Die neue deutsche Lesbarkeit

Ein Autor neuen Typs experimentiert mit neuen Literaturformen. Wie Matthias Politycki sich das Internet zur Romanwerkstatt gemacht hat und eine Hamburgerin seine Hauptfigur wurde.

Manchmal entläßt auch das Internet seine Kinder: Dann flanieren Maike Schiller (23), und Matthias Politycki (44) über die Reeperbahn und gehen irgendwo auf St. Pauli ein Bier trinken. Maike Schiller ist extrovertiert und lacht oft. Sie fällt sofort auf, natürlich auch, weil sie ziemlich rasant aussieht und gern große Hüte trägt. Wäre Matthias Politycki Schauspieler, ginge er in einer Fernsehserie wohl als ewig jugendlicher Oberarzt durch, den die Frauen wegen seiner Seelenruhe lieben.

Aber Politycki ist mittlerweile als Autor und Essayist erfolgreich und schreibt lieber Romane, in denen er von den Schwierigkeiten zwischen Männern und Frauen erzählt. Sein "Weiberroman" wurde 1997 ein von Kritik und Lesern vielgelobter Bestseller. Seine Lesung im überfüllten Literaturhaus am Schwanenwik mußten viele Zuhörer im Stehen verfolgen.

Seit 1998 publiziert Politycki die Vorarbeiten des "Weiberroman"-Nachfolgewerks als "Novel in Progress". "Marietta" heißt das Projekt auf der ZDF-Aspekte-Homepage (http://novel.zdf.de). Dort werden die amourösen Verwicklungen des Weiberroman-Helden Gregor Schattschneider mit jener zuckersüßen Marietta geschildert.

Marietta im Internet ist eine Art Romanbaustelle. "Schnipsel" nennt der Autor die Sätze und Szenen, die er dort vorstellt. Und über diese Baustelle hat er Maike Schiller kennengelernt, eine junge Schauspielerin, die noch am Beginn ihrer Karriere steht. Denn Maike Schiller wurde in einem "Weiberausschreiben" von den Politycki-Fans per E-Mail-Abstimmung zur weiblichen Hauptfigur Marietta gekürt: "Da muß ich erst mal gucken, ob ich heute abend Zeit hab'!" gibt sie sich am Telefon in einem Zehn-Sekunden-Clip gegenüber Gregor Schattschneider vielgefragt. Um kurz mit den Armen durch die Luft zu rudern - und seine Einladung dann anzunehmen: "Ja, Sie haben Glück. Heute abend bin ich frei!"

Das ZDF hatte zu Beginn der Aktion elf Filme mit Marietta-Bewerberinnen zur Auswahl ins Netz gestellt. Alle waren an Schauspielschulen gedreht worden. "Gab es das eigentlich schon mal, daß ein Autor seiner Hauptfigur begegnet, ehe er eine Zeile des dazugehörigen Romans geschrieben hat?" befragt Autor Politycki amüsiert die Literaturgeschichte. Und die Schauspielerin, die 1998 ihre dreijährige Ausbildung am Hamburger Schauspielstudio Frese beendete, ergänzt: "Gab es das schon mal, daß eine junge Schauspielerin ihre erste Rolle im Internet spielt?"

Was die beiden während der Dreharbeiten zu einem fünfminütigen ZDF-Aspekte-Film in München und Feldafing erlebten, sozusagen eine kleine Vorschau zum entstehenden Roman, kann man sich im Internet ansehen. Mit einer einführenden, drehbuchähnlichen Gliederung skizziert Politycki dort das Projekt und liefert regelmäßig Kapitel an. Anregungen sind erwünscht, es existieren Foren, in denen Insider die fertiggestellten Kapitel diskutieren - und in einem Parallelforum per E-Mail auch eigene Ideen abliefern können. "Wir wollten mit neuen Literaturformen experimentieren, bei denen man dem Autor über die Schulter schauen kann", begründet der zuständige Redakteur Gerald Gieseke die Internet-Präsens des Fernsehkulturmagazins, das sowohl Matthias Politycki als auch Maike Schiller unbekanntes Terrain eröffnete.

