ADFC fordert Freigabe der Straßen

Radler kontra Autos - Es geht vors Gericht

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Von MICHAELA BRINKMEIER Fahrradgeklingel, Bremsenquietschen und Gefluche, als ein Pulk Fußgänger beim Einsteigen in den Bus 182 den Radweg versperrt. Eine alltägliche Situation an der Osterstraße - und dagegen wehrt sich der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC). Wenn es nach ihm geht, sollten Radfahrer bei engen Radwegen wie in der Osterstraße auf der Straße fahren dürfen. Daß die Innenbehörde das nicht erlaubt, sei rechtswidrig, sagt der ADFC-Vorsitzende Ulf Dietze.

Hintergrund: Am Donnerstag tritt die zweite Stufe der Radfahr-Novelle in Kraft. Dann sind nur noch Radwege benutzungspflichtig, die mit dem blauen Radweg-Schild gekennzeichnet sind. Gibt es kein Schild, dürfen Radfahrer die Straße benutzen. Und das ist laut ADFC viel zu selten der Fall. Ulf Dietze: "Die Innenbehörde verstößt gegen die Vorgaben der Verwaltungsvorschrift zur Straßenverkehrsordnung. Radwege dürfen nur ausgeschildert werden, wenn sie die Kriterien hinsichtlich Breite, Oberfläche und Linienführung erfüllen." Das sei aber bei 80 Prozent der Radweg-Kilometer in Hamburg nicht der Fall. "Hier müßte man die Fahrbahn freigeben. Trotzdem setzt sich Hamburg über die vorgeschriebenen Mindest-Standards hinweg und schildert 80 bis 90 Prozent als benutzungspflichtig aus."

Laut Innenbehörde ist rund die Hälfte der 1800 Radweg-Kilometer benutzungspflichtig. Sie hat in den letzten Monaten für 600 000 Mark neue Radweg-Schilder aufgestellt. "Wir haben in jedem Einzelfall vor Ort geprüft, ob eine Benutzungspflicht angebracht ist", versichert der Sprecher der Innenbehörde, Christoph Holstein. "Die Sicherheit der Radfahrer hat für uns mehr Gewicht als die sture bürokratische Erfüllung von Kriterien. Wenn ein Radfahrer auf einem holprigen, zu schmalen oder kurvigen Radweg sicherer aufgehoben ist, ordnen wir auch da die Benutzungspflicht an."

Innensenator Hartmuth Wrocklage appellierte gestern an die Radfahrer und Autofahrer: "Wir erreichen mehr Sicherheit auf den Straßen auch durch freundlichen und rücksichtsvollen Umgang miteinander."

Der ADFC setzt dagegen auf Konfrontationskurs. Morgen will er fünf Muster-Widersprüche gegen die Benutzungspflicht einreichen und - falls er damit nicht durchkommt - vor dem Verwaltungsgericht klagen. Gestern protestierte er mit selbstgemalten Achtung-Schildern an der Osterstraße. Die vorbeikommenden Radler äußerten allerdings eher Verständnis für die Innenbehörde. Beispielsweise sagte Peter Buschmann (33): "Ich bin lieber weg von der Straße. Mit den Autos dazwischen - da passiert doch zuviel". Und Rudolf Sommer (64) sagte: "Wegen der vielen Autos fühle ich mich auf dem Radweg sicherer." [GROSSES GEFÜLLTES STERNCHEN] Zufrieden zeigte sich der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club mit dem Bau des "Eppendorfer Kreisels" - ein enger Kreisverkehr für die Velo-Route auf der Durchgangsstraße Eppendorfer Weg. Auch dort gibt es Hupkonzerte, Bremsenqietschen und Gefluche. Von den Autofahrern.

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