Gesichtsausdruck zeigt, daß dieser Protest auch ein Treffer ins Herz des ersten Grünen-Außenministers ist.

Massiver Polizeischutz

Die Meldung macht die Runde, dem Außenminister sei das Trommelfell geplatzt. Bisweilen schlägt Fischer von den Rängen und aus den Reihen der Störtrupps in der "Seidensticker-Halle" blanker Haß entgegen von den aufgebrachten Gegnern der NATO-Schläge gegen den Serben-Diktator Slobodan Milosevic. Ein Großteil derer, die stören, sind keine Delegierten, sondern als "Gäste" nach Bielefeld zum Parteitag gekommen.

"Ich hätte mir nicht träumen lassen, daß wir einen Parteitag unter Polizeischutz abhalten müssen", ruft Fischer zu Beginn seiner Rede voller Bitterkeit in den Saal. Als er zu Wort kommt, tagen die Grünen bereits seit drei Stunden. Rund 1500 Polizisten hatten am frühen Morgen die Halle weiträumig abgeriegelt, um Störer und Demonstranten fernzuhalten. Die Protestler versuchten, den Spieß umzudrehen und den Delegierten den Zugang zur Halle zu versperren. Vor den Absperrgittern herrschte hochaggressive Stimmung. Den Parteinamen "Bündnis 90/Die Grünen" hatten die Autoren eines Flugblattes in "Bomber 90/Die Kriegstreiber" verändert.

Als Oswald Metzger, der grüne Haushaltsexperte ankommt, fliegt eine Flasche an seinem Kopf vorbei. "Ich will meine Wählerstimme wiederhaben", steht auf einem Transparent. "Früher braun, heute rot und grün", skandieren einige. Etliche Grüne wollen unter den Demonstranten viele Anhänger von PDS und DKP gesichtet haben, dazu etliche Autonome. Metzger stöhnt, einen solchen Polizeischutz habe er bisher "nur bei einer NPD-Veranstaltung in Tuttlingen erlebt".

Etliche fast vergessene, aber in der Gründungsphase der Partei prominente Grüne kommen erstmals seit langer Zeit wieder zu einer Delegiertenkonferenz. Der Hamburger Thomas Ebermann, GAL-Mitgründer, ist zum erstenmal seit zehn Jahren dabei. "Der Koalitionsfrieden ist wichtiger als der Kosovo-Frieden", sagt der Altlinke, ohne daß erkennbar wird, ob er seinen Spruch ernst oder ironisch meint. Auch Jutta Ditfurth ist dabei. Die friedensbewegte Fundamentalistin knurrt gallig: "Hier wird von Leuten entschieden, die von der Gründungsidee weit entfernt sind und sich nur noch um ihren Job kümmern." Sie wolle jetzt sehen, "wie die letzten Tage der Grünen verlaufen".

Die Grünen stehen an einem Wendepunkt. Als Friedensbewegung sind sie gestartet, von starken pazifistischen Strömungen sind sie durchsetzt. Und nun müssen ausgerechnet Grüne in der Regierung den ersten Kriegseinsatz deutscher Soldaten seit dem Zweiten Weltkrieg mitverantworten. Das zwingt die Partei in eine Zerreißprobe. Die Wut der Regierungskritiker ist auf Joschka Fischer focussiert, der als Außenminister den Kurs der NATO nicht nur mitträgt, sondern uneingeschränkt verteidigt und nicht gewillt ist, auf dem Parteitag zurückzurudern.

In der Seidensticker-Halle ist eine aufgepeitschte Stimmung, als Fischer pünktlich zum "Kriegsparteitag" erscheint. Seine erbitterten Gegner haben zumindest akustisch die Überlegenheit im Saal. Sie pfeifen, johlen, werfen Fischer Beleidigungen an den Kopf. Nicht nur des Außenministers politisches Schicksal steht in Bielefeld auf dem Spiel, sondern auch der Bestand der rot-grünen Koalition.