Da beide in Hamburg leben, Politycki als Neu-Hamburger seit 1992 in Eppendorf, Maike Schiller in Hohenfelde, gehen sie jetzt hin und wieder aus, irgendwo ein Bier trinken. Politycki, der am Rande Münchens aufwuchs, dort und in Wien studierte und noch ein Appartement in Schwabing besitzt, schwärmt dann von der modischen Eleganz der Frauen an der Isar und dem südlichen Flair, das sie umgebe. Maike Schiller hingegen, als gebürtige Hambugerin ganz Patriotin, verteidigt das kühle Understatement ihrer Geschlechtsgenossinnen an der Elbe, die auch ohne Dirndl gut leben können. Gegenüber den München-Ovationen des smarten Politycki zeigt sie vielsagend Nachsicht: "Der ist ja nicht unangenehm süddeutsch!" Und ein modisches Accessoire aus Hohenfelde wird sogar Literaturgeschichte schreiben. Denn seine Münchner Lebedame Marietta kann sich Politycki gar nicht mehr ohne Kopfschmuck vorstellen: "Maike brachte zufällig einen rosa Strohhut zu den Dreharbeiten mit. Der hat sich dann beim Schreibprozeß verselbständigt. Ich schwöre, keinen Gedanken hätte ich jemals an einen rosa Strohhut verschwendet!"

Matthias Politycki, der Shootingstar der deutschen Literaturszene, ist ein Autor neuen Typs. Mit dem "Armen Poeten", jenem in seiner verregneten Kammer bibbernden Hungerleider von Carl Spitzweg, verbindet ihn gar nichts: "Während ich früher nur eine Schreibmaschine brauchte, benötigt man ja inzwischen mehrere Telefone, Fax, Computer, Drucker und Kopierer. Ich sag' das mal etwas plakativ: Das ist ein Dienstleistungsgewerbe." Und Klappern gehört, auch das weiß Politycki, zum Handwerk. Denn immerhin mußte sich der "Weiberroman" 1997 gegen 7788 Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt durchsetzen. Das Internet kommt Politycki da als neues Marketinginstrument gerade recht.

"Literatur muß sein wie Rockmusik!" fordert der Autor öffentlichkeitswirksam mit T.C. Boyle. "Lesen soll Spaß machen", proklamiert er in Essays und Podiumsdiskussionen unablässig die "neue deutsche Lesbarkeit" und will dabei die tonangebenden Heroen der deutschsprachigen Literatur vom Sockel stürzen: "Die literarische Zwangsaufklärung der 68er Kultur, gestartet als fulminante Publikumsbeschimpfung, verkümmert zur langwierigen Erkundung von Bleistiften, hat sich totgelaufen." Sein Lieblingsfeind ist Peter Handke, dem er gönnerhaft empfiehlt, erst mal sein Handwerk zu erlernen.

Politycki gilt als Experte für "generationstypisches Erwachsenenwerden", als bekanntester Vertreter der sogenannten 78er. Die hatte Reinhard Mohr 1992 in seinem Buch "Zaungäste - Die Generation, die nach der Revolte kam" aus der Taufe gehoben. 78er - das sind die heute etwa 39- bis 46jährigen, die für die revolutionären Posen der 68er zu jung waren - und für die windschnittigen Karrierepläne der jetzigen 89er-Generation schon wieder zu alt: eine "historisch überflüssige Zwischengeneration". Unter einem 78er, so etwa die Quintessenz von Mohr, hat man sich jemanden vorzustellen, der nach 30 Semestern Germanistik im Windschatten der 68er-Kultur keinen Job findet. Weil die interessanten Stellen in den Medien und der Kultur längst von arrivierten Ex-Revolutionären besetzt sind. Und der nun jammernd als Taxifahrer frischdiplomierte Jungmanager zum Flughafen kutschiert, die während der Fahrt per Handy fröhlich ihre Deals klarmachen.

"Holla!" erinnert sich Politycki an seine damalige Lektüre der "Zaungäste". "Meint der mich? Und wenn ja, ist mein irdisches Streben als Mitglied einer ,historisch überflüssigen Zwischengeneration dann von vornherein zum Scheitern verurteilt?" Politycki hatte zuvor schon experimentelle Prosa und schwerverkäufliche Lyrikbändchen veröffentlicht, die allesamt nicht eben wie Rockmusik daherkamen. "AusFälle - Zerlegung des Regenbogens" (1987), war so ein 500-Seiten-Projekt. Dessen versammelte Leserschaft fände im kleinsten Hamburger Musikclub ausreichend Platz. Durch Reinhard Mohrs "Zaungäste" ist Politycki dann endlich auf sein Lebensthema gestoßen. "Spät kommt ihr, doch ihr kommt. Der weite Weg entschuldigt euer Säumen!" bemüht der promovierte Germanist Politycki den Kollegen Friedrich Schiller - und erklärt den kulturellen Dauerschlaf der 78er seit Mitte der 90er Jahre für beendet: "Die 78er sind da!" frohlockt er. Und führt als Beweis seine mittlerweile ebenfalls erfolgreich schreibenden Altersgenossen an: Andreas Mand etwa, Burkhard Spinnen, Dagmar Leupold, Ralf Rothmann oder Matthias Altenburg, die zu ihrer eigenen literarischen Form, der Sprache ihrer Generation, gefunden hätten.

