Die Frau, die Helmut Kohl den Wahlkreis abnehmen will

Wende in Oggersheim?

Von JUTTA WITTE Ludwigshafen - "Wunder gibt es immer wieder", intonieren die Lautsprecher des Süd-West-Stadions in Ludwigshafen, wo an diesem Abend das Pokalspiel 1. FC Kaiserslautern gegen VfB Stuttgart stattfindet. "Wie läuft der Wahlkampf?" fragen viele die Frau mit dem adretten Kurzhaarschnitt. Doris Barnett ist nicht nur im selben Ludwigshafener Stadtteil geboren wie Helmut Kohl und wohnt wie der Kanzler in Oggersheim - die 45jährige SPD-Politikerin möchte ihm bei der Bundestagswahl auch den Wahlkreis abnehmen.

"Ich gehe gerne mal zu solchen Spielen", gesteht Kohls Gegenkandidatin, nachdem sie sich sorgfältig auf ihren roten Regenmantel gesetzt hat. Sportlicher Ehrgeiz habe sie auch im Wahlkampf gepackt, sagt die ehemalige Florettfechterin. Barnetts Chancen stehen gut: 3536 Stimmen mehr - und sie hätte Kohl schon vor vier Jahren eingeholt. Der Kanzler eroberte den traditionellen SPD-Wahlkreis 1990 erstmals für die CDU und konnte ihn vier Jahre später verteidigen. Doch damals war Barnett noch ein politisch unbeschriebenes Blatt. Mittlerweile hat sich die Bundestagsabgeordnete - sie kam 1994 über die SPD-Landesliste ins Parlament - in Ludwigshafen einen Namen gemacht.

Barnett steht in der Industriestadt für einen im besten Sinne traditionellen Politikstil: "Doris verkörpert eine Bodenständigkeit, die in der Politik heute nicht mehr zu finden ist", sagt ihr Berater Marc Ellenbogen, der schon Bill Clinton im Wahlkampf unterstützt hat. Die Politikerin setzt auf enge Tuchfühlung zu den Bürgern - vom Seniorenwohnheim bis zum Chemieriesen BASF, dem größten Arbeitgeber in der Umgebung. Es gehe ihr nicht nur um hehre politische Ziele, betont die Juristin. "Die Bonner Absprachen müssen hier vor Ort umgesetzt werden."

Ihr Gegenkandidat beehrt den heimatlichen Wahlkreis dagegen eher selten mit seiner Anwesenheit. "Das ist wie Schattenboxen", beschreibt Barnett die Situation gerne. Der Kanzler könne schließlich nicht zu jedem Kaninchenzüchterverein gehen, nimmt der Kreisgeschäftsführer der hiesigen CDU, Norbert Benning, Kohl in Schutz: "Die Wähler von Ludwigshafen wissen, daß der Kanzler für sie da ist."

In der SPD-Stadt Ludwigshafen jedoch ist die Wendestimmung überall spürbar. Bei den Arbeitnehmern genieße die Expertin für Arbeits- und Sozialpolitik hohes Ansehen, sagt Robert Oswald, Betriebsratsmitglied bei der BASF. Barnett kommt nicht nur bei der eigenen Klientel gut an. Auch der Mittelstand hält mit seiner Kritik an der Bundesregierung nicht hinter dem Berg. "Leistung wird in Deutschland bestraft", klagt der Geschäftsführer einer Baufirma mit Blick auf die Bonner Steuerpolitik.

Falls die Mutter eines 18jährigen Sohnes den Wahlkreis für die SPD zurückgewinnen kann, hofft sie auf positive Impulse für ihre Heimatstadt und Rückenwind für die eigene Partei bei den nächsten Kommunalwahlen. Vielleicht hätte Helmut Kohl bei einer Niederlage auch mal Zeit, den Kaffee mit Barnett trinken zu gehen, den er ihr vor drei Jahren bei ihrer ersten und bislang einzigen persönlichen Begegnung versprochen hat.

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