Amtsrichter beschimpfte Schwarzfahrer mit Kraftausdrücken

"Sie sind der Abschaum"

Von ANDREAS BURGMAYER Karl-Heinz M. ist ein Mann der Sorte "alles ganz egal". Was er verlieren konnte, hat er verloren. Den Job, ein geregeltes Leben und ein intaktes Umfeld. Und da er mit 43 Jahren nun ganz unten angekommen war, konnte er ja genausogut auf dem S-Bahnhof Reeperbahn herumlungern und ein paar Bier trinken. Da traf er Freunde und Freundinnen, die genauso dachten. Wenn das Bier alle war, ging's ohne Fahrschein mit der S-Bahn irgendwohin zum Schlafen.

"Ich weiß schon, wie das da abläuft: Da wird gesoffen, rumgerülpst, und Passanten werden angepöbelt", faucht Richter Harm Beyer am Freitag morgen über den Richtertisch im Saal 160 des Strafjustizgebäudes. Vor ihm am Tisch ein kleiner dunkelhaariger, aufgedunsener Angeklagter. Sein knolliges Gesicht mit den verkniffenen Augen und der großporigen Haut verrät den Absturz auf die Straße: Karl-Heinz M. Der Richter hat ihn gerade auf 16 Monate ohne Bewährung verdonnert. Was Karl-Heinz M. auf dem Kerbholz hat, spricht für sein Ganz-egal-Prinzip: insgesamt 117 Anzeigen, 65 wegen Hausfriedensbruchs und 52 wegen Schwarzfahrens.

Vor Gericht gibt M. keine gute Figur ab. Er gesteht alles und noch mehr. Daß er Alkohol ganz gerne möge, es mal mit einer Freundin vor dem Fahrkartenautomaten getrieben habe, und er zitiert aus einem Brief an einen Freund: "Weißt du, ich bin doch ziemlich blöd, daß ich mich immer so einfach von der Schmiere erwischen lasse."

All diese Aussagen bringen Richter Beyer in Rage. Der Vorsitzende wird laut, bekommt einen roten Kopf. "Hausverbote scheren Sie einen feuchten Kehricht", sagt er in der Urteilsbegründung. Es sei eine schreckliche Welt, in der er, der Angeklagte, lebe. Eine "Welt voller Dreck", in der Karl-Heinz M. irgendwann "umkommen" werde. Dann wird Beyer gegenüber dem Angeklagten noch deutlicher und schimpft: "Der Öffentlichkeit können wir jemanden wie Sie nicht länger zumuten. Sie sind der Abschaum aus diesem Dreck." Die Staatsanwältin lächelt belustigt, doch unter den Beobachtern des Prozesses müssen einige trocken schlucken.

Karl-Heinz M. hat seine Schuld eingestanden. Richter Beyer ist für seine Versuche bekannt, Angeklagte mit markigen Worten zu beeindrucken. Ob beleidigende Worte wie "Abschaum" dazu angebracht sind, ist fraglich. Auf den Gerichtsgängen wurde nach der Verhandlung heiß diskutiert. Der Tenor: Der Richter habe sich schwer im Ton vergriffen.

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