Und die Probe aufs Exempel macht Politycki nun mit Gregor Schattschneider, dem sympathisch-ambitionslos durch die 70er und 80er Jahre stolpernden Loser des "Weiberromans". Der biß sich dort nacheinander an Kristina, Tania und Katarina die Zähne aus, seine studentischen Anstrengungen scheiterten eher nebenbei. Ein prototypischer 78er aus dem Polityckischen Generationsmodell. Und folglich findet sich Schattschneider dann als "ein Mann von 40 Jahren" in der Marietta-Buchversion in den 90ern wieder - inmitten von Tamagotschis, Hip Hop, E-Mails und Viagra. Und faßt, als schon nicht mehr ganz junger Hüpfer, auch beruflich endlich Fuß. Als vielgefragter Autor von Klappentexten nämlich, für renommierte Literaturverlage.

Jetzt hat Politycki die Roman-Vorarbeiten im Internet abgeschlossen, seine eigentliche Arbeit beginnt, die Niederschrift, das Feilen an den Sätzen. Im Unterschied zu vielen anderen Autoren, die nur noch am Computer arbeiten, findet die erste Phase der Textproduktion bei Politycki traditionell statt. "Als ich 17 war, habe ich einen Nachkriegsfüller gefunden, einen Lamy. Mit dem schreibe ich seither alle literarischen Texte. Die Hand gibt den Sätzen die Struktur, den Atem."

Und mit so einem typischen, kunstvoll gedrechselten Satzgefüge geht's auch los in seinem Marietta-Roman: "Namen gibt's, die sind fatal, sind unberechenbar und stolz und schlank, sind voll von Eigensinn und Willen. Wohl aber werden Sie auch zugestehen, daß es bloß einen einz'gen Namen gibt, in dem die Schneekristalle glitzern - obwohl's ja längst septembert und die Sonne sticht -, einen einz'gen Namen, den keiner je verstand, versteht, verstehen wird, so leicht hüpft er von einem Seelenrand zum anderen: Marietta."

Wird Gregor Schattschneider aber auch privat bei Marietta endlich mehr Erfolg haben als bei Kristina, Tania oder Katarina? Das diskutieren auch die Politycki-Leser im Internet leidenschaftlich. "Vielleicht können die Fans den Autor ja doch noch zu einem Happy-End bewegen", macht der Aspekte-Redakteur Gieske den Marietta-Surfern Mut. Aber Autor Matthias Politycki gibt diesen Hoffnungen einen Dämpfer: "Die Geschichte zwischen Gregor und Marietta geht aus wie alle Liebesgeschichten, die man Lust hat zu schreiben. Nämlich schlecht!"

Auch Maike Schiller, die schauspielernde online-Marietta, verfolgt regelmäßig im Internet die Entwicklung von Gregor Schattschneider. Der zu Ehren gekommene rosafarbene Strohhut steht wieder zu Hause auf ihrer Kommode in Hohenfelde. Momentan allerdings hat sie keine Zeit für Marietta. Denn sie spielt jetzt Theater. Hat gerade ihre Hamburger Feuertaufe als Schauspielerin bestanden: Im Theater in der Basilika in Ottensen spielt sie die junge Lessly in der amerikanischen Tragikomödie "The House of Yes" von Wendy McLeod. Sie wird dort von ihrem Verlobten am traditionellen Familienfest Thanksgiving in seine völlig zerrüttete Sippe eingeführt und erlebt dabei eine böse Überraschung.

Nach einem "Rapunzel"-Kinderstückgastspiel am Mecklenburgischen Landestheater Parchim und diversen Synchronarbeiten für Fernsehprojekte ist die "Lessly" Maike Schillers erste große Herausforderung nach der Schauspielschule. Ihr steht der steinige Weg bis zum künstlerischen Durchbruch noch bevor, der Politycki mit dem "Weiberroman" schon geglückt ist. Nach der Basilika-Produktion beginnt für sie die Zeit des Vorsprechens an den Theatern der Republik. Von Rollen am Thalia Theater, das in ihr bereits als Kind die Theaterbegeisterung entflammte, wagt sie derzeit nur zu träumen.

Doch auch Matthias Politycki wird sich möglicherweise noch mal warm anziehen müssen, wenn der Nachfolger des "Weiberromans" im Jahre 2000 erscheint. Durch seine Omnipräsenz als Motor der 78er-Bewegung und die Euphorie über den "Weiberroman" sind die Erwartungen hoch gesteckt. Bei den Lesern und im Feuilleton. Immerhin kann er sich glücklich schätzen, kein Musiker zu sein: Würde man ihn mit seinen 44 Jahren doch längst einen Altrocker schimpfen, geht er in Deutschland in der gemächlicheren Welt des Literaturbetriebs locker noch als Jungautor durch.