Aufgepeitschte Stimmung

Werden die Delegierten ihrem schwer in die innerparteiliche Kritik geratenen Star den Rücken stärken? Oder werden sie sich so kompromißlos, wie es der linke, pazifistische Flügel fordert, gegen den Kurs der NATO und der Regierung Schröder wenden, daß der Bruch der rot-grünen Koalition die logische Folge wäre? Kaum einer der führenden Grünen wagt am Morgen eine Prognose. Die Finanzexpertin Christine Scheel erklärt immerhin, sie glaube, daß die meisten Delegierten verstanden hätten, daß "man mit einem linken Beschluß Milosevic stärken würde". Sicher ist das nicht. Der "Babelsberger Kreis", Sammelbecken der Linken, hatte am Vorabend bei einem Treffen in Hagen noch die Diskussion über gemäßigte Anträge verweigert und nur den Worten der "Kriegsgegner" lauschen wollen.

Antje Radcke, die dem linken Parteiflügel zugerechnete Bundesvorstandssprecherin, macht gestern früh den Auftakt zu dem Redemarathon, der sich bis in den Abend ziehen sollte. Die Hamburgerin versucht die aggressive Stimmung im Saal nicht weiter aufzuputschen. Sie berichtet von ihrer eigenen "Zerrissenheit" und wirbt in vorsichtigen Worten für den Leitantrag des Bundesvorstandes. Auch darin wird für eine Feuerpause plädiert. Doch das Papier ist so geschmeidig formuliert, daß es den Aktionsradius der grünen Regierungspolitiker nicht wirklich einengen würde. Radcke dringt mit ihrer rhetorisch eher schwachen Rede kaum durch. Vor dem Podium kommt es erneut zu Handgreiflichkeiten. Sicherheitsbeamte überwältigen einen älteren Mann, in dessen Rucksack sie Farbbeutel vermutet hatten. Fehlalarm.

Giftiger Konter

Nach Radcke spricht sich Angelika Beer für den Kurs der Regierung aus. Früher machte die verteidigungspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion mit Attacken gegen die NATO von sich reden. Nun verteidigt sie deren Politik, obwohl sie eine völkerrechtliche Grundlage für deren Luftangriffe vermißt.

Alle warten auf Fischer. Als der Außenminister zum Podium geht, steigert sich der Geräuschpegel zum Orkan. Nun machen die Störer richtig mobil, beschimpfen Fischer als "Mörder". Der kontert giftig: "Hier ist ein Kriegstreiber. Und den Milosevic schlagt ihr bald für den Friedensnobelpreis vor." Der Redner hat Mühe, sich Gehör zu verschaffen. Leidenschaftlich wirbt er für seine Politik. Weit weist er den Vorwurf von sich, es sei auf diplomatischem Wege nicht alles versucht worden, um Milosevic zum Einlenken zu bewegen. "Ich war bei Milosevic, habe zweieinhalb Stunden mit ihm diskutiert, habe ihn angefleht." Es sei vergebens gewesen. Unten in der Halle verfolgt Fischers junge Ehefrau aufgeregt die Rede. Oben argumentiert ihr Mann, den Krieg gebe es auch nicht erst seit 51 Tagen, seit dem Beginn der NATO-Luftangriffe, sondern seit 1992.

Der Minister schlägt den Bogen von den Greueln in Bosnien bis zum Kosovo und zählt auf: 18 Waffenstillstandsabkommen habe es gegeben seit 1993, dazu 93 UNO-Resolutionen. Das alles habe Milosevic nicht gestoppt. "Geht doch mal mit eurem Pazifismus in die Flüchtlingslager", ruft er seinen Gegnern zu, die unverdrossen gegen ihn lärmen.

Deutlich läßt der Minister durchblicken, daß er nicht jeden Parteitagsbeschluß akzeptieren will. Ist es eine versteckte Rücktrittsdrohung? Viele verstehen seine Worte so. Fischer schöpft seine Redezeit nicht aus. Seine Anhänger klatschen gegen seine Gegner an. Welche Seite akustisch stärker ist, läßt sich schwer sagen.

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